Gratulation, Frau Gössi – Sie haben soeben die erfolgreichste Woche Ihrer Politkarriere hinter sich: Ihr Wunschkandidat wurde Bundesrat und die Altersreform ist beerdigt.

Petra Gössi: Ich bin erleichtert. Die Resultate sind das Produkt von äusserst intensiven Wochen, seit Mitte August hatte ich – Wochenenden inklusive – einen einzigen Tag frei. Ich kam auch kaum mehr dazu, in meinem angestammten Beruf zu arbeiten. Immerhin waren es planbare Ereignisse.

Ist es auch Ihr ganz persönlicher Erfolg? Sind Sie damit definitiv im Amt angekommen?

Das war ich auch zuvor schon, da haben die letzten Tage nichts daran geändert. Aussschlaggebend war der vereinigte Einsatz aller Gegner der Reform, nicht meine Person.

Plan B nach dem Volksnein: Wie soll es jetzt weitergehen?

Plan B nach dem Volksnein: Wie soll es jetzt weitergehen?

Nach dem Nein zur Reform der Altersvorsroge 2020 heisst es zurück auf Feld 1. Wie sieht der Plan B der Bürgerlichen aus? Welche Konzessionen würde Mitte-Links eingehen? Die Parteipräsidenten Petra Gössi (FDP), Christian Levrat (SP), Albert Rösti (SVP), Gerhard Pfister (CVP) und Regula Rytz (Grüne) nehmen Stellung.

Zu Ihren Mitstreitern gehörte auch die äusserste Linke. Hätten Sie bei Amtsantritt gedacht, dass Sie eines Tages der Juso-Präsidentin oder den Gewerkschaften in der Romandie danken müssen?

Das muss ich nicht. Das Nein ist bürgerlich, nicht links. Das sieht man etwa daran, dass die Ablehnung in den bürgerlichen Kantonen stärker war als in jenen, in denen das Referendum ergriffen worden ist. Man darf nicht vergessen: Über 90 Prozent der SP-Parteimitglieder haben sich in der Urabstimmung für die Reform ausgesprochen.

Dennoch beansprucht die Linke das Resultat auch für sich. Es brauche nun einen Ausbau der AHV, kein höheres Frauenrentenalter und stärkeres Engagement gegen Salärunterschiede.

Das ist ganz und gar nicht unsere Lesart des Resultats, solche Forderungen lehnen wir weiterhin klar ab. Da ändert der gestrige Tag nichts daran. Die Resultate zeigen, dass unsere Argumentation in der Bevölkerung stärker verfangen hat als die linke, für uns ist die Ausgangslage nun komfortabler. Klar ist, dass keine Reform gelingen kann, ohne dass eben auch die Bürgerlichen ins Boot geholt werden.

Was sieht denn Ihre Lösung aus?

Es braucht jetzt einen Kompromiss, der diesen Namen auch verdient. Die AHV muss auf gesunde Beine gestellt werden. Das geht über eine moderate Erhöhung der Mehrwertsteuer, eine Flexibilisierung und eine Angleichung des Referenzalters für beide Geschlechter. Damit kann man das Rentenniveau halten. Ein Ausbau der ersten Säule ist mit diesem Resultat definitiv vom Tisch. Danach soll die zweite Säule separat reformiert werden.

Wie?

Der Umwandlungssatz muss gesenkt werden, die Ausfälle sollen aber innerhalb der zweiten Säule kompensiert werden. Diese Vorlage muss von der Reform der ersten Säule entkoppelt werden. Damit werden die einzelnen Schritte für die Bevölkerung auch verständlicher.

2010 scheiterte die reine Senkung des Umwandlungssatzes überdeutlich vor dem Volk.

Damals waren keine Kompensationsmassnahmen vorgesehen. Heute ist aber auch die Ausgangslage anders – im überobligatorischen Teil ist der Umwandlungssatz deutlich tiefer als damals.

Hand aufs Herz: Eigentlich wollen Sie das Rentenalter 67?

Niemand will eine Erhöhung des Rentenalters zum Selbstzweck. Es ist aber eine Realität, dass die Lebenserwartung seit der Einführung der AHV massiv zugenommen hat, das Rentenalter aber zumindest für Männer seither nie erhöht wurde. Die Diskussion muss deshalb geführt werden. Bei einem Ja zur Reform wäre sie aber noch beschleunigt worden, weil die erste Säule viel schneller wieder in finanzielle Schieflage geraten wäre.

Kann eine neue Reform mit dem gleichen Innenminister gelingen?

Alain Berset hat sich enorm für diese Vorlage eingesetzt, wir erwarten die gleiche Verve auch bei der nächsten Reform. Finanzminister Ueli Maurer zeigt mit der Neuauflage der Unternehmenssteuerreform, dass ein Plan B schnell gezimmert werden kann. Der Vorteil ist auch bei der Altersreform: Das Material liegt auf dem Tisch, jetzt muss es nur noch klug zusammengesetzt werden.

Und jetzt gibt es eine Flasche Champagner?

Nein, wir feiern nicht. Die Herbstsession ist in vollem Gang, eine Verschnaufpause gibt es nicht. Ich freue mich aber auf ein paar Tage Wanderferien danach.