Serie: Abgewählt
Alt-Nationalrat Hans Fehr: «Mit 69 habe ich noch mehr Saft als viele 30-Jährige!»

Im Oktober ist SVP-Nationalrat Hans Fehr abgewählt worden. Nun wettert er in Zeitungskolumnen und Büchern gegen den Bundesrat, Linke und Nette. Er kuschelt dabei gerne mit seinen Katzen.

Dennis Bühler
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«Die Katze lässt das Mausen nicht»: Hans Fehr kuschelt mit Pippa, beherrscht das Austeilen aber auch als Rentner nach wie vor bestens.

«Die Katze lässt das Mausen nicht»: Hans Fehr kuschelt mit Pippa, beherrscht das Austeilen aber auch als Rentner nach wie vor bestens.

Mario Heller

Ennet dem Rhein, wenige hundert Meter von der deutschen Grenze entfernt, steht Hans Fehr vor seinem kleinen, roten Reiheneinfamilienhaus und winkt.

Etwas müde sei er, sagt er an diesem frühen Montagmorgen entschuldigend, der Abend auf dem Chileplatz sei lang gewesen. «Filmtage Eglisau.» Seine Augen aber sind wachsam wie eh und je, der Händedruck ist kräftig, und sein Schnauz wippt auf und ab, wenn er lacht.

Der Zürcher Alt-SVP-Nationalrat lacht oft, wie früher im Parlament, als er mit seiner guten Laune die Radikalität seiner Voten kaschierte.

Neue Serie: Abgewählt

Ihnen bleibt der 18. Oktober 2015 in schlechter Erinnerung – denn sie wurden an diesem Tag nicht ins Bundesparlament wiedergewählt.

Die «Nordwestschweiz» hat Politiker besucht, die sich von einem Tag auf den andern neu orientieren mussten, und porträtiert sie in loser Reihenfolge.

Im zweiten Teil unserer Serie zeigen wir Ihnen, was Hans Fehr heute macht. Bis letzten Herbst war er während 20 Jahren im Nationalrat über Jahre Blochers Mann fürs Grobe.

- Seit dem Ausscheiden aus der Bundespolitik vermisse ich am meisten ...
... die direkte Einflussnahme in den Kommissionen und die Wasserspiele auf dem Bundesplatz.

- Von meiner Partei halte ich …
… noch immer sehr viel – aber die Jungen müssen nun vermehrt in die Hosen steigen.

- Meine Nachfolger machen ihre Arbeit …
… bis anhin recht gut, wobei in Bern querbeet durch alle Parteien zu viele Kleinmeister politisieren, denen die Fähigkeit zur Einordnung und Gesamtschau fehlt.

Während sich Pippa im Gartencheminée räkelt und ihm Pollina um die Beine streicht, wiederholt Fehr sein Motto, das er tags zuvor – voller Freude über die ihm zuteilwerdende Aufmerksamkeit – schon per E-Mail mitgeteilt hat: «Die Katze lässt das Mausen nicht.»

Auch wenn er nach 20 Jahren im Bundeshaus abgewählt worden sei, mache er weiterhin Politik. «Schliesslich habe ich mit 69 noch mehr Saft als viele 30-Jährige!» Was klingt wie eine Drohung gegenüber seinen Lieblingsfeinden – den «Linken und Netten» –, soll auch ihn selbst beschwichtigen.

Denn natürlich traf Fehr seine Abwahl hart. Ihn überraschte sie mehr als alle anderen. Am Morgen des 18. Oktober hatte er in Eglisau die Liste 1 der Zürcher SVP in die Urne geworfen, wie er es seit Jahrzehnten tut, dann war er mit seiner Frau Ursula nach Schaffhausen gefahren.

Er sass gerade in einer Gartenbeiz am Rhein in der Sonne, als ihn ein Journalist anrief und fragte, ob er sich bewusst sei, dass ihn nur noch ein Wunder vor der Abwahl bewahren könne. Fehr fragte zurück, ob er keinen besseren Witz auf Lager habe.

Die Schuldige: die Putzfrau

Von Listenplatz 4 wurde Fehr auf Rang 19 durchgereicht. Dass er Christoph Mörgeli um 500 Stimmen hinter sich liess, machte das Fiasko nicht besser.

An ihm vorbeigezogen waren nicht nur Roger Köppel und Ständeratskandidat Hans-Ueli Vogt, sondern mit Barbara Steinemann, Bruno Walliser, Claudio Zanetti und Mauro Tuena auch Kandidaten, die Fehr mit seiner Bekanntheit locker hätte distanzieren müssen.

Um ganze sieben Ränge verpasste er die Wiederwahl. «Seit Jahrzehnten lautet mein Leitsatz: ‹Erfolg sicherstellen statt Misserfolg begründen›», sagt Hans Fehr, Oberstleutnant mit 1400 Diensttagen.

Der SVP Alt-Nationalrat Hans Fehr in seinem Garten in Eglisau.

Der SVP Alt-Nationalrat Hans Fehr in seinem Garten in Eglisau.

Mario Heller

«Am 18. Oktober ist mir das nicht gelungen. Meine Lagebeurteilung war zu sorglos ausgefallen, ich hatte mich zu sicher gefühlt und kaum etwas für meine Wiederwahl getan.»

In ein mentales Loch gefallen sei er dennoch nicht, behauptet Fehr. «Mir war immer klar, dass in der Politik keine Dankbarkeit zu erwarten ist.»

Den einzigen Grund für seine Abwahl sieht er in der «Medienkampagne rund um die Putzfrauengeschichte». 2013 war publik geworden, dass ausgerechnet Asylhardliner Fehr eine Asylbewerberin aus Serbien beschäftigt hatte, ohne sie bei den Behörden anzumelden und ohne ihr AHV-Beiträge zu entrichten.

Was tut einer wie Fehr, der seit einem halben Leben nichts anderes als das SVP-Sünneli im Kopf hatte, wenn er plötzlich nicht mehr gebraucht wird? Er schreibt ein Buch über das Verhältnis der Schweiz zur EU, unzählige Leserbriefe und regelmässig Kolumnen in der «Basler Zeitung».

In dieser fordert er dann beispielsweise eine Neuauflage des Rütlirapports, damit «die Politiker aufwachen und erkennen: Die Sicherheit hat ihren Preis, die Wehrlosigkeit einen noch viel höheren!»

Der Bundesrat als «Loreley»

Am liebsten aber interpretiert Fehr, der 25 Gedichte auswendig rezitieren kann, die Werke grosser Meister neu und zieht seine Schlüsse für die politische Aktualität: Bundesrat Didier Burkhalter vergleicht er dann mit Rudenz aus Schillers «Wilhelm Tell».

Wie der Schweizer Adlige, der nach der Anerkennung des habsburgischen Hofes trachtet, bewundere der FDP-Magistrat das Grossräumige und lechze nach hohen Ämtern und Privilegien, auch wenn er dabei das eigene Volk verrate.

Beim «üblen Täuschungsmanöver» des Bundesrates, der seine Untergebenen mit dem institutionellen Rahmenabkommen fremden Richtern unterwerfen wolle, sieht sich Fehr hingegen an Heinrich Heines «Loreley» erinnert, die auf einem Felsen hoch über dem Rhein thronend mit ihrer Schönheit und ihrem Gesang die Fischer verführte, die sodann von den Wellen verschlungen wurden.

Wenn sich Fehr, der sich selbst noch sehr wohl gebraucht fühlt, mal etwas Freizeit gönnt, spaziert er mit seinen zwei kleinen Enkeln durch sein kleines privates Waldstück, wümmet in seinem Rebberg oder unternimmt mit seiner BMW R60/5 aus dem Jahr 1973 lange Passfahrten.

Sein grösstes Hobby aber ist der Waffenlauf. Manch einmal ist Fehr in den letzten Jahrzehnten im Tarnanzug 90, mit Rucksack und Sturmgewehr über Schweizer Strassen gerannt, mehrmals hat er die 100 Kilometer von Biel absolviert.

Hans Fehr besitzt zwei Katzen, die ihm ans Herz gewachsen sind.

Hans Fehr besitzt zwei Katzen, die ihm ans Herz gewachsen sind.

Mario Heller

Sein Sport, seine Politikerlaufbahn: Langstreckenrennen, die Kondition erforderten. Am stolzesten sei er auf seine Konstanz, sagt Fehr. «20 Jahre lang habe ich die Politik meines Landes im Nationalrat mitgeprägt, noch länger jene der SVP.»

Zur Partei war er einst gekommen, weil er nach 13 Jahren als Realschullehrer Lust auf eine Veränderung verspürt und in der Zeitung ein Inserat entdeckt hatte, mit dem die kantonale SVP einen Generalsekretär suchte.

So stieg er im Sommer 1984 nach dem Schulsporttag in den Zug, um nach Zürich zu fahren und sich bei Christoph Blocher vorzustellen. Unterwegs stellte er mit Schrecken fest, dass er seine Krawatte vergessen hatte. Doch Fehr wäre nicht Fehr, hätte er nicht zu improvisieren gewusst: Kurzerhand überredete er den Kondukteur, ihm seine blau-rote SBB-Krawatte zu schenken.

Blocher allerdings hätte ihn wohl auch oben ohne eingestellt. Einem Journalisten sagte er einst: «Als sich Fehr in meinem Büro vorstellte, dachte ich: Das ist einmal ein Lehrer, der nicht links ist, den können wir sicher brauchen.»

Blocher konnte Fehr gebrauchen. Fortan war er sein «Stabschef» (Fehr über sich selbst) respektive sein «Knecht Ruprecht» (SP-Präsident Peter Bodenmann), jedenfalls: der Mann fürs Grobe.

Mit dem Messerstecherinserat von 1993 und dem zugehörigen Slogan «Das haben wir den Linken und Netten zu verdanken» war Fehr massgeblich daran beteiligt, das politische Klima zu vergiften. Erst im Kanton Zürich, dann schweizweit. Fehr: «1993 haben wir erstmals nicht nur Missstände angeprangert, sondern auch die hierfür Verantwortlichen klar benannt – das war wegweisend.»

Erfolgreich jedenfalls war es: Dank Fehrs Zweihänder und seinen Kursen in Rhetorik, Körpersprache und Leserbriefschreiben erhöhte die Zürcher SVP-Sektion die Sitzzahl im Kantonsrat zwischen 1985 und 1998 von 31 auf 60.

Dann bat Blocher seinen Adlaten, ihm bei der Auns zur Seite zu stehen, der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz. Auch sie trimmte Fehr auf Erfolg.

«Zu viele Pseudointellektuelle»

Mit der Abwahl von Fehr hat die SVP im vergangenen Oktober einen ihrer unerbittlichsten Soldaten und die Schweiz einen ihrer umstrittensten Politiker verloren. Was fehlt ohne Sie, Herr Fehr?

«Nichts», sagt er erst, um dann doch noch auszuholen zur grossen Schelte an der nächsten Politikergeneration: «In Bern politisieren querbeet durch alle Parteien zu viele Kleinmeister, die eindimensional eigene Interessen verfolgen und ihr Ego pflegen und kaum zu einer historischen, politischen und wirtschaftlichen Gesamtschau der Dinge fähig sind.»

Eine weitere Leidenschaft des ehemaligen SVP-Nationalrats: Der Genuss Deutscher Gedichte.

Eine weitere Leidenschaft des ehemaligen SVP-Nationalrats: Der Genuss Deutscher Gedichte.

Mario Heller

Sorgen bereiteten ihm auch die «Pseudointellektuellen», die noch nie richtig gearbeitet hätten und die ihre fehlende Bodenhaftung mit künstlichem Gehabe wettzumachen versuchten.

Immerhin: Hoffnung besteht – und das gerade wegen seiner Abwahl. Weil Hans-Ueli Vogt ihn am 18. Oktober überflügelte und den Einzug in den Nationalrat schaffte, konnte eine junge, ambitionierte SVP-Politikerin aus dem Stadtzürcher Gemeinderat ins nächsthöhere Gremium, den Kantonsrat, nachrücken: Nina Fehr Düsel, seine Tochter.

Die Familie führt den Kampf weiter: für die Schweiz, die Neutralität, die Unabhängigkeit. Nina pflegt dabei noch unschuldiger zu lächeln als Hans.

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