Lektüre

Zur Sonne, zu den Büchern: Das sind unsere Lese-Tipps für Beach und Balkon

Strandleben mit Büchern

Strandleben mit Büchern

Sommerzeit ist Lesezeit. Doch die Flut der Neuerscheinungen ist riesig. Welche Bücher verdienen tatsächlich einen Ehrenplatz im Reisekoffer? Die Kulturredaktion hat ihre Favoriten für jeden Geschmack zusammengetragen.

Sommer in the City

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend
«Bonjour Tristesse» scheint dieses Buch seinen Leserinnen zuzuflüstern, wenn seine Helden ein wenig melancholisch und ein wenig frivol durch die Pariser Boulevards schlendern, der Zeit in hellerleuchteten Bars beim Vergehen zusehen oder auch mal heiraten - denn was soll man sonst mit dem Leben anfangen? Patrick Modiano fängt einmal mehr den Esprit der Seine-Stadt zwischen zwei Buchdeckeln ein. (ank)

Paula Fox: Was am Ende bleibt
Paula Fox' Vater war New Yorker Drehbuchautor. Eigentlich ideal für eine zukünftige Schriftstellerin. Doch er steckte sie in ein Heim. Und Paula? Gab ihre Tochter zur Adoption frei. Und was macht diese? Sie hat ein Kind, das auch nicht gerade für ihr ruhiges Leben bekannt ist: Courtney Love. Aber wo das Leben prall ist, ist es auch die Literatur. «Was am Ende bleibt» ist die schillernde Story- wie könnte es anders sein - einer brüchigen Ehe. (the)

Helmut Uwer: 20 Quadratmeter Startbahn
Es fällt schwer, über die Wirren um den neuen Berliner Flughafen keine Satire zu schreiben. Das findet auch Journalist Helmut Uwer und erzählt die Geschichte der Familie Ungerath, die dort, wo die Startbahn entstehen soll, ein Stück Land geerbt hat und sich standhaft weigert, die 20 Quadratmeter herzugeben. Ihr Kampf gegen die Bürokratie ist eine skurrile, vergnügliche Sommerlektüre. Zu lesen am Strand - oder auf dem Flughafen. (He)

Von Sommerromanze bis Sex on the Beach

Haruki Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne
Gefährlich war sie nie, Haruki Murakamis «Gefährliche Geliebte», die auch bei uns Furore machte. Doch 2000 entstand die deutsche Ausgabe anhand der englischen - der Buschtelefon-Effekt war vorprogrammiert. Jetzt ist das Buch neu übersetzt. Und voilà: Stiller und unmittelbarer bezaubert die Geschichte der Kinderliebe von Shimamoto und Hajime, die sich aus den Augen verlieren und einander als Erwachsene wieder begegnen. (ank)

Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe
Vorzeigeehefrau mit Vorzeigefamilie im Vorzeigehaus - für Zahnarztgattin Ella ist die Liebe bloss ein unnützes Gefühl für Romantiker - bis sie das Manuskript eines türkischen Autors liest. Es handelt vom mittelalterlichen Dichter Rumi und den vierzig Geheimnissen der Liebe. Und plötzlich spürt Ella ein bislang unbekanntes Gefühl . . . 33% Liebe, 33% Exotik und 33% Kitsch - ein 100%- iges Lesevergnügen für Romantiker.(ank)

Marie Darrieussecq: Prinzessinnen
Die Mama Migränepatientin, der Papa penisfixiert - die heranwachsende Solange hat es wahrlich nicht leicht. Erst recht nicht, als die Welt plötzlich Kopf zu stehen scheint und Solanges ganze Aufmerksamkeit zwischen ihre Beine wandert. Autorin Marie Darrieussecq ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und lässt die Leser Solanges sexuelle Entwicklung, ähem, hautnah miterleben. (ank)

Kühles Prickeln mit Krimi & Co.

Luc Bannalec: Bretonische Brandung
Dieser Krimi führt echt ins Dilemma: Zum einen will man rasch weiterlesen. Zum anderen sofort in die Bretagne reisen, um diese wunderbaren Schauplätze selber zu sehen. Der mürrisch-koffeinsüchtige Kommissar Dupin ermittelt auf den Glénan-Inseln vor der Küste, wo drei tote Segelsportler angeschwemmt worden sind. Natürlich ist es mehr als ein Unfall und mündet in eine klassische Mörderjagd mit vielen Verdächtigen. (are)

Marie Hermansson: Himmelstal
Der Horror kommt langsam: der Schwede Daniel reist in die Schweiz zu Zwillingsbruder Max. Der kurt in der Alpen-Klinik «Himmelstal». Dann flieht Max - und Daniel muss bleiben. Er merkt: Himmelstal ist die Hölle. Felswände, dunkler Tann, Folter und Mord. Die Klinik züchtet offenbar Killer für kommende US-Kriege. Eine schräge Fabel. Aber packend und stark. Denn: Es ist nicht weit von der himmlischen Schweiz zu Terror und Tyrannei. (Ust)

Martin Walker: Femme fatale
Wenn eine nackte Tote per Boot den Fluss hinuntertreibt, sorgt das für Aufmerksamkeit. Und das ist durchaus gewollt, wie Kommissar Bruno bald feststellt. Neben der Aufklärung des Falles, hinter dem die tragisch-makabre Geschichte einer Promifamilie steckt, hat er noch genug Zeit, die prachtvollen Périgord-Landschaften zu durchreiten, ausgiebig zu kochen und zu essen. Sowie schönen Frauen den Hof zu machen. (are)

Mehr Meer - Mehr Land - Mehr Fluss

Claire Keegan: Das dritte Licht
Ein Urlaub, der zunächst so gar nicht nach Urlaub klingt: Weil wieder ein Geschwisterchen unterwegs ist, liefert der Vater die kleine Heldin bei Verwandten im irischen Wexford ab. Sollen die sich ruhig mal um das Mädchen kümmern. Und genau das tun sie. Aus Ruhe und Rhabarberkuchen, Ohrenputzen und Ofen einheizen wird mit der Zeit ein ganz neues Gefühl: Liebe. Solche Bücher sind selten: sprachlich sparsam, aber wunderschön. (ank)

Annika Reich: 34 Meter über dem Meer
Ella würde ihr Leben am liebsten gegen ein anderes eintauschen. Weil das nicht geht, beschränkt sie sich auf einen Wohnungstausch. Und entdeckt dabei mitten in Berlin ein Haus, das aussieht wie ein Schiff und einen Meeresbiologen, der nie am Meer war. Die junge Berlinerin und der alte Ozeanforscher sind zwei komplizierte, aber liebenswerte Figuren, die bald mehr verbindet als der getauschte Hausschlüssel. (mgl)

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande
Ein Buch, so wunderbar wie ein Sonntag auf dem Lande. Man riecht es förmlich, das trockene Gras, den nahen Pinienwald in diesem nostalgischen Roman - nur den Protagonisten Monsieur Ladmiral riecht man nicht. Denn der einstige Kunstmaler ist ein Anhänger gepflegter Körperhygiene und ebenso gepflegter Kunstmalerei. Als eines Tages seine Tochter zu Besuch kommt, gerät die geordnete familiäre Langeweile insWanken. (ank)

Darum in die Ferne schweifen

César Aira: Der Literaturkongress
Ein Ich-Erzähler prahlt, er könne Wesen reproduzieren - etwa den Stargast eines Literaturkongresses. Eine Zuchtwespe besorgt die Hautzelle. Das Ich steckt diese in ein Gerät - und wartet. Doch Pech: Die Wespe brachte keine Zelle des Stars, sondern dessen Krawatte, Seide, leuchtend blau. Und so krabbeln aus dem Gerät statt Genies Seidenraupen, haushoch, leuchtend blau. César Aira erzählt Absonderliches mit Augenzwinkern und Tiefgang. (Ust)

Ahmadou Kourouma: Monnè, Schmach und Ärger
Monnè heisst in Afrika «Schmach». Der Roman berichtet von der Schmach eines schwarzen Königs, dessen Reich die Franzosen kolonialisieren. Der Autor (1927-2003) stammte von der Elfenbeinküste, war Aufklärer, Satiriker, ein Wortzauberer. Sein Buch ist ein Kleinod und zeigt, wie Afrika langsam im Chaos versank. Zivilisation in Afrika? Ist für Kourouma die Geschichte von Gier und Grössenwahn und von tragischen Missverständnissen. (Ust)

Iwan Gontscharow: Oblomow
Der wohl faulste und gleichzeitig gutmütigste Idealist der russischen Literatur ist Ilja Iljitsch Oblomow. Der gleichnamige Roman ist letztes Jahr in einer wunderbaren Neuübersetzung von Vera Bischitsky erschienen. Auf 750 Seiten öffnen sich russische Lebenswelten des 19. Jahrhunderts und eine Weltsicht vom Sofa des Protagonisten aus, die gerade in unserer Zeit aufwühlt und in ihrer trägen Tiefe verblüfft. (aru)

Klug im Flug mit dem passenden Sachbuch

Florence Williams: Der Busen - Meisterwerk der Evolution
Ob als «Rehzwillinge» im biblischen Hohelied oder als «Holz vor der Hüttn» in Bayern - der Busen fasziniert. Er verführt, nährt und macht aus «erwachsenen Männern Trottel», wie Florence Williams feststellt. Die US-Journalistin rückt dem Phänomen «Brust» mal soziologisch, mal biologisch oder evolutionstechnisch auf den Leib. Und verbindet so seriösen Wissenschaftsjournalismus mit einer gehörigen Prise Humor. Eine runde Sache! (ank)

Alain de Botton: Religion für Atheisten
Dieses Buch ist ein Aufruf zum Raub: Alain de Botton will die Religionen «bestehlen» und deren beste Strategien in die säkulare Gesellschaft übertragen. «Zu wirksam und intelligent» seien sie, «als dass man sie den Religiösen allein überlassen sollte». Die Gesellschaft dagegen leide unter Verarmung: Sie unterstütze den Menschen, den Alltag angenehm zu gestalten, aber nicht darin, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Recht hat er. (the)

Ariel Magnus: Zwei lange Unterhosen der Marke Hering
Freiwillig in die Gaskammer - gab es das? Magnus meint: Ja. Emma reiste 1943 nach Theresienstadt, um bei der blinden Mutter zu sein. 1944 kam die Mutter nach Auschwitz, die Tochter fuhr mit. Auf der Rampe drängten die Frauen zueinander, doch ein SS-Mann stiess Emma zurück. Sein Schlag zertrümmerte ihren Kiefer - und rettete ihr Leben. Jahrzehnte später erzählt Emma ihrem Enkel die Geschichte voller Grauen und Galgenhumor. (Ust)

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