Rosmarie Mehlin

Georg (Name geändert) ist 57-jährig und von Beruf Rechtsanwalt. Vor Einzelrichter Daniel Brunner aber sass er nicht etwa als Verteidiger, sondern als Beschuldigter. Und er war ohne Anwalt erschienen, denn einen solchen kann Georg sich rein finanziell nicht leisten. Er ist, salopp ausgedrückt, ein armer Tropf und das in mancherlei Hinsicht.

Seine pflegebedürftige Frau muss in einem Heim betreut werden, was enorme Kosten verursacht. Das Haus ist mit 700 000 Franken belastet, Georg seit einiger Zeit arbeitslos und psychisch krank: Er sei, so sein Arzt, manisch-depressiv. Manische Phasen seien unter anderem durch erhöhte Reizbarkeit, fehlende Energie und Hemmungslosigkeit wie etwas Geldverschwendung geprägt. Vor zwei Jahren sei Georg deswegen in seiner Zurechnungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen, sagt der Psychiater als Auskunftsperson in der Verhandlung.

Er hatte diese Diagnose zuhanden des Gerichts auch bereits schriftlich festgehalten gehabt und das, obwohl Georg erst ein halbes Jahr bei ihm in Behandlung ist. Darob sichtlich etwas befremdet, bohrte Richter Brunner nach, ob und warum der Arzt retrospektiv eine solche Diagnose absolut überzeugt stellen könne. Weil, so der Psychiater, das Verhalten, das Georg im fraglichen Zeitraum offensichtlich an den Tag gelegt hatte, ganz und gar typisch sei für eine manische Phase.

Nur Druck ausgeübt

Was hatte er denn damals, im Sommer 2007, getan? Georg, zuvor als Jurist im Angestelltenverhältnis tätig, hatte sich als Rechtsanwalt selbstständig gemacht und eine Mandantin hatte seine Dienste für eine Einsprache in einem Baubewilligungsverfahren in Anspruch genommen. Ein Gebiet, auf dem der Jurist Georg keinerlei Erfahrung hatte. In diesem Zusammenhang hatte er jenem Mann, A.S., der am Grundstück von Georgs Mandantin vorbei eine Zufahrtsstrasse bewilligt haben wollte, einen Brief geschrieben. Darin hatte Georg aufgeführt, gegen die Bezahlung von 55 000 Franken werde seine Mandantin ihre Einsprache zurückziehen.

Vor dem Richter sagte Georg, diese 55 000 Franken seien nur als Verhandlungsbasis gedacht gewesen dafür, sich ausserhalb des Verfahrens zu einigen. «Es war ein Angebot und keine Drohung». Den Vorwurf der Erpressung wies der Beschuldigte weit von sich: «Ich habe lediglich Druck auf A.S. ausgeübt.» Dass er A.S. auch noch beschimpft habe, gestand Georg hingegen kleinlaut ein. Ja, er habe ihm in einem weiteren Brief auch vorgehalten, dass A.S. «im Kreis 4 in Zürich mit einer Vollbusigen aus dem Kaukasus ziemlich beschäftigt und nicht mehr ganz nüchtern» gewesen sei.

Genugtuung für guten Zweck

Er gebe zu, so Georg, damit «über das Ziel hinausgeschossen» zu sein. Es sei rein emotionell gewesen, habe nichts dabei überlegt, «eben weil ich manisch war.» Den Antrag des Staatsanwaltes, er sei zu 8 Monaten Freiheitsstrafe bedingt zu verurteilen, fand Georg «absolut schockierend und überrissen.» Mehr hatte er zu seiner Verteidigung nicht zu sagen.

Einzelrichter Daniel Brunner sprach Georg schuldig gemäss Anklage und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 5500 Franken und 500 Franken Busse. Dem Antrag von A.S., als Genugtuung solle Georg 3000 Franken zuhanden der Aargauer Stiftung für cerebral Gelähmte überweisen, folgte der Richter teilweise, indem er den zu überweisenden Betrag auf 1000 Franken festlegte.