Felix Straumann

Dieser Wohncontainer genügt sich selbst. 1280 Solarzellen auf dem Dach liefern genügend Strom für Heizung, Kühlung, Warmwasser, Licht und sämtliche Geräte. Während mindestens neun Monaten im Jahr bleibt sogar ein Überschuss, um einen Elektro-Smart zu betanken und damit täglich rund 80 bis 100 Kilometer zu fahren. Auch Frischwasser braucht es keines: Das leicht abgeschrägte Dach fängt Regenwasser auf, das dann von Filtern zu Trinkwasser aufbereitet wird. Nach Gebrauch wird das Wasser mit einer kleinen internen Kläranlage aufbereitet und für Dusche und Toilettenspülung verwendet.

«Self» heisst die autarke Wohneinheit, die nichts braucht. Sie treibt auf die Spitze, was heute im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien technisch möglich ist, und sorgt damit unter Fachleuten und Laien für viel Aufmerksamkeit. Ein Prototyp von «Self» wurde vor wenigen Wochen fertig gebaut und in Basel an der wichtigen Fachmesse Swissbau erstmals vorgeführt. «Die Rückmeldungen waren super», sagt Sandro Macchi, Industriedesigner an der Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt). Auch die Medien interessieren sich. Ein Reporter der SF-Wissenschaftssendung «Einstein» soll den autarken Container sogar bewohnen und anschliessend darüber berichten.

Die Raumzelle von der Grösse eines Schifffrachtcontainers und mit einem Gewicht von fünf Tonnen ist als Wohn- und Arbeitsort für zwei Personen konzipiert. Forscher von der Empa und der Eawag (Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz) haben sie zusammen mit verschiedenen Industriepartnern für die hiesige Klimazone konzipiert. «Wir wollten damit auf kleinem Raum austesten, wie weit wir gehen können», sagt Macchi. Ziel war dabei nicht eine konkrete Anwendung etwa als Guesthouse, mobile Forschungsstation oder Event-Location. Macchi: «Wir wollten ein Demonstrationsobjekt erstellen, das wir an Ausstellungen auch zu Leuten bringen können.» Der Vorteil der überschaubaren Wohneinheit: Mit vergleichsweise geringen Kosten können die Forscher mit neuen Materialien und Techniken experimentieren, ohne einem Bauherrn verpflichtet zu sein.

Das meiste an «Self» besteht aus extra konzipierten Komponenten. So etwa die Gebäudehülle aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Für die Wärmedämmung sind hoch isolierende Vakuumplatten im Einsatz. Und überall wird gespart: Ein Wärmetauscher wärmt die Frischluft mit der Abluft vor, der Wasserfilter läuft fast ohne Strom, die Toilette verbraucht nur 1 Liter Wasser pro Spülung.

Auch die Gewinnung der Sonnenenergie ist auf dem neusten Stand: «Die Solarzellen haben einen Wirkungsgrad von 23 Prozent und sind das Beste, was es zurzeit auf dem Markt gibt», sagt Reto Miloni, Geschäftsführer von Solventure in Hausen AG, die die Solartechnik beigesteuert hat. Während etwa dreier Monate im Jahr genügt die erzeugte Energie allerdings nicht, um alle Bedürfnisse zu decken. Deshalb wird die überschüssige Energie in Lithium-Polymer-Batterien gespeichert, um während zweier Wochen sonnenarme Perioden zu überbrücken.

Mit «Self» möchten die Forscher zudem die Energiespeicherung über längere Zeitspannen mittels Wasserstoff erproben. Der überschüssige Strom an sonnigen Tagen produziert dabei mittels Elektrolyse Wasserstoff, der in neuartigen, mit Metallhydriden gefüllten Behältern zwischengespeichert wird. Das Gas wird dann verwendet, um im Winter zusätzlich zu heizen sowie ganzjährig zu kochen.

Trotz all dem High Tech werden allfällige Bewohner auf den Energieverbrauch schauen müssen: «Self» hat keine Badewanne, Stromfresser wie Heizstrahler oder Elektrokochherd liegen nicht drin. Doch einschränken müsse man sich nicht, ist Macchi überzeugt. «Es hat genug Energie für ei-
nen Geschirrspüler, zwei Laptops, einen Kühlschrank und so weiter», sagt er. «Auch frieren muss man nicht; gekocht wird mit Wasserstoff.»

Mit dem Bau von «Self» ist noch nicht Schluss mit der Wissenschaft. Jetzt kommen Praxistests: Funktioniert die dünne Wand als Ersatz für eine Steinwand? Ist die Wasseraufbereitung gut genug? Was passiert, wenn etwas ändert, neue Materialien eingebaut werden oder der Standort weniger sonnig ist? Diese Fragen wollen die Forscher als Nächstes beantworten.

Ist «Self» die Wohnform der Zukunft? «Wir sollten uns sicher in die-se Richtung bewegen», glaubt Macchi. Er meint damit nicht das Konzept eines 1,5-Zimmer-Hauses, sondern den minimalen Energieverbrauch und die Selbstversorgung. Macchi: «Das ist der Weg, den wir gehen müssen.»

«Self» wird vom 9. bis zum 11. April im Hauptbahnhof Zürich an der Messe Klimawelt
und von 15. bis zum 18. April an der Messe Bauen + Wohnen in Wettingen zu sehen sein.