Otto Graf

Es ist noch keine zwei Monate her, da frohlockten die Kirschenproduzenten hierzulande und sprachen bereits von einer Wunderernte. Doch die Natur setzte namentlich den Hochstämmen zu. Der Regen in der zweiten Hälfte der Ernte liess die süssen Früchte platzen und verwandelte die Tafelkirschen in Brennkirschen - oder in Futter für die Vögel, den Fuchs und den Dachs. Letztere können zwar nicht klettern. Aber der Vogel oben im Geäst sorgt dafür, dass auch für die Kreaturen auf dem Boden etwas abfällt. In einigen Gebieten setzte der Hagel einen traurigen Schlusspunkt unter eine Geschichte, die recht verheissungsvoll begann.

Die Gesamtbilanz der Kirschenernte 2009 fällt jedoch, wie der Schweizerische Obstverband mitteilt, dennoch positiv aus. Mit über 2200 Tonnen wurden in der Schweiz mehr Tafelkirschen geerntet und in den Handel gebracht als im Schnitt der letzten zehn Jahre, der bei 1914 Tonnen liegt. 2008 ging als schlechtes Kirschenjahr in die Geschichte ein, auch quantitativ. So erstaunt es nicht, dass die diesjährige Ernte, die praktisch abgeschlossen ist, um den Faktor 1,7 reichlicher ausfällt.

«Schweizer Kirschen liegen im Trend», stellt die Organisation weiter fest. Allerdings hat sich das Konsumverhalten in den letzten Jah-ren ausgeprägt zu den grossen und knackigen Früchten der Verkaufsklassen «Premium» und «Extra» verlagert. Volle zwei Drittel der gesamten Tafelkirschenernte gingen in diesen Klassen über den Ladentisch. Der Anteil der «Klasse 1» geht folglich stetig zurück. Vor zehn Jahren war diese Klasse, die hauptsächlich aus traditionellem Anbau stammt, mit einem Anteil von 95 Prozent noch marktbeherrschend.

Damit das Kirschengeschäft nicht zu einem va-banque-Spiel wird, sind die Produzenten gezwungen, sich den harten Marktbedingungen anzupassen. Sie müssen beträchtliche Summen in die Infrastruktur der Niederstammanlagen investieren, namentlich in Bedachungsanlagen.

Nur wer die Früchte vor dem Regen schützt, kann ein qualitativ einwandfreies Produkt ernten und zu einem entsprechenden Preis absetzen. Die Hochstämme haben den Nachteil, dass sie aufgrund ihrer Grösse praktisch nicht überdacht werden können.

Die Qualität einer Ernte hängt deshalb direkt mit den Niederschlägen zusammen. Die Wassertropfen auf der Haut der Frucht verdünnen die Zuckerlösung im Innern. Der Druck steigt, bis die Haut aufplatzt wie beim Wienerli, das zulange im heissen Wasser liegt. Irma Weber aus Ormalingen nimmt es gelassen. Die köstlichen «Schauenburger», die sie von ihren Bäumen holte, liessen punkto Geschmack keine Wünsche offen - bis der Regen kam und die Ernte beendete. «Dann halt wieder im nächsten Jahr», meinte sie optimistisch.

Neben den Tafelkirschen fallen pro Jahr im Schnitt auch rund 1200 Tonnen Kirschen an, die zu Konfitüre und Konserven verarbeitet werden. Deshalb nennt man dieses Sortiment «Konserven». Weitaus der grösste Teil der Ernte, etwa 3700 Tonnen, landet als Brennkirsche im Fass. Tendenziell, so der Obstverband, nehme die Tafelkirschenproduktion zulasten der Brennkirschen zu.