Stück für Stück zieht die Umweltschützerin den Strohhalm aus der Nase der Schildkröte. Allein der Anblick tut weh: Das Tier kneift die Augen schmerzgeplagt zusammen, Blut tropft aus der Nase. Ist es möglich, dass virale Videos wie dieses die Weichen in der Umweltpolitik neu gestellt haben? Ja, glaubt Marco Pfister, Fachexperte für Plastik bei Greenpeace Schweiz.

In den letzten Wochen und Monaten ging es Schlag auf Schlag: Zuerst gab Grossbritannien bekannt, Trinkhalme, Wattestäbchen und andere Einwegprodukte aus Plastik auf eigene Faust verbieten zu wollen. Auch ein Pfandsystem für Plastikflaschen sowie ein Verbot von Gratis-Plastiksäcken sind geplant im Königreich.

Die Europäische Union konkretisierte kurz danach ihre Pläne, die häufigsten Wegwerf-Produkte aus Plastik zu verbieten. Die kanadische Regierung um Justin Trudeau will derweil die G7-Staaten davon überzeugen, eine Zero-Plastic-Waste-Charta zu unterzeichnen. Deren Ziele sind noch viel ambitionierter sind als jene der EU.

Schon vor einem Jahr hat die UNO zudem eine weltweite Kampagne gegen Plastik im Meer gestartet. Und auch im Kleinen tut sich etwas – wie etwa das Beispiel der Stadt Neuenberg zeigt, die als erste Schweizer Stadt Plastik-Trinkhalme aus Restaurants und Bars verbannt.

Womit wir wir wieder bei der Schildkröte wären. Der YouTube-Clip wurde im Original knapp 26 Millionen Mal aufgerufen, dazu kursieren unzählige Kopien im Netz. Auch Aufnahmen von verendeten Walen mit quadratmeterweise Plastiksäcken im Magen wecken in den sozialen Medien derzeit grosse Betroffenheit.

«Ich bin überzeugt, dass solche Bilder – in Kombination mit den immer dringlicher werdenden Warnungen aus der Wissenschaft und dem steten Druck der NGOs – bis in die höchsten Regierungsebenen ihre Wirkung entfaltet haben», so Greenpeace-Experte Pfister.

Tatsächlich jagte in den letzten Monaten eine Hiobsbotschaft aus der Umweltforschung die nächste:

  • Im Januar warnten Wissenschaftler am WEF, dass bis 2050 mehr Plastikteile als Fische im Meer schwimmen werden.

  • Ende April vermeldeten Polarforscher eine Rekordkonzentration an Mikroplastik in der Arktis – 12’000 Teilchen pro Liter Meereis.

  • Nur Tage danach kam eine Studie der Universität Bern zum Schluss, dass rund 53 Tonnen Mikroplastik in den Schweizer Böden liegen. Selbst in entlegensten Naturschutzgebieten fanden die Forscher Plastikteilchen.

  • Überliefert ist, dass die britische Queen höchstpersönlich dem Plastikmüll den Kampf angesagt hat, nachdem sie die Dokumentationsreihe «Blue Planet II» (2017) des preisgekrönten Naturfilmers David Attenborough gesehen hatte. Im Buckingham Palace sind Plastikröhrli und -flaschen seither tabu, wie der «Telegraph» berichtete.

«Blue Planet II» war in Grossbritannien die erfolgreichste TV-Produktion des letzten Jahres – allein die erste Folge sahen in der Woche nach der Ausstrahlung gut 14 Millionen Menschen.

Michael Stauffacher, Professor für Umweltsysteme und Politikanalyse an der ETH, bestätigt, dass emotionale Faktoren bei umweltpolitischen Entscheiden durchaus eine Rolle spielen können. «Mit der Diskussion um Plastikabfälle im Meer spüren sicher viele Politiker einen starken Druck von ihren Wählerinnen und Wählern.» Darauf versuchten sie zu reagieren – auch im Hinblick auf die eigene Wiederwahl.

Stauffacher identifiziert jedoch auch ganz praktische Gründe für den plötzlichen Eifer der Regierungen. So etwa, dass Chinaüberraschend verkündet hat, auf Anfang dieses Jahres keinen Altplastik aus dem Ausland mehr zu importieren. Davor waren 56 Prozent aller weltweiten Plastikabfälle in der Volksrepublik gelandet, wo sie wiederverwertet oder verbrannt wurden. Ein Teil davon landete laut Beobachtern aber ebenfalls im Meer.

«Europa beginnt zu erkennen, dass die getrennte Sammlung von Plastik ohne eigene Recycling-Optionen ein heikler Pfad ist», so Stauffacher. Das neue Prinzip heisst darum: Die Abfallberge reduzieren statt auslagern.

Die geplanten Gesetzesänderungen dürften auch zu einem gesellschaftlichen Umdenken führen, ist Konsumpsychologe Christian Fichter überzeugt. «Dem Plastik wird es ähnlich ergehen wie der Zigarette oder dem Pelz: Die soziale Akzeptanz wird drastisch sinken.» Wer seinen Drink mit einem Röhrli schlürft, könnte in Zukunft fast so schräge Blicke ernten wie jemand, der in der Bar raucht oder einen Nerzkragen trägt.

Wie schnell sich die Konsumenten von alten Gewohnheiten verabschieden können, zeigt das Beispiel der Raschelsäckli an Supermarktkassen. Eher unaufgeregt beschloss das Parlament im Jahr 2012 ein Verbot der Gratis-Wegwerfsäckchen. Sehr aufgeregt reagierte die Öffentlichkeit.

Schliesslich resultierte, sehr schweizerisch, eine Branchenlösung: Die Raschelsäckli werden seit rund eineinhalb Jahren nicht mehr gratis abgegeben, sondern für 5 Rappen das Stück verkauft. Folge: Die Nachfrage brach um über über 80 Prozent ein, der Ärger ist weitestgehend verflogen.

Laut Fichter ist der Case «Raschelsäckli» ein Lehrstück in Sachen Wirtschaftspsychologie. «Wir Menschen sind kognitive Faulpelze. Manchmal reicht eine 5-Rappen-Gebühr, um uns von einer anderen Verhaltensweise zu überzeugen.»

Dabei gehe es nicht um die finanziellen Einbussen. Psychologisch sei der Schritt von 0 auf 5 Rappen viel grösser, als wenn etwa ein Produkt von 30 auf 50 Rappen verteuert wird. «Wenn etwas, das bisher gratis war, plötzlich kostet, veranlasst uns dies, über die Gründe nachzudenken», erklärt Fichter. Dazu komme der soziale Druck: «Wer jetzt noch ein Plastiksäckchen verlangt, fühlt sich fast schon als Umweltsünder.»

Von einem wichtigen «Denkanstoss» spricht Marco Pfister von Greenpeace. «Wenn die meisten Konsumenten nicht bereit sind, 5 Rappen für ein Plastiksäckli zu zahlen, dann kann der Convenience-Nutzen nicht besonders gross sein.» Nun gelte es, diese «Erfolgsstory» auf Einweg-Geschirr und weitere Plastik-Produkte auszuweiten. «Es ist schäbig, wie die Schweiz derzeit auf der Bremse steht, während andere Staaten im Kampf gegen den Plastikmüll vorwärts machen.»

Bereits hievten Regula Rytz (Grüne) und Ursula Schneider Schüttel (SP) das Thema im Bundeshaus auf die politische Agenda. Sie forderten den Bundesrat  auf, im EU-Kampf gegen den Plastik-Wegwerfartikel mitzuziehen – vergebens. Dieser will derzeit nichts wissen von einem Verbot analog zur EU.

Er argumentiert damit, dass das Littering-Problem in der Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern klein sei. Plastikabfälle landen bei uns in der Regel in der Kehrichtverbrennung – und nicht in Flüssen oder im Meer. Damit stellen Einweg-Plastikartikel «in der Schweiz kein direktes Umweltproblem dar, sofern sie richtig entsorgt werden», wie Michael Hügi, Experte für Siedlungsabfälle beim Bundesamt für Umwelt (BAFU), zu watson sagte.

Dazu kommt: Die Menge der entsorgten Trinkhalme ist im Verhältnis zum gesamten Kunststoffverbrauch in der Schweiz laut BAFU «vernachlässigbar», ähnlich dürfte es sich mit anderen Wegwerf-Artikeln verhalten.

In seiner schriftlichen Antwort an Rytz und Schneider Schüttel ruft der Bundesrat die Wirtschaft jedoch dazu auf, freiwillig «bessere Wege» im Umgang mit Plastik zu suchen. Dabei verweist er explizit «auf den Erfolg der Branchenvereinbarung bei den Plastiksäcken».

Für eine solche Lösung spricht sich auch Konsumpsychologe Fichter aus: «Beschliesst die Politik ein Verbot, wird dies als Bevormundung verstanden. Dann droht ein Aufschrei nach dem Motto #FreeRöhrli.» Einen sanften Schubser, im Fachjargon «Nudging» genannt, wüssten manche Konsumenten hingegen sogar zu schätzen.