Ferien-Flucht
Christophe Darbellay: «Da frage ich mich dann schon, wie fair der Umgang mit den Berggebieten ist»

Über 200 britische Gäste sollen das Walliser Dorf verlassen haben – trotz Quarantänepflicht. Regierungspräsident Christophe Darbellay kündigt im Interview Massnahmen an, spricht über die enge Beziehung zwischen dem Kanton und Engländern, und kritisiert den Coronagraben.

Benjamin Weinmann
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Christophe Darbellay (49), hier im Februar 2020 in Crans Montana, steht ständig mit den grossen Skigebieten in Kontakt.

Christophe Darbellay (49), hier im Februar 2020 in Crans Montana, steht ständig mit den grossen Skigebieten in Kontakt.

Keystone

Sie waren am Montag selbst auf der Skipiste unterwegs – mit welchen Eindrücken?

Christophe Darbellay: Ich war in La Fouly, einem kleinen Skigebiet im Gebiet in der Nähe des Grossen St. Bernhard. Es läuft sehr gut, es hat viele Familien mit Kindern, bloss etwas wenig Schnee. Die Leute respektieren die Spielregeln. Die Bergbahnen und Gemeinen haben viel geleistet und ich bin sehr erleichtert, dass wir nach der ersten Woche im Covid-Kontext eine positive Bilanz ziehen können.

Darbellay war in La Fouly zum Skifahren. Das kleine Skigebiet liegt nahe der Grenze zu Frankreich und Italien.

Darbellay war in La Fouly zum Skifahren. Das kleine Skigebiet liegt nahe der Grenze zu Frankreich und Italien.

Screenshot Google Maps

Auch aufgrund von Rückmeldungen aus den grossen Skigebieten?

Ja, ich habe mit allen praktisch jeden Tag Kontakt, mit Zermatt, Portes du Soleil, Crans Montana, Verbier, den grösseren und den kleineren Gebieten. Wir geniessen mit strikten Schutzkonzepten die grössten mögliche Pistenfreiheit in ganz Europa.

Sie sagen es: Sie sind eine Ausnahme in Europa, da ist die Gefahr eines Imageschadens gross. Bei «Ischgl» denkt niemand mehr an Skifahren, sondern nur noch an die Corona-Verbreitung. Dieses Risiko gehen Sie ein.

Ich sehe kein «Ischgl-Risiko». Wir haben die Situation im Griff. Es gibt kein Après-Ski, es gibt kein Nachtleben und auch keine offenen Restaurants. Wir sind restriktiv. Von einem Ischgl-Rambazamba wie vergangenen Frühling sind wir meilenweit entfernt. Ich fühle mich viel sicherer als auf einer Walliser Skipiste als in einem SBB-Zug, in der Metro in Lausanne oder in einer S-Bahn in Zürich.

Wie die «Sonntagszeitung» berichtete, sind in Verbier über 200 britische Gäste trotz Quarantänepflicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgereist. Wie gross ist Ihr Frust?

Wir müssen zuerst Klarheit schaffen. Ich habe bei unserem Gesundheitsamt und bei der Kantonspolizei eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Wir müssen wissen, wie viele Briten tatsächlich angereist und wie viele abgereist sind, und was die Konsequenzen für die Abgereisten sein werden. Wir versuchen, alle ausfindig zu machen und sie zu kontaktieren.

Was könnten die Folgen für die Untergetauchten sein? Eine Busse oder sogar eine Anzeige?

Genau das lasse ich derzeit juristisch abklären. Ein Problem war auch, dass wir erst zwei Tage nach dem Quarantäne-Entscheid des Bundesrats für Briten die Namensliste der eingereisten Engländer vom Bund erhielten. Wir haben mit allen Hoteliers und Tourismusagenturen versucht, diese Namen ausfindig zu machen. Aber das ist eine riesige Übung, die Zeit braucht. Und das sind ja keine Kriminellen, sie hatten einfach das Pech, dass es in ihrem Land eine Covid-Mutation gab.

Werden Walliser Corona-Proben nun häufiger sequenziert, um ausfindig zu machen, ob es sich um das mutierte Covid-Virus handelt?

Wir prüfen das natürlich, aber bis jetzt haben wir keine Anzeichen dafür, dass das mutierte Virus im Wallis ist.

Sind die geflüchteten Briten auch in Zukunft im Wallis willkommen?

Edward Whymper im Jahre 1865: Der Brite hat damals als Erster das Matterhorn bestiegen.

Edward Whymper im Jahre 1865: Der Brite hat damals als Erster das Matterhorn bestiegen.

Keystone

Natürlich. Die Briten sind sehr treue Gäste im Wallis seit der Erstbesteigung des Matterhorns 1865 durch den Engländer Edward Whymper. Die Briten lieben das Wallis als einen der schönsten Kantone der Alpen, und das bleibt so.

Die plötzliche Quarantäne-Pflicht dürfte für viele Briten ein Schock gewesen sein. Haben Sie Angst, dass sie künftig einen Bogen um die Schweiz machen werden?

Nein, das glaube ich nicht. Wir haben sie auch in dieser Zeit gut behandelt, und auch in anderen Ländern mussten Briten in Quarantäne.

Sie kritisieren die späte Namenslieferung durch den Bund. Aber als Sie die Pisten-Öffnung im Wallis verteidigten, sagten Sie, Verbier und Zermatt würden dank der verstärkten Sicherheitsmassnahmen zum «Bagdad der Schweiz». Das reichte offenbar nicht aus...

Meine Bagdad-Aussage bezog sich auf die strikten Kontrollen auf den Pisten, die sehr seriös durchgeführt werden. Wir bieten den Gästen die grösstmögliche Sicherheit. Bei anderen öffentlichen Verkehrsmitteln, wie den SBB, sind die Massnahmen viel weniger streng!

In Verbier kann man derzeit Ski fahren – mit Maske, versteht sich.

In Verbier kann man derzeit Ski fahren – mit Maske, versteht sich.

Keystone

Inwiefern?

Die SBB verlangen bloss das Maskentragen, sonst nichts. Aber da sagt niemand etwas! Dasselbe beim Weihnachtsshopping in Zürich. Da frage ich mich dann schon, wie fair der Umgang mit den Berggebieten ist.

An Silvester fliesst üblicherweise mehr Alkohol als an Weihnachten. Damit kommt man sich auch näher. Erhöhen Sie also die Sicherheitsmassnahmen, damit es zu keinen Superspreader-Events kommt?

Nein, zusätzliche Massnahmen braucht es nicht. Das Wallis hat als erster Kanton bereits Ende Oktober strikte Massnahmen ergriffen und auch tatsächlich durchgesetzt, im Gegensatz zu vielen anderen Kantonen.

Die Romandie hat generell früher reagiert, was allerdings auch mit den höheren Infektionszahlen zu tun hatte. Die Deutschschweizer warteten lange zu. Sind Sie auf Ihre Kollegen ennet der Saane böse?

Ich bin auf niemanden böse. Aber es ist bedenklich, dass jene Kantone, die ihren Job gemacht haben, nicht honoriert, sondern zum Teil sogar zusätzlich bestraft werden. Weshalb gab es erst bundesrätliche Massnahmen, als die Deutschschweiz betroffen war? Wenn diese Krise irgendwann vorbei ist, werden wir über die Art des Schweizer Föderalismus ernsthaft diskutieren müssen.

Sie meinen auch den Coronagraben?

Natürlich meine ich den Coronagraben! Wenn selbst ernannte Experten öffentlich sagen, die Romands seien stärker vom Virus betroffen, weil sie sich häufiger küssen und stärker mit Franzosen verkehren, dann stellt sich für mich die Frage nach dem nationalen Zusammenhalt. Solche Aussagen erachte ich als äusserst unschweizerisch.

Christophe Darbellay, der von 2006 bis 2016 die nationale CVP präsidierte, kritisiert «unschweizerische Aussagen» von Experten zu den hohen Fallzahlen in der Romandie.

Christophe Darbellay, der von 2006 bis 2016 die nationale CVP präsidierte, kritisiert «unschweizerische Aussagen» von Experten zu den hohen Fallzahlen in der Romandie.

Keystone

Die Restaurants sind im ganzen Land zu. Braucht es nebst der Härtefallregelung weitere Hilfsmassnahmen für den Tourismus- und Gastrosektor?

Absolut. Für eine Härtefallregelung muss man 40 Prozent des Jahresumsatzes verloren haben. Das ist bei solchen Betrieben, die bereits im März schliessen mussten, natürlich der Fall. Ein Wirt, der einigermassen gut gewirtschaftet hat, bringt es nicht auf 40 Prozent. Auch er sollte aber entschädigt werden. Vom Bund kommt jedoch bisher nicht viel.

Mit Viola Amherd ist eine Walliserin und Parteikollegin im Bundesrat. Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Massnahmen nicht nach Gusto des Wallis umgesetzt werden. Wie eng ist der Draht zu ihr?

CVP-Bundesrätin Viola Amherd.

CVP-Bundesrätin Viola Amherd.

Keystone

Ich habe einen guten Draht zu ihr wie zu mehreren Bundesräten. Sie macht einen super Job als Bundesrätin. Mehr kann ich nicht dazu sagen.

Der Ruf nach einem europaweiten Lockdown wird grösser. Wie sehen Sie das?

Diese Notwendigkeit sehe ich nicht. Die Schweiz ist in der Krise immer ihren eigenen Weg gegangen, und ich denke, der war nicht schlechter als jener von Deutschland, Österreich oder Frankreich.

Auch die Schulschliessung wird wieder zum Thema – für Sie auch?

Nein, ich bin gegen eine Schulschliessung. Kinder scheinen die Krankheit viel weniger als Erwachsene zu übertragen. Es gibt weniger Fälle, wenn die Kinder in der Schule sind als sonst wo. In der Woche nach den Herbstferien hatten wir am meisten Ansteckungen. Und dann gibt es die schulische Dimension: Es ist für die Kinder sehr schwer, den Rückstand aus dem ersten Lockdown wieder aufzuholen. Ich werde deshalb eine erneute Schulschliessung bekämpfen.

Und wie feiern Sie selbst Neujahr?

Mit der Familie im kleinen Kreis, im Chalet, mit einem guten Walliser Wein und alkoholfreiem Rimuss für die Kinder.