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Impfkampagne: Eine Handvoll schnelle und viele langsame Kantone

Lediglich sieben Kantone haben mehr als die Hälfte der gelieferten Dosen auch tatsächlich verabreicht. Spitzenreiter ist Basel, abgeschlagen sind Thurgau, Neuenburg und Bern.

Andreas Möckli
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Der Impfstoff von Pfizer/Biontech, der stark gekühlt werden muss, trifft derzeit verzögert ein. Das stellt die Kantone vor Probleme.

Der Impfstoff von Pfizer/Biontech, der stark gekühlt werden muss, trifft derzeit verzögert ein. Das stellt die Kantone vor Probleme.

Marcel Bieri / KEYSTONE

Fassungslos und bestürzt. Mit diesen beiden Worten kommentiert der Neuenburger FDP-Nationalrat Damien Cottier die Impfstatistik seines Kantons auf Facebook. Gerade mal 1,2 Dosen pro 100 Einwohner hat Neuenburg bislang verimpft. Lediglich 17 Prozent der gelieferten Impfungen wurden tatsächlich verabreicht. Zusammen mit Thurgau und Bern gehört Neuenburg zu den Schlusslichtern in der Schweiz.

Am Freitag hat das Bundesamt für Gesundheit erstmals für alle Kantone Zahlen zu den Coronaimpfungen publiziert. Dabei können auch grosse Kantone wie Bern und Zürich nicht glänzen. Der Impfkönig heisst Basel-Stadt. Dieser hat 80 Prozent der gelieferten Dosen bereits verimpft. Damit wurden auf 100 Einwohner 5,5 Dosen verabreicht.

«Für uns ist eine schnelle Impfung absolut zentral, denn jeden Tag sterben Leute an Corona», sagt der Basler Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger im Gespräch. Dem Kanton kämen sicher seine Zentrumslage und seine Kleinräumigkeit zugute. Basel-Stadt setzt vorwiegend auf ein grosses Impfzentrum und mobile Equipen, die in Alters- und Pflegeheimen tätig sind.

Geht Basel mit dem forschen Fahrplan ein Risiko ein, nicht genügend Stoff für Zweitimpfungen zu haben? Engelberger verneint. «Wir planen wie andere Kantone auch die zweite Dosis stets ein.» Bisher seien bereits über 2100 Personen zweimal geimpft worden. Basel-Stadt habe jedoch die zweite Dosis nach dem Liefereingang zwar nicht an Lager gelegt, jedoch sogleich eingeplant.

Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt.

Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt.

Peter Schneider / KEYSTONE

Offenbar sorgte ein Papier des Bundesamts für Gesundheit für Missverständnisse. Basel-Stadt habe dieses so verstanden, dass man zwar die Zweitimpfung vorsehen müsse, aber nicht auf Vorrat halten müsse. Andere Kantone hätten das Papier anders interpretiert und deshalb viel vorsichtiger geplant, sagt Engelberger.

Allerdings trifft die Lieferverzögerung des Duos Pfizer/Biontech nun auch den Stadtkanton. «Die vereinbarten Termine für Zweit-Impfungen können plangemäss eingehalten werden. Wir haben aber vorläufig darauf verzichtet, weitere Impftermine mit Pfizer/Biontech aufzuschalten», sagt der CVP-Regierungsrat, der auch Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren ist. Derzeit plane der Kanton ohne weitere Impfstoffe von Pfizer/Biontech, weil schlicht nicht klar sei, wann weitere Lieferungen eintreffen.

Das Bundesamt für Gesundheit sagt dazu: Pfizer habe aktuell Lieferverzögerungen in ganz Europa, weil der Pharmakonzern derzeit die Produktionskapazitäten ausbauen. «Wir gehen zum heutigen Zeitpunkt davon aus, dass diese Lieferverzögerungen im ersten Trimester ausgeglichen sind», sagt eine Sprecherin. Bis zum heutigen Zeitpunkt seien in der Schweiz rund 510’000 Impfdosen eingetroffen. «Wir rechnen damit, dass die nächsten Dosen in den kommenden Tagen eintreffen werden.» Per Donnerstagabend haben die Kantone knapp 458'000 Dosen erhalten.

Zürich als grösster Kanton schreibt, das Impfen verlaufe nach Plan. Für diese Aussage muss die Regierung viel Kritik einstecken. Das Gesundheitsdepartement mache wie beim Contact Tracing einen hilflosen und unfähigen Eindruck, schreibt etwa FDP-Politiker Alain Schwald (ZH) auf Twitter. Ein anderer Nutzer meint: «Hätte man die Steuerbehörden mit der Impfplanung beauftragt, wäre alles perfekt geplant und orchestriert gewesen».

Derweil bittet die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli um Geduld: «Wenn im zweiten Quartal grössere Impfstoffmengen zur Verfügung stehen, werden wir auch die entsprechenden Kapazitäten bereit haben, damit alle impfwilligen Zürcherinnen und Zürcher bis im Sommer geimpft werden können». Aufgrund der Lieferverzögerungen von Pfizer müssten nun aber insbesondere die Zweitimpfungen in den Heimen verschoben werden.

Thurgau, ein weiterer langsamer Kanton, verteidigt sich. «Wir sehen die Impfung der Bevölkerung nicht als Wettbewerb zwischen den Kantonen an», schreibt die Staatskanzlei. Ein Satz der auch von vielen anderen Kantonen wie Neuenburg zu hören ist. Ohnehin handle es sich nur um eine Momentaufnahme.

«Ich hätte mir klar mehr gewünscht»

Die Waadtländer, die bisher ebenfalls nicht durch ein hohes Tempo aufgefallen sind, blicken lieber in die Zukunft. Das Impfsystem des Kantons Waadt ziele darauf ab, dank mobiler Teams und Impfzentren im ganzen Kanton schnell eine grosse Anzahl gefährdeter Personen zu schützen. Die Kampagne sei so konzipiert, dass sie sich an die Menge der verfügbaren Impfstoffe anpasse und auf fast 10'000 Impfungen pro Tag erhöht werden könne.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle gehört zu jenen Politikern, welche die Impfkampagne in der Schweiz stets kritisch begleitet hat. Nun scheint er ernüchtert. «Ich hätte mir klar mehr gewünscht», sagt er zu den bisher verimpften Dosen. Nun müsse die Schweiz alles daran setzen, die Geschwindigkeit zu erhöhen und alle gelieferten Dosen zu verabreichen. Impfwillige sollte neben den Zentren und Hausärzten auch Apotheken aufsuchen können. Logistisch könne die Armee Unterstützung leisten.