Tornado über dem Seetal

«Plötzlich wurde es dunkel im Haus»: So sieht es aus, wenn ein Tornado über dem Aargau aufzieht

Am Samstag wurde der Himmel über dem Seetal plötzlich dunkel. Meteorologe und Wetterfotograf Andreas Walker staunte nicht schlecht – und zückte sofort die Kamera: Er fotografierte einen in der Schweiz sehr seltenen Tornadoansatz. An Tornados sollten wir uns künftig besser gewöhnen, sagt der Experte.

Andreas Walker ist viel unterwegs dieser Tage: Als freischaffender Wissenschaftsjournalist, Meteorologe und spezialisierter Wetterfotograf hatte der Hallwiler in der aufsehenerregenden Schlechtwetterperiode alle Hände voll zu tun.

Als die az ihn an diesem Junimontag via Mobiltelefon erreicht, steht er gerade im thurgauischen Gottlieben am Bodensee.

Jetzt scheint zwar die Sonne – doch an den denkwürdigen dunklen Nachmittag vom letzten Samstag kann er sich noch bestens erinnern.

Herr Walker, Ihre Bilder vom Tornadoansatz über dem Seetal lassen einen staunen. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Walker: Es war am Samstagnachmittag. Plötzlich wurde es in unserem Haus in Hallwil so richtig dunkel. Da bin ich sofort hinaus, um zu sehen, was los ist.

Und was sahen Sie?
Eine ganz dunkle Wolke. Da musste ich vorsichtshalber schnell wieder ins Haus, um die Kamera zu holen.

Was passierte dann?
Als ich wieder draussen war, sah ich gerade den Rüssel herauskommen. Ein Wolkenschlauch senkte sich von der Unterseite der Wolke in Richtung Boden.

Wie haben Sie reagiert?
Ich war völlig fasziniert und begeistert. Und habe natürlich sofort abgedrückt. Es war der Ansatz eines Tornados.

Bestand eine Gefahr?
Nein. Das Gebilde blieb rund eine Viertelstunde lang so bestehen. Der Ansatz erreichte den Boden aber nicht.

Haben Sie zum ersten Mal einen solchen Tornadoansatz gesehen?
Bei uns im Seetal ja. Was man eher schon erlebt hat, sind Wasserhosen, etwa hier am Bodensee. Aber Tornados sind in der Schweiz sehr selten.

Was heisst «sehr selten»?
Auf dem Land vielleicht einen pro Jahr.

Also ist das Phänomen für Sie als Meteorologe hierzulande neu?
Nein, nicht völlig neu. Es gibt etwa Aufzeichnungen aus den 70er-Jahren, als ein Tornado im Vallée du Joux grosse Schäden anrichtete. Hier im Mittelland ist es aber tatsächlich neu.

Wie entsteht ein solcher Tornadoansatz überhaupt?
Es braucht spezielle Bedingungen. Eine grosse Gewitterzelle mit labilen Luftmassen an der Unterseite. So kann Luft nach oben gezogen werden und die Wolke beginnt sich zu drehen.

Steht das von Ihnen beobachtete Phänomen in Zusammenhang mit der Schlechtwetterperiode, die wir zuletzt erlebten?
Ja, und zwar insofern, dass die Schichten zuletzt immer sehr labil waren. Es gab häufig grössere Gewitter.

Stellen Sie denn auch eine Zunahme von Tornados in unseren Breitengraden fest?
Dieses Jahr ist sicher extremer als auch schon. In Deutschland etwa wurden 2016 bereits um die 20 Tornados registriert.

Kurz, aber heftig: Diese Aufnahmen sind mitten im Wirbelsturm entstanden.

Kurz, aber heftig: Tornado wütet am 7. Juni in Hamburg.

Sollten wir uns daran gewöhnen?
Es gibt Modelle, die davon ausgehen, dass die Häufigkeit solcher Phänomene künftig auch in der Schweiz zunimmt. Klar ist: Es wird immer mehr grössere Gewitter geben. Und je mehr grössere Gewitter, desto höher die Tornadogefahr.

Andreas Walker hat im Aargau Polarlichter fotografiert:

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Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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