Mordfall Marie
Auf den Mord folgen die Trauer und die politischen Forderungen

Mehr Kompetenz für die Vollzugsbehörden und ein neues Gesetz auf Bundesebene – so die Forderungen nach dem jüngsten Mordfall in der Westschweiz. Mit kantonalen Regelungen soll Schluss sein.

Daniel Fuchs
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Angehörige zeigen den Eltern von Marie ihr Mitgefühl.

Angehörige zeigen den Eltern von Marie ihr Mitgefühl.

Keystone

Der Vater der ermordeten Marie ist Pfarrer und predigte einst in Villars in den Waadtländer Alpen. Dort, hoch über dem Rhonetal, fand am Freitagabend eine Abschiedsfeier für seine Tochter statt. Für die Eltern ist die Tat des 36-jährigen verurteilten Mörders Claude D. unverzeihbar. Nur vor Gott könne ihm noch verziehen werden, sagte Maries Vater in «Le Matin».

Gedenkfeier in Villars-sur-Ollon

In der voll besetzten Kirche von Villars-sur-Ollon VD haben am Freitagabend gegen 300 Menschen an einer Gedenkfeier für die entführte und später ermordete 19-jährige Marie teilgenommen. Im Vorfeld der Zeremonie äusserte der Vater der Getöteten die Hoffnung, dass seine Tochter das letzte derartige Opfer gewesen sei. Die Andacht wurde von der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt organisiert. Der Vater des Opfers, Antoine Schluchter, ist in der Kirchgemeinde Ollon-Villars VD als Pfarrer tätig. (SDA)

In derselben Zeitung meldete sich auch der Bruder von Claude D. zu Wort und grenzte sich von diesem ab: «Ich habe mir meinen Bruder nicht ausgesucht.» Nichts könne seine Tat wiedergutmachen. Seine Tränen würden den Eltern von Marie gelten. Die Worte hinterlassen ein mulmiges Gefühl, wurde der Mann doch 2003 selber wegen einer Entführung verurteilt. Die Strafe wurde auf Bewährung ausgesetzt.

Verwahrung und SMS-Alarm

Die Tränen sind kaum getrocknet, die Klagen nicht verstummt - wie immer nach solchen Taten stehen Forderungen im Raum. Das war bei der Entstehung der Verwahrungsinitiative nicht anders: Initiantin Anita Chaaban wurde von der brutalen Vergewaltigung ihres Patenkinds angetrieben. Das schnelle nationale Alarmierungssystem fusst auf ähnlichen Gründen: Es war eine der Forderungen der Eltern von Lucie Trezzini, die 2009 ermordet wurde.

Gesetz auf Bundesebene gefordert

Auch dem Mord an Marie folgen politische Forderungen: Während die zuständige Regierungsrätin Béatrice Métraux mehr Einsprachemöglichkeiten der Waadtländer Vollzugsbehörden bei Entscheiden der Richter fordert, plädiert der SP-Nationalrat und Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch in der Sendung «10 vor 10» für ein schweizweites Gesetz zum Strafvollzug. «Das Handling sehr gewaltbereiter und gefährlicher Täter ist keine kantonale, sondern eine Schweizer Frage», sagte er.

Wenig davon erhofft sich Martin Graf, Zürcher Justizdirektor und Präsident des Neunerausschusses, einer Kommission der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren, die sich mit dem Straf- und Massnahmenvollzug befasst. Ein neues Gesetz auf Bundesebene würde laut Graf nichts an der Umsetzung ändern. Er nennt drei Bedingungen, um folgenschwere Fehlentscheide möglichst ausschliessen zu können: «Wir brauchen eine gute Methodik, verlässliche Leute, welche sie anwenden und kompetente Justizbehörden, die diese Grundlagenarbeit richtig interpretieren und die richtigen Entscheide fällen.»

Darin allein liegt für den Zürcher Strafrechtsprofessoren Martin Killias keine Erfolgsgarantie: «Einheitlich heisst nicht notwendigerweise richtig. Denn eine Vereinheitlichung kann die Innovation verhindern.» Aus seiner Sicht haben die Kantone wichtige Neuerungen dank Dezentralisierung ermöglicht. Eine starre Bundesregelung hingegen hätte das Unglück für Marie nicht verhindert, so Killias.