Die Diskussion über mögliche Gefahren der Fortpflanzungsmedizin nahm vor einem Jahr ein jähes Ende, als das Volk mit 62,4 Prozent der Revision des Gesetzes zustimmte und damit erlaubte, Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib im Einzelfall zu untersuchen. Unfruchtbaren Paaren und solchen mit schwerer Erbkrankheit soll bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches nachgeholfen werden. Schon damals warnten die PID-Gegner vor möglichem Missbrauch: Dass eine Selektion stattfinde und dass Ärzte und Laborassistenten nun über wertes und unwertes Leben entscheiden könnten.

Das Gesetz ist noch nicht einmal in Kraft und schon melden sich die Gegner wieder zu Wort. Vor «drohendem Wildwuchs» warnte der Behindertenverband Insieme letzte Woche. Er empört sich darüber, dass der Bundesrat es unterlasse, die Zahl der Fortpflanzungszentren zu beschränken. «Ohne Einschränkung droht eine Verbreitung der PID wegen finanzieller Anreize. Je mehr Zentren an der PID verdienen wollen, desto mehr Angebote werden geschaffen.»

Auch die Berner Nationalrätin Christine Häsler (Grüne), welche mit einer Interpellation die Diskussion neu anstiess, ist der Meinung, dass der Druck auf werdende Eltern steige, ein gesundes Kind zu haben. Und dass der Bund die 26 Fortpflanzungskliniken in der Schweiz nur schwer kontrollieren könne. «Machen diese Zentren wirklich nur das, was sie auch dürfen?», fragt Häsler rhetorisch und verweist auf die neu geschaffene Möglichkeit, Merkmale wie das Geschlecht vorbestimmen zu können. In der Schweiz ist das verboten.

Christine Häsler hinterfragt: «Machen die Fortpflanzungszentren wirklich nur das, was sie auch dürfen?»

Christine Häsler hinterfragt: «Machen die Fortpflanzungszentren wirklich nur das, was sie auch dürfen?»

Sechs PID-Kliniken in der Schweiz

Um solche Auswüchse zu unterbinden, soll die Zahl der Zentren reduziert werden, verlangen sowohl Häsler als auch Insieme mit Blick auf Frankreich und Deutschland. Beide haben zwar ein Vielfaches an Bewohnern, aber je nur vier PID-Zentren zugelassen. Diese «Angstmache» ärgert Christian de Geyter, Chefarzt Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel. Er sagt, es sei unwahrscheinlich, dass jedes Zentrum für Fortpflanzungsmedizin in der Schweiz auch PID anbiete.

Denn der Bundesrat hat in der Verordnung vorgesehen, dass die Laboratorien hohe Qualitätsanforderungen erfüllen müssen. Ob er daran festhält, wird er in den nächsten Tagen bekannt geben. Bruno Imthurn, Klinikdirektor des Kinderwunschzentrums des Universitätsspitals Zürich, pflichtet ihm bei. Ein PID-Labor zu betreiben, sei mit hohen Kosten verbunden, die nicht alle Zentren aufbringen können oder wollen. Gerechnet wird mit sechs Fortpflanzungskliniken, die in der Schweiz PID anbieten.

Vorteil für Frau: kleinere Risiken

Für de Geyter ist die Wiederbelebung der Diskussion auch aus anderen Gründen verfehlt. Einerseits ist die Behandlung teuer und aufwendig und muss vollständig aus dem eigenen Sack bezahlt werden. Wer kann, wird darauf verzichten. Zweitens ist ein anderer Teil der Gesetzesrevision für Frauen viel wichtiger: Dass nicht mehr alle entwickelten Embryonen zwingend in den Uterus übertragen werden müssen.

Es dürfen neu bis zu 12 Embryonen entwickelt und auch eingefroren werden. Dank dieser Regel wird nicht nur das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft reduziert, es erspart den Frauen auch wiederholte Hormontherapien, wenn die Schwangerschaft nicht beim ersten Mal einschlägt. «Die Situation für Frauen verbessert sich deutlich: Die Chance auf eine Schwangerschaft über künstliche Befruchtung steigt und kostet erst noch weniger», sagt de Geyter.

Wer hingegen PID in Anspruch nehmen will, muss sich noch etwas gedulden. Falls das Gesetz im September in Kraft tritt, können laut de Geyter im Herbst erste Paare in Basel untersucht werden. Behandlungen seien hingegen frühestens ab 2018 möglich. Zürich führt bereits seit 15 Jahren Polkörperdiagnostik (PKD) durch – PID an der Eizelle. «Wir sind also fachlich sehr gut gerüstet», sagt Imthurn von der Uniklinik Zürich. Zur Behandlung fehle dem Zentrum nur noch eine Bewilligung der Aufsichtsbehörden.