Sommermärchen

Beschuldigter Fifa-General Linsi: «Erleichtert, aber auch erschüttert»

Generalsekretaer Urs Linsi (links) mit dem damaligen Fifa-Chef Sepp Blatter. (Aufgenommen 2006, Bild: Keystone)

Generalsekretaer Urs Linsi (links) mit dem damaligen Fifa-Chef Sepp Blatter. (Aufgenommen 2006, Bild: Keystone)

Er war Beschuldigter im «Sommermärchen». Jetzt äussert sich der ehemalige Fifa-General Urs Linsi.

Das Bundesstrafgericht in Bellinzona unter Präsidentin Sylvia Frei will sich erst morgen Dienstag zum «Sommermärchen» äussern und dazu, wie dieser Prozess beerdigt werden soll. Aber die Vorwürfe, die dem Strafverfahren zugrunde lagen, sind seit gestern, 27. April 2020, verjährt. Denn es ist jetzt 15 Jahre her, seit die umstrittene Zahlung von umgerechnet 10 Millionen Franken, um die das ganze Verfahren sich drehte, ausgelöst wurde. So wird erwartet, dass das Gericht morgen den «Abschreibungsbeschluss» veröffentlicht.

Das Verfahren richtete sich gegen drei Alt-Funktionäre des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) sowie den Schweizer Urs Linsi, ehemaliger Fifa-Generalsekretär. Er hatte die Zahlung, die vom DFB ausgelöst wurde, an den ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus weitergeleitet. Beglichen wurde damit eine Schuld, die der deutsche Fussball-«Kaiser» und Präsident des WM-Organisationskomitees Franz Beckenbauer bei Louis-Dreyfus hatte.

Der wahre Zweck der Zahlung blieb ungeklärt

Ein Verdacht war, dass das Geld einst für Stimmenkauf zu Gunsten der deutschen WM-Kandidatur gedient hatte. Aber der Mann, an den Beckenbauer die 10 Millionen überwiesen hatte, Fifa-Spitzenmann Mohamed Bin Hammam, war von der Bundesanwaltschaft nie ins Visier genommen worden. So ist der wahre der Zweck der Zehn-Millionen-Zahlung bis heute ungeklärt.

«Ich bin sehr froh und erleichtert, dass dieses Verfahren endlich vorbei ist, aber auch wütend und enttäuscht über den Schweizer Rechtsstaat, dass es überhaupt so weit kommen konnte», hält Linsi (70) in Hinblick auf den Abschluss des Verfahrens auf Anfrage fest. «Mehr als vier Jahre lang hat dieses völlig unsinnige Verfahren mein berufliches und privates Leben geprägt und jetzt lässt man es einfach sang- und klanglos in die Verjährung laufen. Nachdem man mir von Anfang an ein faires Verfahren verweigert hat, nimmt man mir jetzt auch noch die Chance auf einen Freispruch.» Linsi hatte damit gerechnet, das hatte er auch an den paar Prozesstagen in Bellinzona betont, dass er freigesprochen werde.

«Über die vom DFB in Auftrag gegebene Geldüberweisung an Robert Louis-Dreyfus wussten alle relevanten Gremien und zuständigen Personen Bescheid und es ist daraus nachweislich niemandem ein Schaden entstanden», sagt Linsi. «Es ist mir deshalb nach wie vor unerklärlich, wie man mir auf dieser Basis Betrug vorwerfen kann.»

Er sei allerdings «vor allem darüber erschüttert, wie dieses Verfahren, das den Steuerzahler Unsummen gekostet hat», geführt worden sei. «Die Bundesanwaltschaft verletzte mehrfach fundamentalste Prinzipien der Schweizer Strafprozessordnung. Sie liess sich zudem von der Fifa und ihrem Präsidenten Gianni Infantino in einer Weise instrumentalisieren, die jeder Beschreibung spottet. Die Beschwerdekammer und die Strafkammer des Bundesstrafgerichts müssen sich vorwerfen lassen, dass sie diesem unsäglichen Treiben nicht schon viel früher ein Ende bereitet hat.»

Denn die «Verfehlungen» der Bundesanwaltschaft und deren «Verwicklungen» mit der Fifa seien ja seit langem bekannt gewesen. «Damit haben diese Gremien nicht nur mir massiv geschadet, sondern vor allem auch dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit der Schweizer Justiz im In- und Ausland», so der ehemalige Fifa-Generalsekretär.

Der Bund wird sich jetzt mit Entschädigungsforderungen in Millionenhöhe der Beschuldigten konfrontiert sehen. (hay)

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