Albert Rösti, Chef der SVP, will Obelix sein. «Der ist so gemütlich.»

«Dann bin ich Asterix – und wir bilden ein Paar!», schlägt Bundespräsident Alain Berset (SP) begeistert vor.

Nein, die Szene ist nicht erfunden. Und ja, diesem Berset muss es wirklich ernst sein mit seiner Mission. «In der Schweiz müssen wir uns füreinander interessieren, uns in andere hineindenken und ihre Sicht der Dinge verstehen», lautet seine Losung für das Jahr 2018.

Keine Schweizer Politiker, sondern französische Schauspieler.

Keine Schweizer Politiker, sondern französische Schauspieler.

In der «Präsidialarena» diskutierten Berset und Rösti am Freitagabend gemeinsam mit den Chefinnen von FDP und Grünen über die Herausforderungen, die dieses Jahr auf die Schweiz warten. Zu Asterix und Obelix mutierten die beiden erst ganz am Ende der Sendung, als Moderator Jonas Projer seine Gäste in der traditionell apolitischen Schlussrunde nach ihren liebstem Comic-Helden fragte (das Video dazu gibt's ganz am Schluss des Artikels). Aber von vorne:

«Kann der neue Bundespräsident die Renten retten? Lassen sich die Gesundheitskosten bremsen? Und: Kann unser Verhältnis zur EU im Jahr 2018 geklärt werden?»

Um diese Fragen sollte es in der präsidialen Sendung gehen. Ziemlich viele Baustellen für einen einzigen Mann. Fast ist man versucht zu sagen: Das kumulierte Sorgenbarometer der Schweiz lastet auf Bersets Schultern.

  1. Die Schicksal-Abstimmung um die Altersvorsorge (Sorgenbarometer 2017: Rang 1) hat er soeben verloren. Im Präsidialjahr wartet die undankbare Aufgabe auf ihn, eine neue Vorlage zu zimmern.
  2. Die Gesundheitskosten (Sorgenbarometer 2017: Rang 4) steigen seit Jahren an, Besserung ist nicht in Sicht. Doch hat Berset hohe Erwartungen geweckt, indem er Massnahmen angekündigt hat, um den Prämienanstieg zu bremsen.
  3. In der Europapolitik (Sorgenbarometer 2017: Rang 5) ist pünktlich auf Bersets Präsidialjahr eine neue Eiszeit angebrochen. Brüssel droht, die Schweiz aus dem Börsenhandel auszuschliessen, wenn es mit dem geforderten Rahmenabkommen nicht vorwärts geht. In den Verhandlungen einen Durchbruch zu erzielen, scheint zwischen den Erpressungsversuchen der EU und den Muskelspielen der SVP beinahe aussichtslos.

Ein Zaubertrank, wie ihn sich Asterix hin und wieder genehmigt, käme Berset also wie gerufen. Vorerst versuchte er es jedoch mit einem anderen Mittel: Gnadenlosem Pragmatisus.

«Was die Diskussion gefährdet, sind Maximalpositionen», erinnerte er rechts und links in staatsmännischer Manier. Wer ohne Rücksicht auf den Volkswillen in die EU wolle, der gefährde unseren Wohlstand genauso wie jemand, der einen Bruch mit der EU anstrebe. «Wissen Sie: Ich bin Freiburger, ich müsste Schwarz-weiss eigentlich super finden.» Tatsache sei jedoch, dass die Politik nur in Grautönen vorwärtskomme, so Berset – mit seinen 45 Jahren der jüngste Bundespräsident seit langem.

Unter diesen Vorzeichen «könnte» ein Rahmenabkommen mit der EU eine gute Sache sein, führte der Bundespräsident aus. Entscheidend werde sein, was in diesem Abkommen genau drinstehe – und darüber gelte es nun zu verhandeln.

Überzeugt von der Notwendigkeit eines solchen Abkommens, das alle bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU unter einem Dach vereinen soll, zeigte sich Grünen-Chefin Regula Rytz. «Wenn wir im europäischen Fussballspiel mitspielen wollen, müssen wir auch die Schiedsrichter und die Spielregeln akzeptieren.»

Das sah SVP-Präsident Rösti natürlich anders: Wenn Brüssel der Schweiz vorschreibe, welche EU-Gesetze sie übernehmen muss, und «fremde Richtern» am Ende darüber urteilten, komme dies praktisch einem EU-Beitritt gleich. «Dann werden wir unser Stimmrecht in der direkten Demokratie verlieren», so seine Prognose. Ein Mittelweg ist aus Röstis Sicht unmöglich: «Wie es keine halben Schwangerschaften gibt, existiert auch keine halbe direkte Demokratie.»

Damit hatte er bei Berset, der bis dahin aufmerksam zugehört hatte, offenbar eine Linie überschritten. «Herr Rösti, Sie vertreten die grösste Partei im Bundeshaus. Sie wissen genauso gut wie ich, dass jeder Vertrag im Parlament zur Diskussion steht, und die Bevölkerung darüber abstimmen kann», ermahnte er den SVP-Chef. «Wenn Sie jetzt schon im Vornherein sagen, ‹es wird nie gehen›, dann sind Sie es, der unsere direkte Demokratie in Frage stellt.»

Wie weit die Ansichten in dieser Frage auch in der Bevölkerung auseinandergehen, verdeutlichten mehrere Voten aus dem Publikum. Während ein erster Herr an die Politiker appellierte, in den Verhandlungen mit der Europäischen Union härter aufzutreten, rief der nächste eindringlich in den Saal: «Wir sind Europäer, wir sind nicht einfach nur Schweizer oder nur Zürcher.»

Während er sprach, rückten im Hintergrund zwei Jugendliche in den Fokus, deren T-Shirts bereits davor in mehreren Kamera-Einstellungen zu sehen gewesen waren. Beide hatten mehrmals die Zahl 1 auf ihre weissen Shirts gepinselt. Oder hiess die Botschaft 11:11? Der Anblick irritierte, wurde in der Sendung aber nicht aufgelöst. Hatte die Aktion einen politischen Hintergrund?

Nein, hatte sie nicht, wie eine Nachfrage von watson bei den beiden Jungs ergab. Sie interessierten sich für Numerologie, erzählten die 16-jährigen Kantonsschüler nach der Sendung bereitwillig. Die Eins stehe dabei für einen Neuanfang. Ihr Ziel sei es gewesen, diese positive Message möglichst weit zu streuen, wenn sie schon einmal im Fernsehen seien. Aha.

Kaum mehr Erkenntisgewinn stiftete die kurze Runde zu den Themen Rente und Gesundheit, die in der Sendung auf den wesentlich längeren Europablock folgte. Zwar signalisierten die Parteichefs eine gewisse Bereitschaft, zumindest in der Altersvorsorge einen Neuanfang zu wagen. Die Zeit war aber schlicht zu knapp bemessen für eine profunde Diskussion – weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.

Also zurück zur Comic-Runde: Wer sich gefragt hat, für welche Heldenfiguren die beiden Politikerinnen schwärmen: Petra Gössi wählte den «knuddeligen» Bären «Petzi». Und Regula Rytz – ebenfalls Asterix und Obelix.

Die seltene Einhelligkeit war dann selbst Mr. Konsens Alain Berset etwas zu viel. Umschwenken wollte er dann aber doch nicht mehr: «Als Bundespräsident darf man ja nicht Lucky Luke nennen», grinste der Romand – wobei er den Namen des lonely Cowboy «Lücki-Lüük» aussprach.