Tabuthema

Arbeiten und die Eltern pflegen: Müssen Arbeitgeber frei geben?

Erkrankt ein Kind, dürfen Eltern je bis zu drei Tage vom Arbeitsplatz fernbleiben. So ist es im Arbeitsrecht geregelt. Was aber, wenn eine berufstätige Person am Arbeitsplatz fehlt, weil sie unvorgesehen den Partner oder einen Elternteil pflegen muss?

Von dieser Frage sind immer mehr Berufstätige betroffen: Die Alterung der Gesellschaft, die Zunahme von Demenzerkrankungen, medizinische Fortschritte im Bereich chronischer Krankheiten sowie der grössere Anteil berufstätiger Frauen führen dazu, dass immer mehr Berufstätige auch pflegerische Aufgaben übernehmen. Genaue Statistiken, wie viele Berufstätige in die Pflege und Betreuung von Angehörigen involviert sind, gibt es nicht. Je nach Erhebung sind es bis zu 25 Prozent.

Noch ist das Thema vielerorts tabuisiert. «Die Pflege eines kranken Angehörigen ist kein freudiges Ereignis wie die Geburt eines Kindes. Es fällt vielen Arbeitnehmenden und auch Angehörigen schwer, Krankheit oder Behinderung anzusprechen», sagt Iren Bischofberger von der Kalaidos Fachhochschule. Seit 2007 forscht sie mit ihrem Team zum Thema «work & care».

Klare arbeitsrechtliche Regelungen gefordert

Für die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker ist es zwingend, dass klare arbeitsrechtliche Regelungen für pflegende Angehörige geschaffen werden: «Freistellungsregelungen für betreuende Angehörige würden dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren.» Schenker plädiert dafür, dass die im Arbeitsrecht erlaubten Absenz-Tage generationenunabhängig sein müssen. In einem Vorstoss verlangt Schenker nun eine Untersuchung über die Situation von Berufstätigen, die beispielsweise ihre betagten Eltern pflegen. «Während die Vereinbarkeit von Familie und Beruf inzwischen gut ausgeleuchtet ist, weiss man sehr wenig über die Situation am anderen Ende des Spektrums», sagt Schenker.

Iren Bischofberger hat eine Erklärung dafür, dass das gesellschaftlich brisante Thema bis anhin so wenig Beachtung gefunden hat: «In den letzten Jahrzehnten war man in der Schweiz mit der bisherigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit kleinen gesunden Kindern vollauf beschäftigt», sagt Bischofberger.

Von einer wachsenden Sensibilisierung bei den Unternehmen berichtet Daniel Huber von der Fachstelle UND, welche sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt. «Die Unternehmen erkennen, dass dieses Problem noch verstärkt auf sie zukommen wird.» Je nach Situation liegt die Lösung in einer flexibilisierten Arbeitszeit, im unbezahlten Urlaub oder in der Möglichkeit, über eine gewisse Zeit das Pensum
zu reduzieren. Ein Entgegenkommen des Betriebs muss für das Unternehmen nicht nur Umtriebe bedeuten: «Eine erweiterte Familienfreundlichkeit wird für ein Unternehmen zunehmend zum Wettbewerbsvorteil», sagt Bischofberger.

«Männer müssen umdenken»

Huber weist darauf hin, dass das Thema Pflege neu auch verstärkt Männer betrifft. «Seit ein Grossteil der Frauen erwerbstätig ist, übernehmen diese nicht mehr selbstverständlich die pflegenden Aufgaben. Männer müssen umdenken, damit die Pflege nicht an den Frauen hängen bleibt.»

Davor warnt auch Ruth Derrer Balladore vom Arbeitgeberverband: «Bleibt die Elternpflege an den Frauen hängen, sind sie gar nicht mehr attraktiv auf dem Arbeitsmarkt.» Derrer bestätigt, dass auf Arbeitgeberseite eine «wachsende Sensibilität» für das Thema zu spüren ist. «Schwierig ist, dass – kaum ist man bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf und Kind einigermassen auf einem grünen Zweig – nun schon wieder neue Forderungen auf dem Tisch sind.»

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