Pionier

«Wir flippten fast aus»: Ein Innerschweizer erklomm einen bislang unbestiegenen Berg im Eis von Patagonien

Alleine und als erster auf diesen schneebedeckten Kuppen in Patagonien: Der Appenzeller Luka Eichenberger.

Alleine und als erster auf diesen schneebedeckten Kuppen in Patagonien: Der Appenzeller Luka Eichenberger.

Der Appenzeller Lukas Hinterberger brach mit zwei Freunden zu einer sechswöchigen Expedition nach Patagonien auf und bestieg einen Berg, den noch keiner vor ihm erklommen hatte. Der 26-Jährige erzählt vom Abenteuer seines Lebens.

Der Astronaut Neil Armstrong und der Appenzeller Lukas Hinterberger haben eine Gemeinsamkeit: Sie beide waren die erste Menschen, die je einen bestimmten Ort betreten haben. Armstrong den Mond und Hinterberger einen bislang noch unbestiegenen und namenlosen Berg in Chile.

Der Appenzeller Lukas Hinterberger war Mitglied einer sechswöchigen Expedition in Patagonien.

Der Appenzeller Lukas Hinterberger war Mitglied einer sechswöchigen Expedition in Patagonien.

Anfang November brach der 26-Jährige gemeinsam mit den beiden Berner Bergsteigern Nicolas Hojac und Stephan Siegrist zum Abenteuer seines Lebens auf. Im nördlichen Inlandeis Patagoniens, einem der wohl letzten weissen Flecken der Welt, wollten die drei unbestiegene Berge erklimmen und neue Routen entdecken. Doch weil das nördliche Inlandeis noch weitgehend unerforscht ist, war es schwierig, an Informationen zu kommen. Knapp ein Jahr lang bereiteten sich die drei Bergsteiger auf ihr sechswöchiges Abenteuer vor. In erster Linie nutzten sie Google Earth und schrieben Leute an, von denen sie wussten, dass sie Patagonien bereits erkundet hatten und gelangten so zu weiteren Kontakten. Ausserdem studierten sie das American Alpine Journal, ein grosses Bergarchiv, in dem unter anderem alle Erstbesteigungen aufgeführt werden.

«Ihr» Berg sei darin noch nicht aufgeführt.

Sie hätten das auch nachträglich anhand verschiedener Quellen recherchiert und einheimische Bergsteiger in Chile befragt. Den Berg tauften die drei Freunde Cerro Palomar, benannt nach der weit unten liegenden Hütte eines befreundeten Gauchos.

Der Cerro Palomar: Noch nie zuvor hat jemand diesen Berg bestiegen.

Der Cerro Palomar: Noch nie zuvor hat jemand diesen Berg bestiegen.

Die Expedition beginnt mit zwei Wochen Regen

Dass es im nördlichen Inlandeis noch unbestiegene und namenlose Berge gibt, liegt daran, dass das Gebiet erst von wenigen Expeditionen erkundet wurde. Zum einen, weil es schwierig sei, ins Gebiet zu gelangen, sagt Hinterberger. Zum anderen wegen der fehlenden Infrastruktur und des teils stürmischen und regnerischen Wetters mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 km/h. Hinterberger, der auch schon auf Expeditionen in China und Pakistan war, erklärt:

Zu Beginn ihrer Expedition mussten sie zwei Wochen in ihrem aus Zelten und einer selbstgebauten Waldhütte bestehenden Basiscamp ausharren, das sie an einem geschützten Ort errichtet hatten. «Wir sassen unter den Blachen und vertrieben uns mit Jassen und Schachspielen die Zeit. Aber eigentlich wollten wir nur eines: endlich etwas unternehmen.»

Kurze, aber intensive Glücksgefühle

Als sich das Wetter besserte, ergriffen die drei die Chance. Mit Skiern, Steigeisen und Seilen ausgerüstet machten sie sich auf den Weg auf den Gipfel des 2800 Meter hohen Cerro Largo, eines Berges, der ihren Recherchen zufolge zuvor zwei Mal bestiegen worden war. 25 Kilometer lagen vor ihnen. Nach zehneinhalb Stunden beschwerlichen Aufstiegs erreichten die drei in der Abenddämmerung den Gipfel. Auf den letzten Metern überkam sie ein intensives Glücksgefühl. Und oben angekommen gratulierten und umarmten sie sich gegenseitig.

Um sie herum waren Schnee und Eis und weit unten der in der Abendsonne golden schimmernde Pazifik.

© pd

Als sie die Aussicht genossen, stach ihnen die markante Nordostwand des Cerro Cachet ins Auge. Der 2700 Meter hohe Berg wurde 1971 durch Neuseeländer erstbestiegen und in den vergangenen knapp 50 Jahren nur ein weiteres Mal erklommen. Später sollte sich herausstellen, dass die Nordostwand bislang noch unbegangen war.

«Aber so schön der Ausblick und die Glücksgefühle auf dem Gipfel auch sind, plötzlich macht es Klick. Man realisiert, dass jetzt der Abstieg bevorsteht. Das ist eine heikle Sache. 80 Prozent der Unfälle passieren nämlich beim Abstieg», sagt der angehende Bergführer. Nach 16 Stunden Anstrengung erreichten die drei Bergsteiger ihr Basislager. Todmüde, hungrig und überglücklich. Erst beim Mitternachtsschmaus am Lagerfeuer sei ihnen so richtig bewusst geworden, was sie soeben geschafft hatten. «An den meisten Tagen assen wir nur Reis, Linsen, Bohnen oder Teigwaren. Doch an diesem Abend gönnten wir uns zu den Nudeln eine Dose Thunfisch», sagt Hinterberger.

Hommage an verstorbene Bergsteiger-Freunde

Dass die Nordostwand des Cerro Cachet noch unbestiegen war, liess die drei Abenteurer nicht mehr los. Beim nächsten stabilen Wetterfenster starteten sie ihre viertägige Mission. Sie wollten die ersten sein, die den Berg über diese Route erklimmen.

Die Nordostwand des Cerro Cachet – Lukas Hinterberger und seine Kollegen sind die Ersten, die den Berg über diese Route bestiegen haben.

Die Nordostwand des Cerro Cachet – Lukas Hinterberger und seine Kollegen sind die Ersten, die den Berg über diese Route bestiegen haben.

Nach mehreren Stunden Fussmarsch am ersten Tag und zehn Stunden Kletterei an der 1000 Meter hohen Eis- und Felswand am zweiten Tag standen sie endlich oben auf dem Cerro Cachet – als erst drittes Kletterteam.

Geschafft: Die drei Alpinisten Stephan Siegrist, Lukas Hinterberger und Nicolas Hojac (v.l.) auf dem Gipfel des Cerro Cachet.

Geschafft: Die drei Alpinisten Stephan Siegrist, Lukas Hinterberger und Nicolas Hojac (v.l.) auf dem Gipfel des Cerro Cachet.

Einen Namen brauchte dieser Berg nicht mehr, dafür aber ihre neu entdeckte und erstmals erkletterte Route. Für Laien mag diese Namensgebung unspektakulärer scheinen als die Taufe eines Berges, doch für Lukas Hinterberger und seine Kollegen bedeutet die Benennung ihrer Route viel mehr. Die drei haben sie nämlich auf den Namen «homenaje a los amigos perdidos» getauft, was «in Gedenken an verlorene Freunde» bedeutet. Gemeint sind:

  • der bekannte Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck (40), der am Mount Everest tödlich verunglückte
  • der 28-jährige Österreicher David Lama, der bei einer Expedition in Kanada bei einem Lawinenabgang ums Leben kam
  • und der Schweizer Julian Zanker (28), der im oberen Bereich der Eigernordwand durch einen Sturz starb

Sie hätten während ihrer Expedition oft an ihre verstorbenen Freunde gedacht, erzählt Hinterberger. Vor allem an Julian Zanker, der eigentlich mit nach Patagonien kommen wollte, aber knapp ein Jahr zuvor verunglückte.

Abgesehen von einigen wilden Stieren, denen sie in der Pampa ausweichen mussten, wurde es während ihrer Expedition nur einmal kritisch. Ausgerechnet beim Abstieg über jene Route, die sie nach ihren verstorbenen Freunden benannt hatten. «Weil die Sonne tagsüber die Felsen erwärmt hatte, lösten sich Eisbrocken in der Grösse von Autos. Wir wurden während knapp einer Stunde regelrecht beschossen», sagt Hinterberger. Doch zum Glück sei niemandem etwas passiert.

Bücher statt Praxis

Seit kurz vor Weihnachten ist Lukas Hinterberger zurück in Appenzell. Es dauere jeweils eine Weile, bis er nach einer Expedition und dem Leben in der Wildnis ohne Handy, Internet und Dusche wieder im Alltag ankomme. Ganz abgeschlossen ist die Expedition aber auch noch nicht: Die drei wollen ihre Informationen an andere Bergsteiger weitergeben, mehrere bekannte Bergsport-Zeitschriften hätten Interesse an einem Bericht über die Expedition angemeldet. Und dann ist da noch der Berg, den sie zum Abschluss ihrer Expedition erstbestiegen und getauft haben. Seinen Namen werden sie dem American Alpine Journal melden, damit er im Register der Erstbesteigungen eingetragen wird.

Dieses Jahr steht kein neues Abenteuer an, dafür die Abschlussprüfung zum Bergführer. Obwohl dieser Abschluss international anerkannt ist, sollen hauptsächlich die Schweizer Berge sein Arbeitsort werden, sagt Hinterberger. Jene im Wallis oder in Graubünden. Oder jene vor seiner Haustüre – im Alpstein.

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