Letztes Jahr war es kein Wort, sondern ein Hashtag, das zum Wort des Jahres gewählt wurde: #MeToo. Ein Begriff, der dermassen Kraft hatte, dass er diverse Grössen zu Fall brachte.

Lange schienen sie als unantastbar, sei es weil sie Vorgesetzte waren oder weil man von ihnen abhängig war. Menschen wie Harvey Weinstein, Bill Cosby oder Kevin Spacey haben ihre Position ausgenutzt. Lange wurde alles totgeschwiegen. Bis zum 5. Oktober letzten Jahres, als die «New York Times» mit dem Artikel über Medienmogul Weinstein den ersten Stein ins Rollen brachte. Es ging um bekannte Schauspielerinnen, die den Produzenten der sexuellen Übergriffe und Vergewaltigung beschuldigten. Wenige Tage später rief Schauspielerin Alyssa Milano den Twitter-Hashtag #MeToo in die Welt. Seitdem ist es kein David-gegen-Goliath-Kampf mehr.

Nicht nur die Filmindustrie bröckelt. In allen Sektoren kommen immer mehr Vorwürfe ans Licht. Erst letzte Woche bezichtigte Kathryn Mayorga den Weltfussballer Cristiano Ronaldo der Vergewaltigung. Laut ihren Anwälten sei die #MeToo-Bewegung ausschlaggebend gewesen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

#MeToo hat auch seinen Weg in die Politik gefunden: Nach zahlreichen Rücktritten traf es auch den Mann, den US-Präsident Donald Trump für einen Posten im höchsten Gericht des Landes vorgesehen hat, Brett Kavanaugh. Christine Blasey Ford klagte an, in der High School von Kavanaugh sexuell belästigt worden zu sein. Eine Anhörung folgte. Trotzdem wurde er zum Supreme-Court-Richter gewählt. Ein Zeichen dafür, dass sich vielleicht doch nichts geändert hat?

Die Community fängt Frauen auf

«Ganz so einfach ist es nicht», sagt #MeToo-Initiantin Alyssa Milano in einem Interview mit dem amerikanischen Sender NBC. Die Bewegung habe vielen Frauen die Angst genommen. «Jetzt hört man ihnen zu und gibt ihnen eine Plattform», sagt Milano. In Ländern wie Schweden wurden neue Gesetze erlassen. Hollywood-, Sport- und Politikgrössen sind nicht mehr unantastbar. Im September wurde Bill Cosby wegen schwerer sexueller Nötigung zu mindestens drei und höchstens zehn Jahren Haft verurteilt. Auch in der Sportszene gab es Verurteilungen: Der Arzt der amerikanischen Turnmannschaft, Larry Nassar, soll 140 Sportlerinnen sexuell missbraucht haben und wurde zu 125 Jahren Haft verurteilt.

Milano verweist auf den Kavanaugh-Fall. Daran könne man sehen, dass sich vieles geändert habe, jedoch noch vieles folgen müsse. Milano gibt sich siegessicher: «Wir sind am Gewinnen. Unsere Kinder sollen nicht dasselbe durchstehen müssen, wie wir», sagt sie. Weitaus kritischer äussert sich hingegen die Aktivistin Tarana Burke: «In diesem Land verstehen die Menschen nicht, wie schwer es ist, den Mut zu haben, so etwas auszusprechen.» Schuld daran sei vor allem Donald Trump. In einem NBC-Interview klagt Burke: «Wie soll die Gesellschaft reagieren, wenn der Präsident davon ausgeht, dass die Frauen lügen?»

Dieser Meinung ist auch Anwältin Laura Noble, die Teil der Organisation Time’s Up ist – der Verband hilft Opfern sexueller Gewalt. Es sei tragisch, wie Frauen hinterfragt würden. Das sei Alltag für diejenigen, die sich trauten, ihre Geschichte zu erzählen. «Trotzdem ist es heute anders. Es gibt eine Community, die die Frauen auffängt. Das gab es früher nicht», sagt Noble. Jetzt seien die Gesetze an der Reihe, neue müssten erlassen werden. Die Aktuellen, falls vorhanden, seien nicht mehr zeitgemäss. Es brauche ein neutrales Klima, damit #MeToo als das angenommen wird, was es ist: Ein Prozess, der sich noch am Anfang befindet. «Wir müssen lernen, wie wir damit umgehen sollen. So was gab es noch nie», sagt Alyssa Milano.