Abnehmen
Wenn vor Hunger die Seele knurrt

Seit gut 30 Jahren befasst sich die Ernährungspsychologie mit der seelischen Seite des Essens oder Fastens. Vorläufiges Fazit: Hunger ist nicht immer das entscheidende Gefühl.

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Schweiz am Sonntag

Von Walter Brunner

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, sagt der Volksmund. Doch wer zu viel Zusammenhalt sucht, nimmt zu. Wer die Leere in der Seele mit Lebensmitteln stopfen möchte, mästet nur den Leib. Um solche Zusammenhänge kümmert sich seit etwa 30 Jahren die Ernährungspsychologie. Sie erforscht eine grosse Zahl von Essmotiven, die teilweise gar nichts mit Hunger- und Sättigungsgefühlen zu tun haben.

Den Appetit steigern unter anderen folgende Gründe: Aktionen in den Läden, traditionelle Festessen oder persönliche Gewohnheiten. Weniger gegessen wird zum Beispiel dann, wenn der Preis hoch ist, wenn man Schadstoffe im Essen meiden will oder wenn man einem Schlankheitsideal huldigt.

Die Zusammenhänge spielen auch beim Abnehmen eine grosse Rolle, das zeigt ein Beispiel aus Basel. Etwa die Hälfte der Menschen, die abnehmen wollen, geben wieder auf. Aber von 60 Patienten, die psychologisch motiviert wurden, haben nach 19 Monaten nur sieben Prozent abgebrochen (vier Personen).

Seit 30 Jahren

Die Grundthese der Ernährungspsychologie lautet, dass nicht nur Hunger, Durst und Sättigungsgefühle das Essverhalten steuern, sondern auch sekundäre Bedürfnisse wie Vorliebe, Gewohnheit oder Geschmack. Bei Essstörungen sind seelische Faktoren wichtiger als das Sättigungsgefühl.

Zu den Begründern der Ernährungspsychologie zählt Professor Volker Pudel von der Universität Göttingen. Er ist seit 1976 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und erfand die «Pfunds-Diät», die vor allem Wert auf fettarme Ernährung legt. (bru)

Dieses Beispiel erzählt Jürgen Margraf, Vorsteher der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Fakultät für Psychologie der Uni Basel. Das Wichtigste für Margraf ist, dass Übergewichtige sich gesünder ernähren und mehr bewegen, und zwar für den Rest ihres Lebens.

«Es ist besser, die drittbeste Methode zu wählen und dabei zu bleiben, als die beste Methode zu wählen und dann abzubrechen», sagt er. Wichtig sind auch realistische Ziele. Laut Margraf wollen viele Übergewichtige zum Beispiel einen Drittel ihres Gewichts verlieren. «Da steckt die Idee dahinter: Ich möchte wieder sein wie mit 18, jung, gesund und das Leben noch vor mir. Das ist unrealistisch.»

Ein Pfund pro Jahr nehme der Mensch zu, Übergewichtige mehr, sagt Margraf. Eine Person mit 100 Kilo sei in zehn Jahren zehn Kilo schwerere. «Wenn sie das verhindern kann, ist das schon ein toller Erfolg.» Dazu braucht es eine Umstellung auch der Vorstellungen.

Wer alles richtig mache, könne langfristig fünf bis zehn Prozent des Gewichts reduzieren. «Und das schafft nur eine Minderheit. Die meisten nehmen zuerst mehr ab, aber wegen des Jo-Jo-Effekts auch wieder mehr zu», sagt Jürgen Margraf. Er rät den Leuten nicht unbedingt, weniger zu essen, sondern mehr vom Richtigen - siehe Ernährungspyramide.

Zudem empfiehlt Margraf viel Alltagsbewegung, Kraftsport und Ausdauersport. Dieser sollte so anstrengend sein, dass man nachher noch einen Satz sagen kann, ohne nach Luft schnappen zu müssen. «Ein wichtiger Motivationsfaktor ist, dass einem das Training etwa nach zehn Wochen fehlt, wenn man es unterlässt. Dann kann man lebenslang durchhalten.»