Die Crypto AG ist eine diskrete, erfolgreiche Firma mit Sitz im zugerischen Steinhausen. Ihr Zuhause ist die Welt der Geheimdienste. Sie stellt Chiffriergeräte her, mit welchen Nachrichten verschlüsselt werden können – eine unabdingbare Voraussetzung, um Cyber-Angriffe, Abhöraktionen oder gar Sabotage zu verhindern.

Die Firma stand während Jahrzehnten im Ruf, eng mit dem amerikanischen Geheimdienst National Security Agency (NSA) zu kooperieren. Crypto stellt diese Kooperation in Abrede.

Das Logo des Chiffriergeräte-Herstellers Crypto am Hauptsitz in Steinhausen im Kanton Zug.

Das Logo des Chiffriergeräte-Herstellers Crypto am Hauptsitz in Steinhausen im Kanton Zug.

Schweigers beredtes Schweigen

Anruf bei Rolf Schweiger: Der Zuger ist Alt-FDP-Ständerat, Hauptmann der Schweizer Armee, in Bundesbern bestens vernetzt. Er sitzt im Verwaltungsrat der Crypto AG. Ob er uns sagen könne, wem die Firma gehöre? «Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben.» Ob er denn wisse, wer die Besitzer der Firma seien? Schweiger schweigt. Und sagt dann: «Leider kann ich Ihnen auch dazu keine Auskunft geben.» Letzter Versuch: Ob der amerikanische Geheimdienst NSA die Finger im Spiel habe? «Keine Auskunft.»

Auch die Anfrage direkt bei der Firma bringt kein Licht ins Dunkel: Crypto AG gehöre zu 100 Prozent der «The Crypto Group AG», die wiederum zu 100 Prozent der Anstalt europäische Handelsgesellschaft AEH mit Sitz in Liechtenstein gehöre. «Über Anstalt und Geschäftszahlen geben wir keine Auskunft», teilt die Firma mit. Über die Besitzverhältnisse wurde schon früher spekuliert: In den 1990er-Jahren berichtete der «Spiegel», bei Crypto mischten Siemens-Manager mit, denen Verbindungen zum deutschen Geheimdienst BND nachgewiesen werden könnten. Tempi passati? Wir wissen es nicht.

Fakt ist: Crypto AG ist heute weltweit in rund 130 Ländern tätig. Ihre Kunden sind Regierungen, oft Geheimdienste. Exportschlager sind Chiffriergeräte, mit deren Hilfe riesige Datenströme verschlüsselt werden können.

Verschlüsselte Kommunikation am WEF

Verschlüsselte Kommunikation am WEF

Armee: «Alles im Griff»

Recherchen zeigen nun: Ein wichtiger Kunde der Crypto AG ist auch die Schweizer Armee. Diese setzt für die Verschlüsselung ihrer Kommunikation auf Chiffriergeräte der Zuger Firma, wie Armasuisse, das Bundesamt für Rüstung, auf Anfrage bestätigt. Wie gross der Auftrag ist, will Armasuisse nicht sagen. Insider sprechen von rund 1000 Verschlüsselungsgeräten. Es geht um den Aufbau des «Führungsnetzes Schweiz». Dieses stellt die Kommunikation in Krisenlagen sicher. «Die landesweiten Kommunikationsnetze bilden das Rückgrat einer Gesellschaft, weshalb sie geschützt werden müssen», schreibt Crypto-Geschäftsführer Giuliano Otth im Crypto-Kundenmagazin. Geschützt vor Ausfällen, Cyberattacken, Abhörversuchen. Der CEO macht Werbung in eigener Sache: Die Verschlüsselung dazu liefert Crypto.

Der Einsatz am WEF

Crypto-Geräte kommen etwa zur Sicherung des Weltwirtschaftsforums in Davos zum Einsatz, wie Armasuisse bestätigt. Wie es funktioniert, beschreibt die Firma in ihrem Magazin gleich selbst: Personenschützer händigen den Sicherheitschefs der angereisten Spitzenvertreter aus Politik und Wirtschaft bereits am Flughafen ein sicheres Mobiltelefon aus. Darin sind sämtliche wichtigen Telefonnummern gespeichert und dank der Verschlüsselung vor Angriffen gesichert. Auf der Reise nach Davos informiert der Personenschützer den Security Manager im Operationszentrum der Armee per verschlüsselte Textnachrichten über den Status des Konvois. Polizeikontrollen können auf diese Weise problemlos passiert werden. Die Personenschützer, die einer Spezialeinheit der Armee angehören, garantieren die Sicherheit der exponierten Personen und bewachen deren Unterkünfte. Entscheidend sei, so das «Crypto-Magazin», dass die «Kommunikation zentral und verschlüsselt gesteuert werde». Das Operationszentrum sei das «Nervenzentrum». Die technische Infrastruktur dafür liefert Crypto.

Die Zuger Firma spielt also schon heute offensichtlich eine wichtige Rolle. Deren Bedeutung dürfte weiter zunehmen. Der Bundesrat treibt den Ausbau des «Führungsnetzes Schweiz» mit Hochdruck voran. Ein sicheres Datenverbundnetz (SDVN) soll künftig in Krisen und Notlagen die Verbindungen zwischen den Führungsanlagen der Landesregierung, allen Departementen des Bundes, den Kantonen sowie den Betreibern kritischer Infrastrukturen (Kernkraftwerke oder Landesflughäfen) garantieren. Dieses Netz basiert auf der Infrastruktur der Armee und somit auf Crypto-Verschlüsselungstechnik.

Ein mögliches Krisenszenario: ein Cyber-Angriff auf die Schweizer Stromversorgung. Innert Stunden bricht die zivile Führung und Versorgung des Landes zusammen. Gefragt ist nun ein sicheres, unabhängiges Kommunikations- und Führungsnetz. Die Kosten für den Aufbau dieses Netzes werden vom Verteidigungsdepartement auf 55 bis 60 Millionen, die jährlichen Betriebskosten auf 11 Millionen Franken geschätzt.

Swissgrid, die Betreiberin des Elektrizitätsnetzes, beobachtet den Ausbau des «Führungsnetzes Schweiz». Die Frage der Beteiligung stelle sich noch nicht. Auf Anfrage heisst es: «Swissgrid verwendet im Systembetrieb keine Produkte oder Geräte von Crypto. Lediglich zu Übungs- und Testzwecken werden bisweilen Verschlüsselungsgeräte eingesetzt, welche von Crypto hergestellt wurden.»

Der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden enthüllte, wie umfassend amerikanische Geheimdienste die ganze Welt ausspionieren und Kommunikations- und Informationskanäle zu kontrollieren versuchen. Hat die NSA auch die Schweizer Krisenkommunikation und damit die Führung des Landes im Griff?

Auf die Frage, ob die Armee wisse, wer hinter der Firma stecke, heisst es: «Informationen über Lieferanten geben wir keine bekannt.» Dennoch versichert das Verteidigungsdepartement in Bern: «Es kann ausgeschlossen werden, dass hochsensible Daten von Unbefugten mitgelesen werden können.» Bei sensiblen Elementen sorge die Armee dafür, dass Sicherungssysteme unabhängig von den Herstellern programmiert und aktiviert werden können. Sämtliche Personen, die in die Evaluation solcher Geräte involviert sind, müssten zudem eine Personen-Sicherheitsüberprüfung bestanden haben.