Unterkunft Eigenthal

Asylsuchende wurden in Bundesunterkunft schlecht betreut

Asylunterkunft Eigenthal: Vor allem Kinder wurden nicht korrekt betreut. Stefan Kaiser/NLZ

Asylunterkunft Eigenthal: Vor allem Kinder wurden nicht korrekt betreut. Stefan Kaiser/NLZ

Die Vorwürfe wiegen schwer: In der temporär genutzten Bundesunterkunft Eigenthal im Kanton Luzern sollen Kinder zu wenig Kleider und zu scharfes Essen bekommen haben und medizinisch sehr schlecht versorgt worden sein.

Ein elfmonatiges, offensichtlich schwer krankes Kind sei erst auf massiven Druck hin medizinisch kontrolliert worden, sagte Karin Ottiger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, Ende September gegenüber Radio DRS. Erst auf Drängen beim Zentrumsleiter sei das Kind zum Arzt gebracht worden. Verantwortlich für die Betreuung ist die Firma ORS.

Nach Besuchen in der Unterkunft durch Amnesty International und die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) reagiert nun auch das Bundesamt für Migration (BfM): «Die Firma ORS hat gegen einzelne Auflagen des BFM verstossen», schrieb das Bundesamt gestern in einer Medienmitteilung. Im SFH-Bericht, der nach insgesamt drei Abklärungsreisen und zahlreichen Gesprächen mit ORS-Mitarbeitenden verfasst wurde, sind Mängel aufgeführt, welche die Vorwürfe bestätigen.

Es gebe zahlreiche Zeugnisse über unangemessenes Verhalten des Zentrumsleiters. Die ärztliche Versorgung sei teilweise unzureichend gewesen. Die Ernährung hätte besser auf die Bedürfnisse von Kleinkindern abgestimmt sein müssen. Die angemessene Grundversorgung mit Bekleidung sei nicht immer gewährleistet gewesen. Auch für die Betreuung und Animation der Kinder seien zu wenig Ressourcen eingesetzt worden.

Der Leiter wurde beurlaubt

Die Betreuungsfirma ORS nahm gestern in einem Communiqué Stellung. «Wir nehmen alle Feststellungen und Forderungen sehr ernst und haben erste Massnahmen ergriffen», so CEO Stefan Moll-Thissen. Man habe die Situation für die Familien und Kinder so weit wie möglich bereits verbessert. Der Leiter des Zentrums sei beurlaubt worden. Moll-Thissen wirft ihm einen Mangel an «Empathie, Engagement und Fingerspitzengefühl» vor. Das Angebot an kindergerechter Verpflegung und Zwischenmahlzeiten sei nun erweitert worden. «Für die Kleinkinder und Kinder wird es einen Zvieri geben», sagt Moll-Thissen.

Auch Bundesamt in der Kritik

In der Kritik steht aber auch das BfM, weil es zu wenig unternahm, um die Verantwortlichen zu kontrollieren. Der SFH-Bericht stellt mangelhafte Aufsicht und Qualitätssicherung fest. Das BfM bedauert die Vorfälle im Zentrum Eigenthal. Gleichzeitig nimmt es befriedigt zur Kenntnis, dass die ORS rasch wirkungsvolle Massnahmen getroffen hat, um die Situation zu verbessern. Das BFM will aufgrund der Vorfälle in Eigenthal das Controlling überprüfen. Es werde ein Konzept «mit ganz klaren Richtlinien» ausgearbeitet, das analog dem Controlling für die fünf Bundesempfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) angepasst werden soll, sagte Gaby Szöllösy, Chefin Kommunikation beim BfM, auf Anfrage der «Nordwestschweiz». Für die temporär genutzte Bundesunterkunft Eigenthal würde das bedeuten, dass der zuständige BfM-Mitarbeiter mehr Besuche absolvieren wird. Zudem müsse er wie auch die ORS regelmässig Bericht über Vorkommnisse und Aktivitäten erstatten. Da das Zentrum Eigenthal nur noch bis zum 7. Dezember in Betrieb ist, wird das Konzept auch für andere Bundesunterkünfte gelten.

Auch das Betreuungskonzept für Kinder in den Zentren soll angepasst werden. «Die Kinder sollen angemessen gefördert werden», sagt Szöllösy. Es könne aber kein System analog zu einer Kindertagesstätte aufgebaut werden. Szöllösy räumt ein, dass das Zentrum Eigenthal nicht für schulpflichtige Kinder vorgesehen war. Nun wird eine unterirdische Unterkunft in Nottwil – ein ehemaliges Militärspital – als Ersatz dienen.

Meistgesehen

Artboard 1