Flugverkehr

Aviatik-Experte zum Staatshilfegesuch der Swiss: «Im Notfall ja, aber dann braucht es eine Gegenleistung der Lufthansa»

Am Flughafen Zürich stehen zahlreiche Swiss-Maschinen unbenutzt am Boden. Die Flugkapazitäten wurden um 80 Prozent heruntergefahren.

Am Flughafen Zürich stehen zahlreiche Swiss-Maschinen unbenutzt am Boden. Die Flugkapazitäten wurden um 80 Prozent heruntergefahren.

Soll er Bund der Fluggesellschaft Swiss finanziell aushelfen? Und wie könnte ein solcher Deal aussehen? Aviatik-Experte Andreas Wittmer von der Universität St. Gallen nimmt Stellung und erklärt die verschiedenen Szenarien.

Ist die Swiss too big to fail?

Andreas Wittmer: Nein, grundsätzlich nicht, aber sie ist too relevant to fail. Es wäre ein schlechtes Szenario für die Schweizer Wirtschaft, wenn man ein Grounding zulassen würde. Mit dem Swissair-Grounding haben wir das ja schon einmal erlebt, und das Leben ging weiter. Aber damals war es anders. Die Swissair ging wegen grober Management-Fehler und einer völlig falschen Umsetzung der Strategie zugrunde. Nun haben wir es mit einer globalen Krise zu tun. Die Swiss trifft daran keine Schuld, wie auch nicht alle anderen Airlines weltweit.

Die Frage, die sich dem Bundesrat stellt ist: Staatshilfe ja oder nein?

Kurzarbeit sollte die Swiss auf jeden Fall zugesprochen erhalten. Das ist ja auch schon eine Art von Staatshilfe. Wenn es dann aber um die Liquidität geht, dann muss in erster Linie die deutsche Lufthansa als Eigentümerin der Swiss gerade stehen. Sie hatte die Swiss 2005 für 350 Millionen Franken gekauft, die drei Jahre zuvor mit 4 Milliarden Franken Starthilfe der Schweiz an den Start ging. Und seither flog die Swiss für Frankfurt mehrere Milliarden Franken an Gewinn ein. Andererseits schafft die Swiss den wirtschaftlichen Nutzen vor allem in der Schweiz. Somit muss sich der Bund überlegen, in welcher Form und unter welchen Bedingungen Cash an die Swiss fliessen kann und soll.

Auch die Lufthansa selbst fordert beim deutschen Staat Hilfe. Was wenn sie selber zahlungsunfähig wird?

Nochmals: Die Lufthansa ist gezwungen, die Defizite ihrer Airlines wie der Swiss oder Austrian zu decken. Sie muss für sie gerade stehen. Möglich wäre aber, dass Deutschland sagt: Wir helfen nur der Lufthansa im Lufthansa-Konzern, nicht den Töchterfirmen.

Und was dann?

Wir sprechen hier von einer Pandemie, die hoffentlich in ein paar Monaten vorbei ist. Dann kann sich die Industrie wieder entwickeln. Es geht also um eine Überbrückungshilfe. Der wirtschaftliche Nutzen der Swiss für die Schweiz ist gross genug um eine Unterstützung rechtfertigen, aber es stellt sich die Frage unter welchen Bedingungen.

Im Klartext bitte: Also doch Staatshilfe?

Wenn es zu diesem Szenario kommen sollte, dann ja. Aber nicht à fonds perdu! Es braucht eine Gegenleistung der Lufthansa. Eine Möglichkeit wäre ein Überbrückungskredit der Schweiz. Doch ich bin unsicher, wie rasch ein solcher zurückbezahlt würde angesichts der verlorenen Erträge und der tiefen Margen in der Luftfahrt.

Was wäre die Alternative?

Die Schweiz könnte ein Aktienpaket der Lufthansa oder eine Beteiligung an der Swiss kaufen. Momentan ist der Aktienkurs aller Airlines im Keller, er wird nach der Corona-Krise aber garantiert wieder steigen. Die Schweiz könnte also, ähnlich wie damals bei der Bankenkrise, später am rückkehrenden Erfolg mitprofitieren oder die Titel mit Gewinn wieder abstossen. Der Bund müsste rechtlich klären, inwiefern es möglich ist, sich an einer ausländischen Airline zu beteiligen. Aber in ausserordentlichen Situationen müssen auch ausserordentliche Optionen möglich sein.

Andreas Wittmer, Leiter des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen.

Andreas Wittmer, Leiter des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen.

Wer sagt, dass sich das Reiseverhalten durch diese Krise nicht nachhaltig verändert, und die Menschen weniger fliegen?

Die Mobilitätsnachfrage wird langfristig weiter steigen, davon bin ich überzeugt. Aber klar, das Wachstum könnte künftig vor allem in Europa etwas kleiner sein oder sogar stagnieren. Aber auch wenn der Markt nur schon auf das Niveau von 2019 zurückkehrt, wäre das ja nicht schlecht. Im vergangenen Jahr hat die Swiss über 600 Millionen Franken Gewinn erzielt.

Sie sagten, die Swiss sei nicht too big too fail. Und dennoch plädieren Sie nun für Staatshilfe in absoluter Not, also Schweizer Steuergeld für eine deutsche Firma.

Natürlich kann man sagen, wir brauchen die Swiss nicht. Aber das wäre fahrlässig. Sie ist absolut zentral für die Schweiz als Exportnation. Wenn die Swiss untergehen würde, hätte dies eine Wellenwirkung auf die gesamte Exportwirtschaft, auf den Tourismus, auf die Zulieferfirmen, und so weiter. Denn sie sind mit dem starken Franken schon genug gefordert. Wer das nicht sieht, verkennt die dramatische Lage. Und man darf auch nicht vergessen: Die Swiss hat ihren Sitz in der Schweiz, bezahlt Steuern in der Schweiz, und entlohnt ihre Angestellten in der Schweiz, die wiederum Steuern hier zahlen. Wenn die Swiss verschwindet, hat das auf die Standortattraktivität der Schweiz einen Einfluss.

Sie glauben, dass Firmen ohne eine Swiss der Schweiz adieu sagen?

Exportorientierte Firmen könnten sich verstärkt überlegen aus der Schweiz abzuwandern. Zwar würden andere Airlines den Zürcher Flughafen anfliegen, die möglicherweise keinen Hub in Zürich betreiben würden oder könnten. Dann käme aber die Abhängigkeit der internationalen Anbindung der unabhängigen Schweiz von Airlines anderer Staaten, welche für unser Land Schlüssel zum Erfolg ist. Ich denke, das wollen wir nicht.

Dann könnte die Lufthansa pokern: Von Anfang an drohen, dass ohne Staatshilfe die Swiss untergeht, und so die Schweizer Regierung unter Zugzwang bringen.

Mag sein. Logisch wäre diese Strategie aber nicht. Denn nochmals: Die Swiss ist eine Cash-Cow der Lufthansa, sie ist ein sehr profitable Airline im Konzern. Es wäre unvernünftig, wenn die Lufthansa ihre Zukunft leichtfertig aufs Spiel setzen würde, vor allem in Anbetracht, dass die Covid-19 Krise irgendwann zu Ende sein wird.

Dann müsste die Lufthansa der Schweiz absolute Transparenz bezüglich der finanziellen Lage liefern.

Ja, die Lufthansa muss die Karten auf den Tisch legen, wenn sie Geld will. Und sie muss die variablen Kosten so gut wie möglich kürzen. Es geht in erster Linie um die kurz- und mittelfristige Liquidität, um die Fixkosten zu decken, die bei einer Netzwerk-Airline rund 40 bis 50 Prozent betragen.

SVP-Nationalrat Thomas Matter fordert gar, dass der Bund die Swiss komplett zurückkauft und sie in Swissair umbenannt. Eine gute Idee?

Nein. Das mag eine Option sein, aber sie käme erst ganz am Schluss. Dennoch muss der Bundesrat auch auf diese Frage vorbereitet sein, denn es kann plötzlich sehr schnell gehen. Und er muss alleine entscheiden, unternehmerisch und effizient. Ohne grosse politische Diskussionen und ohne alte Swissair-Emotionen. Die Swissair-Ära ist definitiv vorbei. Ohne das Netzwerk der Lufthansa und der Star Alliance könnte die Swiss nicht so profitabel operieren. Alleine ist sie kaum nachhaltig überlebensfähig.

Was ist mit anderen Schweizer Airlines wie Edelweiss, Helvetic Airways von Milliardär Martin Ebner und Easyjet Switzerland, einer Tochter der britischen Billigairline?

Helvetic hängt stark vom Überleben der Swiss ab, da sie viele Flüge für sie durchführt. Edelweiss gehört ebenfalls zum Lufthansa-Konzern. Es geht um die Frage, welche Airlines einen volkswirtschaftlich relevanten Nutzen bringen. Die Swiss erfüllt diese Vorgabe definitiv mit ihren Interkontinental-Flügen, die nun mal vom Umsteigeverkehr in Europa abhängen. Aber muss man eine europäische Punkt-zu-Punkt-Airline wie Easyjet staatlich unterstützen, gerade in Zeiten, in denen die Aviatik nachhaltiger werden müsste und Kurzstreckenreisen eher per Bahn stattfinden sollten?

Sie meinen nein?

Das muss vertieft analysiert und beurteilt werden. Denn für viele Easyjet-Ziele sollte es künftig mehr und mehr Alternativen auf den Schienen geben, die nachhaltiger sind als das Fliegen. Allerdings leistet Easyjet einen namhaften Beitrag in Genf und Basel, der nicht vernachlässigt werden darf.

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