Guinness-Eintrag
Weltrekord: 80-jährige Schweizerin und ihre elf Geschwister bringen es auf über 1000 Lebensjahre

Mit total 1042 Lebensjahren sind die D’Cruz-Schwestern und Brüder die ältesten 12 noch lebenden Geschwister der Welt. Eines von ihnen wohnt seit langem in Zug. Teresa Hedinger-D’Cruz (80) erzählt ihre rührende Familiengeschichte.

Andreas Faessler
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Weltrekord: Die 12 D'Cruz-Geschwister bringen es gemeinsam auf eine Gesamtlebenszeit von 1042 Jahren.

Weltrekord: Die 12 D'Cruz-Geschwister bringen es gemeinsam auf eine Gesamtlebenszeit von 1042 Jahren.

CH Media

Sie sind 12 Geschwister und bringen addiert eine Gesamtlebenszeit von über einem Jahrtausend zusammen – um es genau zu benennen: insgesamt 1042 Jahre und 315 Tage waren es per 15. Dezember 2020. Das Durchschnittsalter der betagten neun Schwestern und drei Brüder beträgt rund 87 Jahre. Nun hat ihnen dieser aussergewöhnliche Umstand einen Eintrag in die Liste der Guinness-Weltrekorde gebracht – als die 12 ältesten noch lebenden Geschwister der Welt.

Das drittjüngste von ihnen lebt seit 55 Jahren in der Schweiz und seit 30 Jahren in Zug: Teresa Hedinger, geborene D’Cruz, ist heute 80 Jahre alt. Sie rekapituliert die wahrlich besondere, fast 100-jährige Geschichte der einzigartigen Grossfamilie.

Teresa Hedinger-D’Cruz (80) und ihre Tochter Sandra leben seit langem im Kanton Zug.

Teresa Hedinger-D’Cruz (80) und ihre Tochter Sandra leben seit langem im Kanton Zug.

Bilder: PD

Ihre älteste Schwester Doreen, so erzählt sie, kam 1923 im pakistanischen Karachi – damals Britisch-Indien – zur Welt. In Abständen von jeweils ein bis drei Jahren wurden den Eltern Michael und Cecilia D’Cruz weitere 11 Kinder geboren. Alle waren und blieben wohlauf und gesund. Selbst Teresa, die bereits im 7. Monat als Frühchen zur Welt gekommen war, blieb robust genug, um trotz der verringerten medizinischen Möglichkeiten zur damaligen Zeit zu überleben. Sie ist überzeugt:

Das hatte ich bestimmt der grossen elterlichen Liebe zu verdanken.

In Watte gepackt und in eine Schuhschachtel gebettet, sei sie stets wohlbehütet gewesen. «Ohnehin legten wir alle eine ausserordentliche Widerstandsfähigkeit zutage», sagt sie.

Die brauchten sie auch, als Vater Michael verstarb. Da war Teresa gerade mal 7 Jahre alt. Man drohte, der Mutter die kleineren Kinder wegzunehmen, «doch da die älteren bereits einer Arbeit nachgingen und Geld verdienten, konnten sie für uns kleineren sorgen, und so wurden wir nicht getrennt». Dieser Umstand hat die Geschwister besonders stark zusammengeschweisst und die bis heute bestehende, sehr enge Familienbande begründet. Die tiefe Verbundenheit half den Geschwistern auch in den schwierigen Zeiten der politischen Neuordnung auf dem indischen Subkontinent, als der muslimische Staat Pakistan gegründet wurde und sie sich als katholische Familie von einem Tag auf den anderen in einem muslimischen Staat wiederfanden. «Nunmehr hatten wir mit alltäglichen Diskriminierungen zu leben», erinnert sich Teresa Hedinger. «Das betraf auch den wirtschaftlichen Aspekt: Katholiken erhielten kaum Arbeitsstellen mit Zukunft.»

Es begann mit einem «Blind Date»

In der Folge wanderte im Verlaufe der 1960er-Jahre ein Geschwister nach dem anderen aus– einige hatten schon Familie. Die meisten zog es nach Kanada, welches nach einer Gesetzesänderung ab 1962 gute Voraussetzungen für Immigranten anderer Ethnien bot. Einzig Teresa verschlug es nicht auf den nordamerikanischen Kontinent.

Ein «Blind Date», wie sie es heute schalkhaft nennt, stellte für sie die Weichen ganz anders: Eine Freundin von ihr war bekannt mit dem Schweizer Kaufmann Alfred Hedinger, der sich geschäftlich in Karachi aufhielt und dort für ein Schweizer Unternehmen tätig war. «Es gab einen Festanlass, und meine Freundin nahm mich einfach mit. Dort traf ich ihn.» Sie verliebten sich ineinander. Und sie folgte ihm in die Schweiz – ihr bescheidenes Hab und Gut in einen einzigen Koffer gepackt. «Zum ersten Mal überhaupt verliess ich den indischen Subkontinent», sagt Teresa Hedinger.

Der Neuanfang in der Schweiz gestaltete sich nicht ganz einfach – sprachliche Barrieren und Vorbehalte der Schweizer gegenüber Fremden waren besondere Herausforderungen. Aber auch hier half ihr und auch ihren Geschwistern die natürliche Robustheit – sie alle fassten an ihren neuen Bestimmungsorten wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich Fuss.

Weltrekord: Die 12 D'Cruz-Geschwister bringen es gemeinsam auf eine Gesamtlebenszeit von 1042 Jahren.

Weltrekord: Die 12 D'Cruz-Geschwister bringen es gemeinsam auf eine Gesamtlebenszeit von 1042 Jahren.

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25 Jahre lang lebten Alfred und Teresa Hedinger-D’Cruz mit Familie im Kanton Zürich. Vor 30 Jahren siedelten sie um nach Zug, wo Alfreds Arbeitsort lag. «Wir fanden hier eine schöne Wohnung, die uns alles gab, was wir brauchten», so die 80-Jährige. Zug ist ihr schon lange Heimat geworden, das gesellschaftliche Leben ist ihr wichtig, regelmässig spielt sie Golf und Bridge – sie ist Vorstandsmitglied des Bridge Clubs Zug. In der Schweiz habe sie Erfüllung und Zufriedenheit erlangt, sagt sie. «Ein Freund fragte mich einmal, wo ich mich denn eigentlich heimisch fühle, da ich ja einerseits lange in Karachi gelebt und nun meine Familie hauptsächlich auf dem nordamerikanischen Kontinent habe. Meine Antwort war klar: in der Schweiz.» Ihre Tochter Sandra (51) weiss dies zu bestätigen: «Mama ist die patriotischste in der Familie», sagt sie und lacht.

Intensive Pflege der Familienbande

Was sich über all die Jahrzehnte unvermindert erhalten hat, ist die enge Familienbande. Sie überwindet Grenzen und Distanzen, als würden sie nicht existieren. Seit ihrer räumlichen Trennung in den 1960er-Jahren stehen die 12 auf zwei Kontinenten lebenden Geschwister in regelmässigem, engem Kontakt. Anfänglich per Brief, gelegentlich per Telegramm oder auch Ferngespräch. Gegenseitige Besuche und Familienzusammenkünfte – möglichst im Fünf-­Jahres-Rhythmus – wurden organisiert. Teresas Tochter erinnert sich: «Schon als Kind ist mir aufgefallen, dass die Familientreffen ohne grosses Aufheben stattfanden, aber sie waren immer von viel Fröhlichkeit und Humor geprägt. Und es gab stets viel Musik.» Die jüngste Familien-Reunion im Oktober 2019 in Kanada dürfte womöglich die letzte in dieser Form gewesen sein, vermutet Sandra Hedinger. Die Coronapandemie erschwert bis auf weiteres jegliche weitere Union. Zudem ist der älteste Bruder Patrick (*1925) schwer an Krebs erkrankt.

Aber die modernen Mittel machen es möglich, dass die Geschwister ununterbrochen in Kontakt sind: «Jeden Tag um 17 Uhr Schweizer Zeit und 11 Uhr Kanadischer Zeit treffen wir uns via Zoom», sagt Teresa Hedinger. Auch die eine Schwester, welche heute im kalifornischen San Diego lebt, schaltet sich wenn immer möglich zu. Als gläubige Familie sprechen sie jeweils erst gemeinsam ein Gebet. Dann unterhalten sie sich, singen und lachen oder kochen gemeinsam.

Vor allem für die Älteren von uns istdas der schönste Moment des Tages.

Und wenn Kinder und Kindeskinder grad zugegen sind, so nehmen sie auch gleich am fröhlichen Familientreff via Äther teil.

Das «Rezept» für ihre Langlebigkeit

So haben räumliche Distanzen die tiefe Verbundenheit der 12 D’Cruz-Geschwister in keiner Weise jemals beeinträchtigt. Worauf mögen ihre Robustheit und die Langlebigkeit wohl zurückzuführen sein? Sandra Hedinger versucht einen Ansatz aus Sicht der jüngeren Generation: «Zum einen ist es wohl einfach eine grosse Portion Glück. Aber wenn ich meine Mutter, Onkel und Tanten beobachte, dann denke ich, sind es sicher auch ihre Resilienz, Genügsamkeit, ihr Humor und ihre Fröhlichkeit, all die gegenseitige Liebe und der grosse Zusammenhalt, die sie so stark machen.»

So ist in ihrem Guinness-Weltrekord-Eintrag nun wörtlich zu lesen:

The highest combined age of 12 living siblings is 1042 years 315 days and was achieved by the D’Cruz siblings.

Dieser Weltrekord sei einer der Höhepunkte in ihrem Leben, steht da weiter. Tatsächlich hat der Eintrag vielen der Geschwister einen weiteren Schub an Vitalität und Lebensenergie verliehen, ist Sandras Mutter Teresa überzeugt. «Die Aufregung und die Freude in der Familie war gross.» Und sie selbst? Was wünscht sich Teresa als drittjüngstes der D’Cruz-Geschwister für die nächsten 20 Jahre? «Ganz einfach. Dass ich gesund und weiterhin so aktiv bleiben kann wie bisher.»