Nach der letzten «Arena»-Sendung mit dem Titel «Trumps Krieg» über die Glaubwürdigkeit der Medien kochen die Emotionen hoch. Vor allem über den Auftritt des umstrittenen Publizisten Daniele Ganser wird heftig gestritten. Moderator Jonas Projer lässt die Sendung am Tag danach im Interview noch einmal Revue passieren. 

Thema und Gästeliste haben bereits im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Was wollten Sie mit dieser Arena erreichen?

Jonas Projer: Wir wollten Leute involvieren, die sich sonst eher in ihren eigenen medialen Räumen bewegen – Leute mit Ansichten wie Daniele Ganser, die sich in erster Linie in Foren und über obskure Online-Kanäle informieren. Unser Thema war ja das Misstrauen gegenüber den klassischen Medien. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich da ein Graben durch unsere Gesellschaft zieht. Ein Graben zwischen jenen, welche Vertrauen haben in Medien, Wissenschaft, Politik – und jenen, welche dem sogenannten «System» misstrauen. Wir wollten, dass in dieser «Arena» jemand mit am Tisch sass, der für diese misstrauischen Leute spricht.

Ist es denn so einfach? Hier die Konsumenten von klassischen Medien, dort die Anhänger kruder Verschwörungstheorien?

Nein, die Welt ist doch nicht schwarz/weiss. Auch ich glaube nicht alles, was ich in der Zeitung lese. Aber ich habe ein Grundvertrauen in die Wissenschaft, in unsere Demokratien und, ja, in die Medien. Sonst könnte ich ja diesen Job nicht machen. Wer hingegen mutmasst, dass hinter 9/11 oder hinter dem Attentat auf «Charlie Hebdo» womöglich eine Verschwörung steckt, der hat dieses Grundvertrauen nicht. Das war in meinen Augen die zentrale Konfliktlinie, der entscheidende Graben der Sendung.

Projer vs. Ganser Teil 1

Welche Rückmeldungen haben Sie bislang bekommen?

Ich erhielt vor allem enorm viele Rückmeldungen! Per Mail, SMS, in den sozialen Medien und persönlich auf der Strasse. Mehrheitlich waren diese Rückmeldungen positiv oder amüsiert über die turbulente Sendung. Ausser in den sozialen Medien, da gab es auch viel harsche Kritik.

Schaut man sich auf Twitter und in den Kommentarspalten um, so scheint es, dass Sie die Gräben nicht zuschütten konnten, im Gegenteil.

Stimmt. Das nehme ich auch zur Kenntnis. Und ich stelle mir viele Fragen: Wie liesse sich das vermeiden? Was hätten wir anders machen können? Vielleicht kann eine Talkshow wie die “Arena” auch keine Gräben zuschütten. Vielleicht ist es eher unsere Aufgabe, die Leute auf beiden Seiten des Grabens daran zu erinnern, dass es die jeweils andere Seite auch noch gibt. Ich habe keine Ahnung, ob die Sendung vom Freitag gelungen ist oder nicht. Aber das ist unser Ziel: Dass man in der “Arena” auch andere Meinungen hört als die, die man selber hat.

Projer vs Ganser Teil 2

Was muss denn getan werden?

Wenn ich das wüsste! Doch, etwas weiss ich: Wir sollten mehr Inhalte konsumieren, in denen wir mit anderen Ansichten konfrontiert werden, und weniger im eigenen Saft der personalisierten Facebook-Timeline schmoren. Klar, das ist angenehm, da ist man zu Hause, da fühlt man sich wohl. Da teilen sogenannte Freunde Inhalte mit einem, die die eigene Weltanschauung bestätigen. Aber daraus sollten wir ausbrechen.

Was heisst das konkret, andere Inhalte konsumieren?

Mehr Zeitungen abonnieren! Mehr Zeitungen lesen, Radio hören, Fernsehen schauen! Sich selber dazu zwingen, Ansichten wahrzunehmen, die den eigenen diametral entgegenstehen. Es geht darum, den Horizont zu erweitern oder zumindest nicht weiter zu verengen. Wenn wir das nicht machen, wenn wir uns nur noch in unseren Communities informieren und die klassischen Medien verkümmern lassen, dann hat die Demokratie ein Problem, davon bin ich überzeugt.

Das ursprüngliche Thema, Misstrauen gegenüber Medien, rückte am Freitagabend aber in den Hintergrund. Stattdessen stand die Frage im Raum, ob Daniele Ganser sich bezüglich eines «Einstein»-Beitrags widersprochen hat, oder nicht.

Ja, das hat zu viel Raum eingenommen, das stimmt. Das war nicht gut.

Projer vs. Ganser Teil 3

Ist es denn relevant, ob Ganser auf Twitter eine andere Meinung vertritt, als in einem privaten Mailverkehr mit SRF?

Ich finde schon, da ging es genau um das Misstrauen gegenüber den Medien. Im Vorgespräch vor der Sendung kritisierte Daniele Ganser immer und immer wieder, wie unfair die Einstein-Sendung gewesen sei, wie unseriös der Autor und SRF generell. Da mussten wir uns natürlich entsprechend vorbereiten.

Sie hatten das entsprechende Mail also erst nach der Einladung an Ganser besorgt?

Ja, natürlich. Wir gingen Gansers im Vorgespräch geäusserten Kritik nach und informierten uns bei der Redaktion von «Einstein». Und dann wunderten wir uns natürlich schon, wieso Ganser gegenüber “Einstein” den 9/11-Beitrag lobt, ihn aber gegenüber seinen Fans auf Twitter als “Diffamierung” bezeichnet.

Ganser argumentierte, sein Tweet und das Mail widersprächen sich nicht. Er habe auch auf Twitter einzig den Mix der Einstein-Sendung kritisiert.

Das ist gemäss unseren Recherchen nicht korrekt. Auf Twitter schrieb Ganser, der Begriff «Verschwörungstheorie» im Zusammenhang mit 9/11 sei eine «Diffamierung». Im Mail lobte er den Beitrag über 9/11, in dem wiederholt von «Verschwörungstheorie» die Rede war. Das scheint uns ein offensichtlicher Widerspruch. Es ist nicht so, als wäre erst im Rest der Sendung von Verschwörungstheorien die Rede gewesen. 

Trotzdem, Ganser wurde in der Sendung blossgestellt. Ist das die Aufgabe der Arena?

Da wurde doch niemand blossgestellt, finde ich. Es stimmt, die Szene war sehr hitzig, selbst für eine «Arena». Aber danach fand die Diskussion wieder in ruhige Fahrwasser und endete freundlich, mit Gelächter, mit einem Händedruck.

Ganser kritisierte wiederholt, dass er als «umstrittener» Publizist eingeführt und als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wurde.

Doch, ich finde, man kann die Ansichten, die Ganser vertritt, als umstritten bezeichnen. Es wäre nicht richtig gewesen, ihm eine unkritische Plattform zu geben und gewisse Aussagen unkorrigiert zu lassen.

Es liegt aber auf der Hand, dass die Diskussion weniger hitzig verlaufen wäre, ohne eine Person wie Ganser.

Das stimmt. Wir hätten Leute einladen können, die den Medien vertrauen – mehr oder weniger. Aber meiner Ansicht nach hätten wir dann verdrängt, dass das Misstrauen um sich greift, in den USA, in Deutschland, bei uns. Wenn man schon eine kontroverse Diskussionssendung macht, sollte man auch beide Seiten einladen, finde ich.

Wie ordnen Sie als Journalist die Arbeit von Ganser ein?

Es steht mir nicht zu, über die «Arena» hinaus ein Urteil abzugeben. Das sollen kompetentere Leute tun.

Erwarten Sie, dass sich Ganser bei der Beschwerdestelle meldet, wie er es ankündigte?

Keine Ahnung. Ich habe heute mit jedem geredet, der das Gespräch mit mir suchte, und werde es weiterhin tun. Das Team der «Arena» macht dasselbe. Wenn Beanstandungen eingereicht werden, werden wir wie immer sachlich dazu Stellung nehmen.

Wie haben Sie persönlich diese Sendung erlebt?

Sie hat mich als Moderator an meine Grenzen gebracht – ich habe wohl noch nie eine so turbulente «Arena» erlebt. Heute schrieben mir diverse Leute, die Sendung sei brilliant gewesen. Andere fanden sie abgrundtief schlecht. Ich selber habe da kein Gespür mehr. Ich weiss nur, dass wir lieber mal etwas riskieren, als eine Sendung zu machen, in der sich alle Anwesenden einig sind, während die Ausgeschlossenen sich ihre eigenen Kanäle suchen.

Hier geht es zur ganzen "Arena"-Sendung.