Für Regierungsrat Thomas Heiniger ist die umfassende Sterbebegleitung ein Muss in der medizinischen Grundversorgung. Mit der Palliativstation, wo unheilbar Kranke und Sterbende Betreuung erhalten, übernimmt das Spital Affoltern «eine wichtige Rolle in der Gesundheitsversorgung des Kantons», betonte er.

Im Palliativ-Care-Kompetenzzentrum in der «Villa Sonnenberg» in Spitalnähe erhalten 10 bis 12 unheilbar kranke und sterbende Menschen eine umfassende Betreuung. Der Weg zum Umbau des «Doktorhauses» war steinig. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger begann anlässlich der Einweihung am Freitag mit einer Art «Selbstkritik» - mit dem Hinweis nämlich, dass es bei der Projektausarbeitung an der gewünschten Unterstützung durch den Kanton gefehlt hat, obwohl ebendieser dazu einen Leistungsauftrag erteilt hatte. «Mit der ganzheitlichen Menschenmedizin, die nicht nur auf Heilen ausgerichtet ist, waren die Voraussetzungen für palliative Betreuungen in Affoltern längst gegeben», sagte Heiniger. Und er betonte, dass Affoltern mit diesem Kompetenzzentrum im Rahmen des kantonalen Palliativkonzepts einen besonderen Leistungsauftrag erfüllt - und damit zum pionierhaften Schrittmacher für andere Institutionen wird.

Roland Kunz: «Mister Palliative Care»

Bei der Erarbeitung des kantonalen Konzepts habe die Gesundheitsdirektion auf den Erfahrungsschatz von Palliative-Care-Leiter Roland Kunz zählen können. Er nannte ihn «Mister Palliative Care», der nun auch dafür sorge, dass Palliative Care in der Praxis auf kantonaler und eidgenössischer Ebene vorangehe. In seinen Dank schloss Thomas Heiniger auch Christian Hess ein, den ärztlichen Leiter des Spitals, der mit seinem ganzheitlichen Ansatz wichtige fachliche und menschliche Inputs geliefert hat.
Sie und andere haben laut Heiniger für dieses Kompetenzzentrum gekämpft und - anders als das bei Palliative Care der Fall ist - keine Grenzen akzeptiert, nämlich keine institutionellen. Und diese soll es auch in der Praxis der palliativen Betreuung keine geben - ein Bereich, in dem Schnittstellen und Vernetzung zentral sind.

In die gewohnte Umgebung zurück

Die «Villa Sonnenberg» ist zwar für längere Aufenthalte eingerichtet und kann sogar Angehörige beherbergen. 80 Prozent der todkranken Menschen wollen aber die Lebensphase zuhause, in vertrauter Umgebung, verbringen. «Kernaufgabe von Palliative Care liegt also darin, todkranke Menschen zu befähigen, in ihre gewohnte Umgebung zurückzukehren», sagte Thomas Heiniger. Er wies in diesem Zusammenhang auf die gute Zusammenarbeit zwischen Spitex, Hausärzten, Therapeuten, Seelsorgern und Familienangehörigen hin.
In einer Gesellschaft, die von Fortschritt geprägt sei, drohe das Sterben an Akzeptanz zu verlieren. Es beginne bei der Frage: Darf man überhaupt noch alt und krank werden? Auch wenn von alternder Gesellschaft und von einem sich abzeichnenden Mangel an Pflege- und Therapiepersonal die Rede sei und man von letzten teuren Lebensjahren und über Sterbehilfe debattiere: Palliative Care als Betreuungsangebot für unheilbar Kranke und als umfassende Sterbebegleitung sei ein Muss innerhalb der medizinischen Grundversorgung.

Neue Wege bei der Finanzierung

Nach langer Vorlaufzeit und einigen Hürden sei nun ein grosses Vorhaben abgeschlossen worden, sagte Peter Sandhofer, Präsident der Spital-Betriebskommission. «Wir können ein Bijou eröffnen».
Trotz neu beschrittenen Wegen sei die Finanzierung letztlich sichergestellt worden, so Sandhofer. An den Umbaukosten von 7 Mio. Franken beteiligt sich der Kanton mit 2,8 Mio. Franken, die 14 Gemeinden zusammen mit 1 Mio. Der Rest wurde aufgebracht durch die Spitalstiftung, Gönner und Donatoren sowie durch private Darlehen zu günstigen Konditionen. Die hohen Umbaukosten fussen auf der Komplexität des Umbaus.

Keine Spitalatmosphäre

Diesen Umbau verantwortete der Zürcher Architekt Felix Haessig. Die 1840 erbaute und 1979 letztmals renovierte Villa bildete eine echte Herausforderung, auch weil sie 1988 ins Inventar der kommunalen Schutzobjekte aufgenommen worden ist und beim Umbau mit zahlreichen Auflagen behaftet war. Sie musste «ausgekernt» werden, ohne den ursprünglichen Charakter zu verlieren. Das ist zweifelsohne gelungen. Die mit Parkettboden versehenen Räume und der restaurierte Kachelofen im Aufenthaltsraum verströmen keine Spitalatmosphäre. Der Villencharakter bleibt auch mit der schönen Gartenanlage erhalten. «Wir haben beim Umbau mit 80 involvierten Firmen grosses Vertrauen gespürt», sagte Felix Haessig, der dem Palliative-Care-Leiter Roland Kunz einen Türknauf der Villa von 1840 überreichte.

Standortfaktor

Ein wunderbarer Umbau, ein Meilenstein, eine zukunftsweisende, sinnvolle Ergänzung des Spitalangebots mit dem Menschen im Mittelpunkt und eine Art Gegenpol zu aktiver Sterbehilfe: Irene Enderli, Gemeindepräsidentin, Präsidentin des Gemeindepräsidentenverbandes und Präsidentin der Spitalstiftung, zeigte sich begeistert von der neuesten Einrichtung am Spital. Sie sei auch das Resultat einer Solidarität der Gemeinden und der Bevölkerung in der Region, festige den Spitalstandort Affoltern und stelle einen unverzichtbare, bedeutenden Standortfaktor dar. An Gesundheitsdirektor Heiniger gerichtet, sagte Irene Enderli zur langen Entstehungsgeschichte: «Die Ämtler vor dem Albis sind hartnäckig, manchmal unbequem, vereint stark und selbstbewusst».

Als Gemeindepräsidentin habe sie nun zum letzten Mal an einer Einweihung teilgenommen - ein schöner Abschluss hier. Als Präsidentin der Stiftung sei sie mit dem Spital weiterhin verbunden und die Stiftung weiterhin bestrebt, das Spital Affoltern zu unterstützen. Die 2005 gegründete Stiftung hat bislang 350 000 Franken Spenden aufgebracht und - quasi als Vorläufer der Palliativstation - ein Abschiedszimmer im Spital finanziert, dazu zusammen mit Hausärzten und Spital auch für drei Jahre eine Assistenzarztstelle. Sie hofft auf eine fortdauernde Solidarität mit dem Spital und kündigte die nächste Sammelaktion der Stiftung an, die vor Pfingsten beginnt.