Fall Dieter Behring

500 Millionen bleiben spurlos verschwunden – Partner kommen ungeschoren davon

Nur er musste vor Gericht: Dieter Behring.

Nur er musste vor Gericht: Dieter Behring.

Im Fall Behring bleiben Hunderte von Millionen an Kundengeldern verschwunden. Dies dürfte auch so bleiben: Der Bundesanwalt will die letzten Verfahren einstellen oder mit gnädigem Strafbefehl abschliessen.

Es war einer der grössten Schweizer Betrugsfälle. Und irgendjemand hat irgendwo noch Hunderte von Millionen aus dem Fall Behring versteckt. «Ich bin es nicht», sagte der 2016 erstinstanzlich wegen Anlagebetrugs verurteilte ehemalige Financier Dieter Behring schon im Januar zur «Nordwestschweiz». Er vermutet das Geld bei ehemaligen Partnern.

Die Millionen dürften grösstenteils verschollen bleiben. Denn die Bundesanwaltschaft (BA) will das im Behring-Komplex noch laufende Nebenstrafverfahren abschliessen, bei dem es um Delikte wie ungetreue Geschäftsführung oder Misswirtschaft ging. Laut Recherchen der «Nordwestschweiz» hat die BA unlängst entsprechende Abschlussanzeigen verschickt. Diese sind noch nicht rechtskräftig.

Lauber will einstellen

Demnach will Bundesanwalt Michael Lauber die Strafverfahren gegen Behring selbst sowie dessen ehemalige Partner Peter Weibel und Arthur Buck und den Anwalt Rudolf Meroni einstellen. Die Kosten trägt mit einer Ausnahme der Staat: Meroni soll die Verfahrenskosten selber zahlen. Zudem werden bei ihm laut Abschlussanzeige «die bekannten beschlagnahmten Vermögenswerte» eingezogen.

Bellinzona - 30.09.16 - Dieter Behring verlässt das Gericht

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Das ist pikant, weil im Zusammenhang mit dem Zürcher Anwalt Meroni unlängst riesige Geldsummen zum Vorschein kamen. Auf einem Konto auf der Isle of Man tauchten 77,8 Millionen britische Pfund auf, rund 100 Millionen Franken (die «Nordwestschweiz» berichtete). Diese Information lieferte im September 2017 der High Court der Isle of Man den Schweizer Behörden sowie an Dieter Behring selbst. Das Konto mit den Millionen gehört einer Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands, deren Aktionär seit 2004, also seit dem Zusammenbruch des Behring-Systems, gemäss «Panama Papers» Anwalt Meroni ist. Wo kommt dieses Geld her? Rudolf Meroni war telefonisch nicht erreichbar; spätere, wiederholte Mail-Anfragen beantwortete er nicht.

Auf Genfer Banken war zudem kürzlich eine zweistellige Millionensumme aufgetaucht. Das Geld gehört laut Insiderinformationen der Witwe einer Schlüsselfigur im Fall Behring, einem früheren Bankier. Dieser verwaltete einst rund 1,2 Milliarden Franken an Kapital, das nach dem Behring-System hätte angelegt werden sollen. Die Witwe gibt an, das Geld habe nichts mit dem Fall Behring zu tun.

Behring selbst glaubt laut früheren Aussagen, dass derartige Gelder zu den etwa 500 Millionen an Kundengeldern gehören, die spurlos verschwunden sind. Bloss: Falls ehemalige Behring-Partner wirklich derartige Riesensummen auf der hohen Kante haben, dann geht das faktische Einzeltäter-Szenario von Bundesanwaltschaft und Bundesstrafgericht im Fall Behring nicht mehr so richtig auf.

Geheime Informationen

Sicher ist, dass die Bundesanwaltschaft letztes Jahr mehrmals geheime Informationen von der Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) erhielt, die im Bundesamt für Polizei (Fedpol) in Bern angesiedelt ist. Dabei ging es um Gelder im Fall Behring. Die BA durfte die Informationen aber nur informell verwenden und sie nicht zu den Strafakten gegen Weibel, Buck und Konsorten geben. Obwohl die BA ausdrücklich darum ersuchte.

Dies deutet darauf hin, dass die Unterlagen von einer ausländischen Partnerbehörde der Meldestelle kamen. Weil die Informationen zudem gemäss einer Einschätzung des Bundesstrafgerichts nicht Behring selbst betrafen, liegt nahe, dass sie sich auf dessen Mitbeschuldigte bezogen.

Drei Strafbefehle

Nicht alle Behring-Partner kommen ganz ungeschoren davon. Gegen drei Beschuldigte im Nebenverfahren will die Bundesanwaltschaft Strafbefehle erlassen, wie sie den Betroffenen im Februar mitteilte. Es geht um Delikte wie qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung, Misswirtschaft, Steuerbetrug oder Urkundenfälschung. Verschiedene Vermögenswerte sollen zwar eingezogen werden. Aber die verhängten Geld- oder Gefängnisstrafen werden nur bedingt verhängt.

Behring gefällt es nicht, dass die BA die Verfahren gegen seine Partner auf diese Art abschliesst: «Nun bleiben Millionensummen verschwunden, die den Anlegern gehören.»

Hauptsünder Behring

Behring selbst wurde im September 2016 vom Bundesstrafgericht in Bellinzona zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er war der Einzige, der sich vor Gericht verantworten musste. Das war eine Folge der «Fokussierungsstrategie» von Bundesanwalt Michael Lauber. Dieser hatte kurz nach Amtsantritt das Behring-Verfahren aufgeteilt und in der Hauptsache nur auf Behring ausgerichtet, in dem er den Hauptschuldigen ausmachte.

Gegen Behrings Mitangeschuldigte stellte Lauber dieses Verfahren ein, obwohl sein früherer Verfahrensleiter bereits die bevorstehende Anklageerhebung angezeigt hatte. Nach Laubers Eingriff mussten sich die Beschuldigten nur noch im anschliessenden Nebenverfahren verantworten. Die Bundesanwaltschaft kam dabei in Zeitnot: Denn die vermuteten Delikte verjähren bereits im Sommer 2019. Bis dann müsste ein erstinstanzliches Urteil des Bundesstrafgerichts in Bellinzona vorliegen.

Prozess gegen Dieter Behring (Mai 2016): Seine Frau Ruth steht ihm zur Seite

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Financier Dieter Behring steht seit Montag vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Er muss sich wegen Betrug, Veruntreuung und Geldwäsche verantworten. Beim Prozess immer an seiner Seite: Seine Frau Ruth und seine beiden Anwälte Bruno Steiner (mit Kappe) und Daniel Walder.

So bleibt Behring wohl der Einzige, der sich in der Millionenaffäre vor Gericht verantworten musste. Er zieht sein Urteil ans Bundesgericht weiter. Es ist nicht die einzige Beschwerde: Rund ein Dutzend Privatkläger wollen das Urteil aus Bellinzona ebenfalls nicht hinnehmen.

Es gilt für alle die Unschuldsvermutung.

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