Abstimmung

Atomausstieg: Was Sie über den Schweizer Stromhaushalt wissen müssen

Blilck aus dem Kühlturm des AKW Leibstadt.

Blilck aus dem Kühlturm des AKW Leibstadt.

Am 27. November stimmt die Schweiz über den Atomausstieg ab. Die «Nordwestschweiz» erklärt alles rund um unseren Strom.

Wegweisend, das sei die Abstimmung über die Atomausstiegsinitiative der Grünen. So hört man – es mag der einzige gemeinsame Nenner sein – von Gegnern wie Befürwortern der Vorlage. Auch wenn in einem Land, dessen Bevölkerung sich viermal jährlich zu allerlei Sachthemen äussern kann, einem das Schlagwort gar schnell über die Lippen geht – worüber die Schweiz am 27. November abstimmt, hat tatsächlich das Potenzial zu einer Zäsur in der Schweizer Energiepolitik.

Fünf Atomkraftwerke stehen im Mittelland: Beznau I und II, Mühleberg, Gösgen und Leibstadt. Alle haben eine unbefristete Betriebsbewilligung. Das heisst: Sie dürfen so lange Strom produzieren, wie sie sicher sind. 

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) kontrolliert dies. Den Betreibern ist aber natürlich erlaubt, ihr Werk aus betriebswirtschaftlichen Gründen vom Netz zu nehmen – was die BKW im Jahr 2013 für ihr Werk angekündigt hat. Voraussichtlich 2019 wird Mühleberg abgeschaltet. 

Infogram: So viel Strom produzieren die AKW

 

Wie ersetzt man den Strom?

«Voraussichtlich» deshalb, weil das den Grünen zu wenig schnell geht: Wird ihre Initiative angenommen, muss das AKW Mühleberg bereits 2017 vom Netz, und mit ihm gleichzeitig auch Beznau I und II. Damit würde die Schweiz innerhalb eines Jahres drei ihrer fünf Kernkraftwerke verlieren. Was dramatisch klingt, wird insofern relativiert, als dass die drei ältesten AKW im langjährigen Schnitt zusammen lediglich rund ein Drittel des Atomstroms produzieren. Die anderen beiden AKW müssten 2024 (Gösgen) und 2029 (Leibstadt) abgeschaltet werden.

Infogram: CH Stromproduktion in Prozent, 2015

Infogram: CH Energieverbrauch in Prozent, 2015

Stromverbrauch nach Kundenkategorien

Dennoch würde innerhalb eines Jahres ein beträchtlicher Teil der Schweizer Stromproduktion wegfallen. Der grosse Streitpunkt der Abstimmung ist nun: Kann dieser ersetzt werden? Und wie?

Infogram: Aufteilung des Haushalt-Stromverbrauchs

Stromschwemme in Europa

Tatsache ist: In Europa herrscht wegen des Zubaus von erneuerbaren Energien und der wirtschaftlichen Grosswetterlage eine Überproduktion von Strom, was den Preis in den Keller gedrückt hat. Die Schweiz könnte – neben Massnahmen zur Effizienzsteigerung – also mehr Strom importieren oder selbst mehr Elektrizität aus erneuerbaren Energien produzieren. Auf Letzteres setzen die Grünen: Für sie ist ein Ja zur Initiative die notwendige Anschubhilfe, um den mit der Energiestrategie 2050 ohnehin beschlossenen, von der Bevölkerung aber noch nicht abgesegneten Umbau der Energieversorgung zu beschleunigen. Angenehmer Nebeneffekt: Dank der Wirtschaftsdynamik würden schweizweit mehr als 80 000 Stellen geschaffen, so die Initianten.

© Quelle: Bundesamt für Energie (BFE): Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) / Grafik: NCH/SSA

Als illusorisch hingegen betiteln die Initiativgegner solche Pläne und malen buchstäblich schwarz. Nachdem sie in mehreren Zeitungen komplett schwarze Inserate geschaltet hatten, lösten sie die Teaserkampagne am Dienstag auf. Tenor: Wenn die Stimmbevölkerung die «chaotische Sofortabschaltung» von drei AKW beschliesse, sei die Versorgungssicherheit der Schweiz gefährdet. Ein Blackout drohe. Und: Da die neuen Erneuerbaren nicht innerhalb nützlicher Frist und in genügendem Ausmass zur Verfügung stünden, bleibe nichts anderes übrig als deutlich mehr Stromimport. Dass dieser aus französischen Atommeilern oder deutschen Kohlekraftwerken stammen würde, sei angesichts des Absenders der Initiative geradezu bizarr, so die Gegner.

© Quelle: Bundesamt für Energie (BFE): Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) / Grafik: NCH/SSA

Keine neuen AKW

Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung ist klar, dass die Schweiz eines Tages ohne Atomstrom auskommen muss. Bundesrat und Parlament haben das so beschlossen und die Betreiber selbst haben vor Wochenfrist ihre Rahmenbewilligungsgesuche für neue Kernkraftwerke, die nach der Fukushima-Katastrophe sistiert waren, formell zurückgezogen. Neue AKW gibt es also nicht. Bleibt die Frage, wie lange die alten laufen sollen.

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Autor

Antonio Fumagalli

Antonio Fumagalli

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