Sie könnten verwandt sein, wie sie gemeinsam um die Ecke kurven: Erik (3) und Dora (85). Der blonde Junge sitzt aufrecht auf dem Schoss der grauhaarigen Frau im Rollstuhl, seine Hand ruht auf ihrer. Als Minuten zuvor zum Mittagessen gerufen wurde, schnellte Erik hoch: «Dora abholen!»

Obwohl sie sich erst seit einem halben Jahr kennen, funktioniert ihr Ritual. Doras Mund zeichnet ein Lächeln, wie der Bube in ihren Schoss klettert. Auf seinem Gesicht vermischt sich Aufregung mit Stolz, als sich die Räder ihres Rollstuhls in Bewegung setzen und Dora mit ihrem rechten Fuss die Tür der Pflegeabteilung aufstösst.

Dora und Erik haben sich im Haus von Familie Herren kennen gelernt. Im Generationenhaus Papillon. Zwischen urchigen Holzhäusern, Kuhwiesen und einem Mini-Skilift. Dort, in der Emmentaler Gemeinde Linden, führt das Ehepaar Martina und Lukas Herren ein wohl einzigartiges Projekt.

Mit ihren drei Kindern (im Alter von 6, 12 und 14 Jahren) leben sie mit Senioren zusammen und betreuen sowohl pflegebedürftige Menschen als auch Tageskinder. Obwohl Angestellte im Papillon arbeiten, ist es eine Gemeinschaft, die ein bisschen an Grossfamilien erinnert. Nur, dass nicht alle miteinander verwandt sind.

Erik (3) hat Dora zum Essen abgeholt. Gemeinsam werden sie im Rollstuhl von Papillon-Gründer Lukas Herren durch die Gänge geschoben.

Erik (3) hat Dora zum Essen abgeholt. Gemeinsam werden sie im Rollstuhl von Papillon-Gründer Lukas Herren durch die Gänge geschoben.

Das Zentrum des Generationenhauses ist der Wintergarten. Dort trifft man sich zum gemeinsamen Mittagessen und Zvieri. Es sind die beiden Fixpunkte, an denen alle aufkreuzen. Die Tageskinder ebenso wie die drei Bewohner der Pflegeabteilung und die sechs Senioren, die in den Alterswohnungen leben. «Durch diesen regelmässigen Austausch entstehen erst die Bindungen. Nähe lässt sich nicht künstlich herbeiführen, dafür braucht es einen solchen Rahmen, Zeit und eine gewisse Kleinzelligkeit der Gruppe», sagt Lukas Herren.

Er sitzt am Tisch, hilft Frida (88) beim Essen, lauscht den Erzählungen aus dem Schulalltag seines Sohnes Silvan (14). Die Bewohner schöpfen ihr Essen am Buffet im Raum nebenan. Dort ist ein öffentliches Bistro, in dem an diesem Mittag Handwerker und zwei Polizistinnen essen.

Die Karotten für den Rüebli-Salat hat Mathilde Probst (86) gerüstet. Sie wohnt seit einem Jahr in einer Alterswohnung – «die Schönste!» – im Papillon. Das Modell des Generationenhauses gefalle ihr. «Ich staune, wie reibungslos es funktioniert», sagt sie. Ist ihr der ganze Betrieb manchmal auch zu viel? Mathilde Probsts blau-grüne Augen blitzen belustigt.

Als Mutter von sieben Kindern habe sie gewusst, auf was sie sich einlasse. «Die Kinder beleben das Ganze und sorgen für Abwechslung. Das tut gut.» Ihr Blick schweift zum Trampolin im Garten. Werde es ihr zu laut, ziehe sie sich in ihre eigenen vier Wände zurück, sagt sie.

Der Tod ist kein Tabu

Die Teller sind leer, eine Mitarbeiterin serviert Kaffee. «Erik, magst du die Güetzi verteilen?», fragt Martina Herren. Der Knabe schnappt sich die Packung mit Schokoladenwaffeln, hievt sie in einen pinken Puppenwagen und dreht eine Runde um die beiden Tische. Eine betagte Bewohnerin tippt auf die hingestreckte Gabe, schüttelt den Kopf, schiebt sie weg. Erik schaut sie an, scheint zu verstehen – und legt ihr zwei Waffeln hin.

Bevor Familie Herren den früheren Gasthof zum Generationenhaus umgebaut hatte, führten sie dieses in der Nachbargemeinde Heimenschwand. Dort, in einem Einfamilienhaus, wurde es bald zu eng, es fehlte an Rückzugsmöglichkeiten. Auch als Familie. Mehr als neun Jahre lang suchten sie nach einer passenden Liegenschaft. Eine, die nahe an einer Schule liegt, an die rollstuhlgängige Wege führen, die mehrteilig ist – und deren Besitzer ihnen genügend Zeit für die Finanzierung einräumte.

Trotz der langen Suche, der geringen Privatsphäre: An ihrem Generationenhaus hielten sie fest. Weshalb? «Es ist ein Herzensprojekt», sagt Martina Herren und greift zum Fotoalbum. Die Bilder zeigen, wie Tochter Melina den 99-jährigen, blinden Paul durchs Haus führt; wie die jüngste Tochter Lilian als Baby in den Armen von Frida ihr Fläschchen trinkt – und Jahre später mit ihr hinter einem selbst gebackenen Geburtstagskuchen in die Kamera strahlt.

«Unsere Kinder kennen keinen anderen Alltag als jenen in einer durchmischten Gemeinschaft. Und diesen finden wir so bereichernd, dass wir ihn nicht missen wollten», sagt Martina Herren. Lediglich am Freitagabend und Samstag würden sie sich als Familie abkapseln und Zeit zu fünft verbringen.

Martina und Lukas Herren haben in den vergangenen 13 Jahren nicht nur ihre eigenen Kinder wachsen sehen; immer wieder hiess es auch Abschied nehmen. Für immer – von den älteren Bewohnern. Dann stehen jeweils eine Engelsfigur und eine Kerze im Zimmer der Verstorbenen. «Der Tod ist ein Teil des Lebens, das lernen die Kinder hier früh», sagt Martina Herren.

Wenn die Kleinen wollen, dürfen sie sich vom sterbenden oder verstorbenen Menschen verabschieden. Einmal habe ein Kind die Hand von einer toten Bewohnerin genommen und «Happy Birthday» gesungen. «Es hat in diesem Moment den Tod mit der Geburt verbunden. Das war tröstlich», sagt Martina Herren.

Wunsch nach mehr Zeit

Die Idee zum Projekt ist ursprünglich aus einer Unzufriedenheit entstanden. Als Sohn Silvan zur Welt kam, arbeitete Martina Herren Teilzeit als Lehrerin, ihr Mann als Koch in einem Vollzeit-Pensum. «Wir sahen uns unter der Woche kaum. Das entsprach uns nicht», sagt sie. Deshalb beschloss das Paar, seine Familie zu öffnen, um mehr Zeit gemeinsam mit seinen Kindern verbringen zu können.

Was sie anschliessend mit ihrem Projekt Papillon erlebten, beflügelte sie. Lukas Herren vergleicht es mit einem Urwald, wo alles nach seinen Möglichkeiten wächst und gedeiht. «Nicht einmal ein Zoo hält die alten Elefanten in einem geriatrischen Gehege, abseits der Gruppe. Bloss wir Menschen haben spezialisierte Institutionen kreiert», sagt er. Solche für demente Menschen, für psychisch Kranke, für Kinder. «Und dann sind wir erstaunt, wenn sich Probleme akzentuieren.»

Nur – Krankheiten oder eine Demenz lassen sich auch nicht durch Kinder wegwirbeln. «Aber sie lenken davon ab», sagt Martina Herren und verweist auf Frida. Die demente Frau ist soeben aufgestanden und stösst ihren Rollator in Richtung Pflegeabteilung.

Vor ihr, auf ihrer Gehhilfe, balanciert Erik. Nur wenn ein Kind auf dem Rollator sitze, komme sie mit ihm zurecht. «Möglicherweise erinnert sie sich daran, wie sie als Mutter Kinderwagen geschoben hat. Denn ohne Kind auf dem Rollator weiss sie nicht, was damit zu tun ist», sagt Martina Herren.

Ihre Beobachtung teilt Corinna Haag. Sie gehört zur Forschungsgruppe der Fachhochschule St. Gallen, die Community-Formen und deren Berufsfelder untersucht. Auch im Papillon. «Das Zusammenleben basiert dort auf einer menschlichen und empathischen Grundhaltung. Es geschieht ganz natürlich, weil es in Personalunion gelebt wird», sagt Haag.

Gerade darin liege aber auch der grösste Knackpunkt: Das Ehepaar Herren muss als Team funktionieren, keiner der beiden darf ausfallen. «Deshalb lässt sich das Modell auch nicht so einfach adaptieren», sagt Haag. Meistens würden solche Nischenprojekte bereits im Vorfeld scheitern: an den amtlichen Vorgaben, an den Forderungen der Behörden.

Einmal war auch Lukas Herren kurz davor, aufzugeben. Nicht ein Unfall eines Bewohners, nicht ein zwischenmenschlicher Konflikt oder ein Todesfall war es, der ihm die Energie fast abschnürte, sondern die unzähligen Anträge und Verhandlungen.

Vier Bewilligungen benötigt das Papillon, von vier unterschiedlichen Behörden. «Das klappte nur, weil wir reingewachsen sind. Hätten wir das Projekt, wie es heute ist – mit Alterswohnungen, Langzeitpflege, Gastronomie und Tageskindern – auf einmal umsetzen wollen, hätten wir es wohl kaum geschafft», sagt er.

Die Uhr hinter ihm zeigt exakt drei Uhr an. Türen werden geöffnet, die Räder von Doras Rollstuhl quietschen leise auf dem Gang. Ihre Hände liegen im Schoss. Erik wurde am frühen Nachmittag abgeholt. Am Tisch im Wintergarten verteilt Melina (12) Melonenschnitze und Schoggi-Kuchen. Es ist Zvieri-Zeit im Papillon. Zeit, um wieder zusammenzukommen.