20 Jahre Gleichstellungsgesetz

«Bei uns im Gleichstellungsbüro arbeiten 30 Prozent Männer»

Seit Jahren demonstrieren Frauen für gleiche Löhne: «Es gibt noch Handlungsbedarf»,sagt Sylvie Durrer, höchste Gleichstellerin des Landes.

Seit Jahren demonstrieren Frauen für gleiche Löhne: «Es gibt noch Handlungsbedarf»,sagt Sylvie Durrer, höchste Gleichstellerin des Landes.

Das Gleichstellungsgesetz wird 20 Jahre alt. Sylvie Durrer führt seit 2011 das Eidgenössische Büro für Gleichstellung. Würde sie ihr Amt einem Mann abgeben?

Das Gleichstellungsgesetz feiert Geburtstag. Dazu hat sich der Bundesrat ein Geschenk ausgedacht: Zurzeit läuft die Vernehmlassung zur Verschärfung des Gesetzes. Das gefällt der höchsten Gleichstellerin der Schweiz, der Waadtländerin Sylvie Durrer. Auch sie feiert ein Jubiläum: Fünf Jahre ist es her, seit der Bundesrat sie zur Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung ernannte.

Frau Durrer, mit 20 Jahren wird das Gleichstellungsgesetz erwachsen. War es ein Erfolg?

Sylvie Durrer: Ja, es ist ein gutes Gesetz. Aber es gibt noch Handlungsbedarf, zum Beispiel, was die Löhne anbelangt.

Das ist doch immer dieselbe alte Leier. Die Statistik zeigt ein anderes Bild: Vor den kantonalen Gleichstellungsbüros der Deutschschweiz kam es 2014 nur zu fünf Fällen wegen Lohnungleichheit.

Das ist ein Problem: Oft fürchten Frauen negative Konsequenzen wie zum Beispiel den Verlust ihrer Arbeitsstelle. Deshalb wehren sie sich nicht gegen ungleiche Löhne, obwohl das Gleichstellungsgesetz die Angestellten vor solchen Rachekündigungen schützt.

Also sind die Frauen selbst schuld?

Nein, denn Angestellte müssen selber herausfinden, ob eine Ungleichheit vorliegt. Diese Informationen sind aber sehr schwierig zu bekommen, da der Lohn in der Schweiz ein grosses Tabu ist. Frauen können zwar die Kollegen oder die Personalabteilung fragen. Antworten erhalten sie aber nicht immer.

Der Bundesrat will nun die Firmen verpflichten, regelmässig zu überprüfen, ob ihre Löhne unabhängig vom Geschlecht sind. Wieso soll das jetzt plötzlich nötig sein?

Viele Unternehmen führen keine solchen Lohnanalysen durch, solange sie freiwillig sind. Der Ansatz der Freiwilligkeit funktioniert also nicht. Darum müssen wir die Unternehmen dazu verpflichten. Eine Mehrheit der befragten Unternehmen steht solchen Lohnanalysen offen gegenüber, das zeigen zwei kürzlich publizierte Erhebungen.

Sie prangern die Wirtschaft an, doch der Staat ist nicht besser. Die Gerichte behandeln viele Fälle von Lohnungleichheit im öffentlichen Sektor, gerade bei Gemeindeangestellten.

Staatsangestellte wagen es eher, vor Gericht zu gehen. Grundsätzlich ist die Ungleich-heit aber in der Privatwirtschaft grösser. Seiner Vorbildfunktion wird der Staat aber in der Tat noch nicht ganz gerecht. 

Ist der Lohn das grösste Problem in Sachen Gleichstellung?

Lohnungleichheit betrifft am meisten Menschen, da sie Auswirkungen auf die Familie, die Pensionskasse und die Renten hat. Sexuelle Belästigung sowie Diskriminierung bei der Stellenbesetzung sind aber genauso grosse Probleme. Vor allem Schwangere werden benachteiligt. Solche Fälle gibt es zuhauf. Und manche Arbeitgeber stellen bewusst keine Mütter oder Frauen im gebärfähigen Alter an.

Trotzdem: Die Gleichstellungsdebatteist doch von vorgestern. Auch Frauen haben die Nase voll davon.

Nicht alle. Die meisten Leute teilen heute aber die Werte der Gleichstellung und sehen sie als selbstverständlich an. Das hat damit zu tun, dass die tägliche Diskriminierung subtiler geworden ist und sehr unbewusst abläuft.

Apropos Diskriminierung: Ist es überhaupt möglich, dass ein Mann dereinst Ihre Nachfolge antreten wird?

Absolut! Die Geschlechterdurchmischung sollte überall gelten. Bei uns im Gleichstellungsbüro arbeiten 30 Prozent Männer. Die Zahl ist in den letzten Jahren gestiegen, da sich Männer mehr für Gleichstellung interessieren.

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