Als er sieht, dass seine Frau den Stuhl nach hinten schiebt, das Baby auf dem Arm, wirft sich Steve Schild ein Spucktuch über die Schulter: «Ich nehme sie.» Ruhig liegt Tochter Yanika auf seiner Brust. «Meine Familie wird mir sicher fehlen auf dem Mars.» Er küsst Yanika auf den Hinterkopf. Aber das sei kein Grund, nicht zu gehen. Schild ist Kandidat der Stiftung Mars One, die eine menschliche Siedlung auf dem roten Planeten errichten will. Der Hinflug dauert über sechs Monate. Ein Rückflugticket gibt es nicht.

«Mir wäre es lieber, er wäre tot, als im Nirgendwo da oben», sagt Corinna Schild Küttel und zeigt zur Küchendecke. Aber weil die Reise noch so weit weg sei, denke sie eigentlich nie daran. Als Mars One 2011 gegründet wurde, war der Abflug auf 2023 angesetzt. Aktuelles Abflugdatum: 2031.

Auf die Frage, ob Mars One eines Tages Menschen auf den Mars bringen wird, sagt Ben Moore, Professor für Astrophysik an der Universität Zürich: «no way». Mars One habe weder das Budget noch das Personal oder die Erfahrung. Er ist überzeugt, dass keine der derzeit geplanten Missionen Erfolg haben wird. Auch nicht Space X von Tesla-Chef und Milliardär Elon Musk. Moore rechnet vor: Space X hat 7000 Angestellte und ein Vermögen von 20 Milliarden Dollar. Um auf dem Mond zu landen, brauchte es 400'000 Leute und 120 Milliarden. Eine bemannte Marsmission würde mindestens 500 Milliarden Dollar kosten.

Das Geld für Mars One wollte der niederländische Unternehmer Bas Lansdorp mit der Mars One Ventures AG einholen. Auf Anfragen reagiert er nicht, der letzte Newsletter von Mars One ist über ein Jahr alt. News kamen zuletzt aus dem Handelsregister: Die Mars One Ventures AG mit einem Aktienkapital von knapp 100 Millionen Franken wird liquidiert. Im Januar wurde in Basel das Konkursverfahren eröffnet. Trotzdem sagt Steve Schild in seiner Erdgeschosswohnung in Elgg:

Vor vier Wochen habe er von Mars One gehört. Was, dürfe er nicht sagen, «streng geheim». Es stimme ihn aber «sehr optimistisch».

Weltrekord im Distanzrutschen und Bockspringen

Corinna Schild Küttel giesst heisses Wasser in Tassen. «Es gibt halt Bröselkaffee mit Hafermilch.» Sie hofft, das sei okay. Die Familie ernährt sich vegan. Für die Zeit auf dem Mars sei das ohnehin viel besser, sagt Steve Schild. Über ihre ­Ernährung und ihre Familie schreibt die gelernte Reformfachfrau, 27, einen Blog. Ihre Erziehung nennt sie «Free­style-Vegan»: «Wir sind überzeugt, dass unsere Kinder keine Erziehung benötigen, sondern Vorbilder.»

Wer sind ihre Vorbilder? Er sagt: «Elon Musk. Und Captain Kirk. Er ist locker, aber ein Chef, wenn’s drauf ankommt.» Sie sagt: «Steve. Wie er seine Ziele verfolgt, beeindruckt mich.» Und welche Frau könne schon sagen, dass ihr Mann gleich mehrere Rekorde aufgestellt hat? «Das ist schon geil.» Steve Schild hält Weltrekorde im Distanzrutschen, Bockspringen, 24-Stunden-Einkaufswägelischieben und Skiseilspringen.

Der gelernte Elektromonteur arbeitet als Verkaufsberater Ostschweiz bei einer Firma für Zeitschaltuhren, nebenbei lässt er sich in Winterthur zum Marketingleiter ausbilden. Sollte sein Traum in Erfüllung gehen, wäre er beim Abflug in zwölf Jahren 46. Das Alter sei kein Problem, er müsse nur darauf achten, gesund zu bleiben. Mit 77 Jahren war John Glenn 1998 der älteste Astronaut im All.

Unter den Mars-One-Kandidaten sind auch Reginald aus Pakistan, 64, und Wolfgang aus Deutschland, 56, der gemäss Homepage gerne barfuss auf dem Gras läuft. Zaskia, 21, aus Bolivien taucht gerne – ein Hobby, das viele Kandidaten teilen. Sie alle vereint die Sehnsucht, in eine andere Welt abtauchen zu wollen. 100 Kandidaten wählte Mars One vor sechs Jahren aus. Sie sollten in einer Art Astronauten-«Big Brother» gegeneinander antreten, 24 von ihnen auf den Mars fliegen. Nach wie vor sind es 100, Steve Schild ist der einzige Schweizer. Für Fotoaufnahmen hat er sich einen Astronauten-Blaumann besorgt und eine Schweizer Fahne aufgenäht.

Es geht mehr um die Marke als um die Mission

«Tages-Anzeiger», «Schweizer Illustrierte», auch das Onlineportal Vice haben über ihn berichtet. Schild sucht die Aufmerksamkeit. In Frauenfeld hat er einen Escape-Room mitkonzipiert und gerade einen weiteren Science-Fiction-Roman veröffentlicht. Es geht mehr um ihn als Marke als um seine Mission. Sein vorletztes Buch «Druidenzeit» ist autobiografisch. Schild erzählt zwar von seiner Kindheit in Romanshorn und Salmsach mit zwei jüngeren Schwestern und dass er früh vom All fasziniert war. Persönliches taucht aber kaum auf. Stattdessen seitenweise E-Mails von Druiden.

Schild war fünf Jahre lang Mitglied bei den Rosenkreuzern. Als er das Gefühl hatte, nichts mehr zu lernen, schloss er sich den Druiden an. «Ich hatte viele tolle Begegnungen und habe viel über Zwischenmenschliches und die Natur gelernt.» Doch der Orden sei rückständig. Ihn störte, dass Frauen nicht mitmachen dürfen. Nach zwei Jahren ging er.

Angesprochen auf Brüche in seiner Biografie nennt Schild die Scheidung von seiner ersten Frau, die ihn verlassen hat. Schreiben sei für ihn ein Prozess, Trennungsängste zu verarbeiten. Corinna Schild Küttel und er sind seit bald zehn Jahren ein Paar. Am 8.8.2018 haben sie geheiratet. Über dem Sofa hängt ein Hochzeitsbild, aufgezogen auf zwei Leinwände. Er im Anzug auf dem einen, sie im weissen Kleid mit der älteren Tochter Elvira auf dem anderen. Ihr Bild hängt etwas entfernt und tiefer als seines.

«Den Antrag hat er mir da unten gemacht», sagt sie und zeigt auf die Treppe. Steve Schild gibt seiner Frau das Baby und steigt hinab. Er schlafe hier unten, wenn die Kinder nachts zu laut sind. Auf dem Bett liegt eine zerwühlte Decke. Eine ganze Wand bedeckt das Bild eines Mars-Rovers. In einer Glasvitrine stehen kleine Raketen aus Plastik, ein Aufnäher mit Nasa-Logo, ein Mars-Schokoriegel. Und ein Foto des Paares, auf dem beide noch jünger sind.

Zurück in der Küche sagt Corinna Schild Küttel: «Ich könnte genauso gut alleinerziehend sein, wenn Steve auf der Erde bleibt. Es kann gut sein, dass wir uns in zwei Jahren trennen.» Sie zuckt dabei besonders betont mit den Schultern. Er stimmt ihr mit fester Stimme zu: «bei der Scheidungsrate». Über seine Verantwortung als Vater sagt er, es sei völlig normal, dass Eltern ihre Kinder nicht ein Leben lang begleiten. Und:

Ein Leben ohne Internet, Spitäler und Wein

Auf den Mars möchte Schild, weil er Neues entdecken möchte. «Weil ich forschen und ein Pionier sein will.» Sein Leben dort stellt er sich so vor: «forschen, experimentieren, Technik, gärtnern, Freizeitaktivitäten». Astrophysiker Ben Moore wählt andere Bilder: Man hätte permanenten Jetlag und müsste in verschlossenen, containerartigen Gebäuden leben. Das Essen wäre eklig und man könnte das Internet, Spitäler oder ein gutes Glas Wein gleich ganz vergessen. Trotzdem sollten Menschen eines Tages zum Mars reisen, findet Moore. In 50 Jahren könnte es so weit sein.

Corinna Schild Küttels Traum ist «ein Leben auf dem Land, ein Selbstversorgerhof». Steve Schild sagt, das könne er sich auch gut vorstellen. Beim Besuch in Elgg möchte er etwas zeigen. Er nimmt eine Art überdimensionierte Schweisserbrille von der Ablage, eine Augmented Reality Brille. Mit dem Daumen fährt er über eine Fernbedienung. Damit kann er einen virtuellen Spaziergang auf dem Mars machen, vorbei an Kratern und Hügeln. Steve Schild steht mitten im Raum und ist doch nicht da. Seine Frau sitzt mit den Töchtern am Küchentisch und schmiert Brote.