Herr Stauffer, Ihr Buch heisst «Eritrea – der zweite Blick». Ist Eritrea denn anders, als wir auf den ersten Blick vermuten?

Hans-Ulrich Stauffer: Unser Eritrea-Bild ist geprägt vom Umstand, dass rund 35'000 Eritreer als Flüchtlinge in die Schweiz kamen. Eine so grosse Fluchtbewegung führt zu Fragen und Vermutungen über die Beweggründe. Ich verstehe, dass Flüchtlinge ihre Lage so drastisch wie möglich darstellen, um Asyl zu erhalten.

Ihr Buch ist also ein Korrektiv?

Es soll die Diskussion über Eritrea entkrampfen. Ich glaube, dass die momentane Debatte dem Land nicht gerecht wird. Viele Entwicklungen, die in Eritrea geschehen, werden gar nicht thematisiert: dass Eritrea sechs der acht Millenniums-Entwicklungsziele der UNO erreicht hat, dass die Nahrungsmittelversorgung gewährleistet ist, dass die Kindersterblichkeit tiefer ist als in anderen Ländern Afrikas und die Mädchenbeschneidungs-Quote sinkt.

Trotzdem, Eritrea liegt auf dem 186. Rang von 188 auf dem Index der menschlichen Entwicklung. Zudem gibt es schwere Menschenrechtsverletzungen.

Der Tunnelblick auf die Menschenrechtssituation wird dem Land nicht gerecht. Wir sollten Eritrea durch dieselbe Linse betrachten wie andere Länder. Als ich kürzlich in Eritrea war, sagte mir ein Botschafter: Heute ist Freitag, heute wird drüben in Saudi-Arabien wieder hingerichtet. Das sind ebenfalls Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem pflegt die halbe Welt Wirtschaftsbeziehungen mit den Saudis. Diese ungleiche Behandlung finde ich störend.

Sie wollen Eritrea in ein besseres Licht stellen und damit rechtfertigen, dass die Schweiz mit dem Regime einen Rückschaffungsdeal aushandeln kann.

Die Beurteilung der Flüchtlingsfrage überlasse ich anderen. Ohne dass man den jungen Menschen in Eritrea aber eine Perspektive bietet, werden sie weiterhin in grosser Zahl das Land verlassen. Die Informationen über das Leben in Europa gelangen in die Heimat. Und wer dort hört, dass er in der Schweiz monatlich 900 Franken Sozialhilfe erhält, der macht sich sofort auf den Weg, ohne zu wissen, dass man hier mit 900 Franken kaum überleben kann. Zudem nutzen auch andere Staatsangehörige den «Eritrea-Bonus» der Schweiz aus: Etwa 30 Prozent der vermeintlichen eritreischen Flüchtlinge sind gar keine Eritreer.

Glauben Sie, dass Sie als Europäer bei einem Landesbesuch das «wahre Eritrea» sehen können?

Ich konnte mich frei und ohne Begleitung bewegen. Die Aussagen in meinem Buch basieren auf über 100 Interviews, die ich mit Menschen vom einfachen Bauern bis hin zum Minister geführt habe. Ich glaube nicht, dass das alles vom Regime bezahlte Schauspieler waren.

Sie schreiben, es sei die fehlende wirtschaftliche Perspektive und nicht der Zwang zum Nationaldienst, der junge Eritreer zur Flucht bewegt. Das streiten viele Eritreer ab. Sie sagen: Was nützen mir wirtschaftliche Perspektiven, wenn ich mein halbes Leben als Soldat dienen muss?

Nur ein kleiner Teil er Eritreer, die Nationaldienst leisten, müssen ins Militär. Viele arbeiten während der Zeit in zivilen Berufen, wo sie seit kurzem 3000 Nakfa (ca. 200 Franken, Anm. d. Red.) im Monat verdienen. Das ist viel für afrikanische Verhältnisse. Es stimmt aber, dass die faktische unlimitierte Dauer des Nationaldienstes ein Problem darstellt.

Und dann sind da die rund 10'000 politischen Gefangenen.

Diese Zahl ist vor Jahren in die Welt gesetzt worden. Belege dafür gibt es nicht. Ich habe sehr gute Quellen, die ich nicht offenlegen kann, die von weniger als 100 wirklichen politischen Gefangenen ausgehen. Aber auch das ist zu viel!

Ein aktueller Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts hält fest, dass die illegale Ausreise aus Eritrea alleine kein Grund für Asyl mehr sei. Ist das richtig?

Der Entscheid korrigiert einen Entscheid von 2005, in dem einem Deserteur Asyl gewährt wurde. Dieser Entscheid hat zu einem Boom eritreischer Asylanträge in der Schweiz geführt. Die Botschaft war klar: In der Schweiz musst du nur sagen, du seist vom Nationaldienst abgehauen, dann erhältst du Asyl. Das neue Urteil korrigiert diesen Missstand.

Zurückschicken kann man Eritreer trotzdem nicht. Das Regime will sie nicht zurücknehmen.

Eine freiwillige Rückkehr ist bereits heute möglich. Zwei Aspekte sind
zu beachten: Wohin mit all den jungen Eritreern, falls sie zurückkehren würden? Arbeitsplätze gibt es kaum. Und zweitens weiss man, dass jeder Eritreer in der Diaspora Geld nach Hause schickt und damit indirekt hilft, den Versorgungsgrad der Bevölkerung hochzuhalten.

Wäre Eritrea denn ein sicheres Rückkehrland?

Das wird sich weisen. Die Schweiz müsste jetzt mit den eritreischen Behörden verhandeln, und zwar völlig unverkrampft, um in einem ersten Schritt die freiwillige Rückkehr abgewiesener Asylbewerber zu ermöglichen. Ich habe in Asmara mit Rückkehrern gesprochen, für die die Rückkehr kein Problem war. Die Regierung in Eritrea hat erkannt, dass die jungen Eritreer, die ihr Land verlassen, zu einem Brain-Drain führen. Deshalb sieht man zunehmend von Strafen für Ex-Flüchtlinge ab.

Was sagen Sie einem eritreischen Flüchtling in der Schweiz, der zu Ihnen kommt und sagt: Mit Ihrem Buch legitimieren Sie, dass man mich in einen Unrechtsstaat zurückschickt und ich dort auf unbegrenzte Zeit im Nationaldienst darben muss.

Ich sage ihm: Lerne so schnell wie möglich Deutsch und mach eine Ausbildung, dann wirst du eines Tages gut ausgebildet zu deiner Familie zurückkehren und wertvolle Aufbauarbeit leisten können.

Hans-Ulrich Stauffer, «Eritrea – Der Zweite Blick», Rotpunkt-Verlag 2017.