Heute noch wie gestern
70 Jahre unveränderte Idylle: «Hier stoppen nur Gänse den Verkehr»

Die Schweiz steht besonders jetzt vor der Ecopop-Abstimmung vor der Frage: Was ist gut am Wandel? Läuft längst alles aus dem Ruder? Ist die Schweiz wirklich zubetoniert? Wir fanden einen Ort, wo sich seit 70 Jahren nichts verändert hat.

Max Dohner (Text) und Chris Iseli (Fotos)
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Ecopop-Reportage von einem Ort, wo sich seit siebzig Jahren nichts verändert hat: Altikon-Herten ZH.
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Die Gänse marschieren über die Strasse
Derselbe Blickwinkel auf die Flarzhäuser und den Weiler. Einmal mit vielen Bewohnern und Zugpferden – schätzungsweise 1930.
Der Weiler heute, mit dem Ehepaar Bachmann, mit «verdichteter» Scheune, asphaltiertem Hof und zeitgemässem «Zugpferd».
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Jörg Schönenberger, Gemeindepräsident von Altikon.
Jörg Schönenberger, Gemeindepräsident von Altikon, an der Arbeit

Ecopop-Reportage von einem Ort, wo sich seit siebzig Jahren nichts verändert hat: Altikon-Herten ZH.

Chris Iseli

In der letzten Woche kam es beim Neuling nebenan zum Durchbruch. Zu einer Art Geburt als neuer Mensch. Der Mann lebt anständig lang im Nachbarhaus.

Er hat das Gehöft gründlich renoviert, mit Respekt für den ursprünglichen Stil: Die freigelegte Bruchsteinmauer passt nicht bloss zum Ort, sie verstärkt noch dessen Eigenart.

Vor kurzem zügelte dieser Studierte gar seine Praxis hierher – auch ein Bekenntnis. Oder etwa nicht? Nein, der Mann blieb ein Neuling, ein Zugezogener, schwerwiegender noch: ein Stadtzürcher!

Und dann kam dieser bemerkenswerte Tag ...

Beatrice Bachmann hat es mit eigenen Augen gesehen, die Bäuerin im Nachbarhaus. Sie erzählt lebhaft davon und lacht dazu: «Der Neue blickte einem Auto hinterher!» Als sähe er ein Auto zum ersten Mal.

«Glückwunsch!», rief die Bäuerin hinüber: «In der Stadt hätten Sie das nie gemacht.» Tatsächlich: In der Stadt wäre so was undenkbar.

Hier aber entpuppte sich einer erstmals als «Hertemer». Als einer, der sich wundert über fremden Besuch. Einer, der den Ortsgeist nicht bloss verstanden hat als autarke Kraft, sondern in unbewussten Regungen fortan selber verkörpert.

«Ein Hertemer» – das ist keine örtliche Spezialität, wie sich bald zeigt. «Ein Hertemer» ist ein Mensch, der eine philosophische Grundfrage ohne Wenn und Aber für sich klärt und trotzdem ein Grübler bleibt – oder Philosoph.

Die Grundfrage lautet: Was ist am Wandel gut? Und was am Bewahren schlecht? Vor dieser Grundfrage steht die Schweiz laufend.

Aktuell besonders, wegen der Initiative Ecopop, deren Entscheidung an der Urne naht. Die Initiative will den Wandel bremsen, den Zuwachs an Ausländern stoppen, aber auch den Zuwachs an Beton. Darum sind wir nach Herten gefahren: Hier tun die Leute seit siebzig Jahren alles, damit alles so bleibt, wie es ist und war.

Stundenlang kein Auto weit und breit

Dass der Zuzüger dieses Lebensgefühl jetzt auch intus hat, ist gut. Der Punkt mit dem Auto aber ist schlecht. «Der Verkehr hat massiv zugenommen», klagt der Mann der Bäuerin, Walter Bachmann (60).

Wir sitzen seit drei Stunden am Tisch der Bauernstube, seit siebzig Jahren unverrückt, direkt am Fenster. Wir haben während dreier Stunden kein Auto durchfahren gesehen. Darum blicken wir Bachmann jetzt ins Gesicht, bemerken, wie er unmerklich grinst: Aha, das mit dem Verkehr – war wohl ironisch gemeint?

Bachmanns Flarz-Bauernhaus ist vierhundert Jahre alt. Bachmanns sind Hertemer seit Menschengedenken, präziser: Ober-Hertemer. Sepiabraune Fotos der Vorfahren vor dem nämlichen Haus hängen an der Stubenwand wie die Ahnengalerie in der Burg eines edlen Geschlechts.

Vorher undenkbar: Kein Bauernpräsident

Herten ist ein Weiler im 640-Seelen-Dorf Altikon, idyllisches Zürcher Weinland an der Thur. Das Dorf habe sich in fünfzig Jahren kaum verändert, sagt Gemeindepräsident Jörg Schönenberger im «Schlössli», heute Sitz der Verwaltung.

Einen epochalen Unterschied zu früher sieht Schönenberger erst, wenn er Luftbilder anschaut: «Die Region war damals übersät mit Hochstamm-Bäumen.»

Ein letzter Gemeinde-eigener Landstreifen wurde mit Einfamilienhäuschen überbaut; nur in der Kernzone liegt noch etwas Zuwachs drin; Industrie und Gewerbe kann sich seit einem Zonenbeschluss des Kantons nicht mehr ansiedeln; 45 Personen sind Ausländer; für einen Sozialfall fand man bilateral eine Lösung; die Bevölkerung stimmte am 9. Februar mit 58,5 Prozent für die Masseneinwanderungs-Initiative und wählte seiner Zeit mit Jörg Schönenberger einen Nichtbauern an die Spitze des Rates.

Ein Novum in der Geschichte Altikons, doch keine Revolution; Schönenberger ist Mitglied der SVP. Er macht keinen Hehl aus seiner Meinung, dass Altikon mit umliegenden Dörfern nicht fusionieren sollte, sondern lieber bleibt, wie es ist: «Unabhängig!»

Das empfindet man in Herten nicht anders, bezogen auf sich selbst. So entschieden, dass Altikon und Herten, Dorf und Weiler, zwei Fahrtminuten auseinanderliegend, wie ferne Planeten wirken.

«Über dem Jordan» ist ein lokaler Begriff, der noch weitere Distanzen meint, durchaus mit dem Unterton, die man bei dieser Wendung sonst auch kennt: jenseits des Lebens, jenseits der Thur.

Nach Herten zu gehen, sagt Bachmanns Frau, gelte als Aufstieg. Beatrice stammt aus Altikon. Jene graue Vorzeit schildert sie wie eine abgestreifte Haut. Ihr Mann machte mit bei den stärksten Sozialgeneratoren Altikons, Feuerwehr und Turnverein, kurz jeweils.

Noch kürzer war er Mitglied der SVP, Altikons einzige Ortspartei, heute auf «Hold» geschaltet. Bachmann trat aus, als Blochers Aufstieg begann. «Stöffel», wie Bachmann ihn nennt, «hat ein veraltetes Frauenbild.» Das Paar ist gegen die Ecopop-Initiative und «gegen Brüssel». Brüssel meint: gegen jeden Einfluss von aussen.

Dank GPS eine Abkürzung übers Land

Schon in der Schule hat Bachmann nie mit Altikern gesprochen – wozu? «Ich bin Hertemer.» Er will keine neuen Wohnhäuser im Weiler. Und schon gar keinen Verkehr.

Er sagt: «Immer mehr nehmen dank GPS die Abkürzung durch Herten, dann durch den Wald. Ich war dagegen, Teile der Strasse zu asphaltieren; das zieht Autos an.

Zum Glück stoppen unsere Gänse den Verkehr. Gänse helfen am wirksamsten gegen Autos. Bei Kindern oder Hunden bremsen die Leute nie ab. Gänse aber machen Städtern irgendwie Angst.»

Ist das immer noch Ironie? Bachmann grinst abermals. Minuten später treibt seine Frau die eigenen Gänse tatsächlich auf die Strasse. Etwas früher als gewöhnlich, dem Fotografen zuliebe.

Der Mann sagt: «Es kommt nicht auf die genaue Stunde an. Es kommt häufig nicht mal auf das genaue Datum an. Was wesentlich ist, hat seine eigene Zeit. Und das allein gehört in den Blick.»

Spätestens diese Bemerkung zeigt, sollte man sich über die vielschichtige Art des Mannes noch nicht klar geworden sein, dass wir uns hier keineswegs in einer Abschottungsecke befinden, geschweige denn in einem Reservat sturer oder gar blinder Retro-Rettung.

Sein Herten zu bewahren, kann auf Beobachtung und Einsicht beruhen. Und nicht zu vergessen: auch noch immer vermischt sein mit einem wilderen alten Drang.

Jäger und um sich schiessende Goofen

Bachmanns Onkel war Wilderer gewesen, einer der berüchtigtsten oder berühmtesten der Gegend, je nachdem, wie man das anschaut. Genau darum, wegen seiner Erfahrung, machte ihn die Gemeinde später zum Wildhüter. Bachmanns Vater war ein passionierter Schütze, in mehreren Kalibern. «Wir konnten», erzählt Walter, «noch kaum laufen, als wir schon um uns schossen.»

Einmal fand die Familie im Gras ein verwaistes Rehkitz und zog es zu Hause auf. Jahrelang konnte man in den Wald laufen und das Reh nach seinem Namen rufen. In aller Regel tauchte es auf und trottete den Leuten nach wie ein Hundchen. Vor allem bei Regen. Da schlief es gern im warmen Haus. Als die Behörden davon hörten, erschien jemand auf dem Hof und fragte, wo das vorschriftsmässige Gehege sei? «Gehege», fragte Walter Bachmann, «Wild lebt doch im Wald?»

Warum erzählt uns Bachmann die Geschichte? Vielleicht geht es wieder um Grundsätzliches: Wo ist das «Gehege» – auch für die Natur des Menschen? Muss es immer und überall ein Gehege geben? In anderen Worten: Dieser «Hertemer» will sich nicht verkriechen, er will sich das Offene von der Moderne einfach nicht schmälern lassen.

«Café Philo»: Aus dem Dorf ins Universale

«Offen» – das Wort fällt auch bei Eva Zoller Morf und ihrem Mann Robert am Kirchrain in Altikon. Es sind Zugezogene; sie kamen vor 22 Jahren; sie suchten ein bezahlbares Haus, Landschaft, umgängliche Menschen und Ruhe.

Die haben sie jetzt, mit Ausnahme der Kirchglocken. Gegen Kuhglocken übrigens sammelt ein anderer Zuzüger in Altikon Unterschriften, worüber Alteingesessene den Kopf schütteln: «Aufs Land ziehen wollen und dann die Kuhschweiz nicht ertragen.»

Robert Morf und Eva Zoller sagen, sie hätten von Anfang mühelos Aufnahme im Dorf gefunden. Noch vor Bezug des Hauses war Morf als Offizier in der Feuerwehr, später im Gemeinderat – klar, das hilft.

Hingegen überrascht die Spezialität der Kinderphilosophin und Religionspädagogin Eva Zoller hier draussen: Im hauseigenen «Käuzli» und «Café Philo» lehrt sie Kinder und Erwachsene, grundlegende Fragen zu stellen, nicht Behauptungen aufzustellen oder nachzuplappern.

Also kann man auch in Altikon lernen, so gut wie in der Stadt, worauf Lebenskunst wohl beruht: seine Linie, seinen Ort zu finden. Um gerade dadurch sich nicht zu verengen, sondern zu erweitern.