Herr Streit, Ihre Vorstösse für die stärkere Berücksichtigung von betreutem Wohnen bei den Ergänzungsleistungen tragen Früchte.

Christian Streit: Das wurde für ältere Menschen mit kleinerem Pflegeaufwand auch höchste Zeit. Überraschenderweise hat die nationalrätliche Gesundheitskommission in unserem Sinn entschieden, die Finanzierung des betreuten Wohnens über Ergänzungsleistungen zu berücksichtigen. Man hat offenbar eingesehen, dass das heutige System im Alltag nicht optimal ist. Es braucht nicht noch mehr Pflegeheime mit teurer Infrastruktur und teurem Personal. Man soll diejenigen Menschen, die gerne in einer Alterswohnung sein wollen, in ihrer verbliebenen Selbstständigkeit unterstützen. Das kostet den Steuerzahler weniger, als wenn sie ins Pflegeheim ziehen müssen.

Wie stellen Sie sich eine stärkere Unterstützung des betreuten Wohnens vor?

Heute gibt es nur zwei Modelle, bei denen Ergänzungsleistungen bezahlt werden: Entweder wird ein Teil der Lebenshaltungs- und Spitex-Kosten übernommen. Dies bei Menschen, die noch in ihrer eigenen Wohnung leben. Zum anderen gibt es die Beiträge an Pflegeheime. Wer aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen nicht mehr in der angestammten Wohnung bleiben kann, muss heute ins Pflegeheim. Wir stellen uns vor, dass es eine dritte Variante von Ergänzungsleistungen geben könnte, die das betreute Wohnen finanziert.

Die Abgrenzung kann jedoch heikel sein.

Sicher. Der Bund müsste daher als Voraussetzung für die EL-Finanzierung klar definieren, was betreutes Wohnen bedeutet und welche Leistungen es beinhalten soll. Ausserdem muss klar definiert werden, wer Anspruchsberechtigter sein soll.

Hat man bei der Planung zu stark auf Pflegeheime gesetzt?

Nun, es gab ja lange Wartelisten. Dass wir heute zum Teil leere Betten haben, hat weniger mit der Planung zu tun, sondern eher mit geänderten Bedürfnissen und weil es zum Teil schlicht zu wenig qualifiziertes Personal gibt. Ich glaube auch nicht, dass es in bis zur Trendwende nach 2035 weniger Pflegeheime braucht. Auch wenn man via Ergänzungsleistungen das betreute Wohnen den weniger gut Verdienenden zugänglich macht, wird es in Zukunft aufgrund der demografischen Entwicklung nicht weniger Pflegefälle geben. Aber altersgerechte Wohnungen wird man nach einer Trendwende viel besser weiternutzen können als Pflegeheime.

Ihre Forderungen decken sich mit den grossen Immobilienfirmen, die in diesem Bereich schon tätig sind. Sind Sie nicht von diesen Interessen getrieben?

Nein, unsere Mitglieder sind innovative Pflegeheime. Gemeinsam mit diesen vertreten wir hier die Interessen der älteren Generation, für welche wir als Anbieter künftig noch besser passende Angebote bieten wollen. Ich bin überzeugt, dass das heutige System verändert werden kann und muss. Wieso soll es für den Mittelstand nicht möglich sein, dass er in dieser Wohnform mit seiner Freiheit und Individualität leben kann – mit optimal zugeschnittener Unterstützung bis zum Lebensende? Wir wollen dafür sorgen, dass diese optimale Wohnform für noch mehr Menschen erschwinglich wird. Gleichzeitig kann der Staat damit Millionen einsparen, weil die Alternative (Pflegeheimplatz) deutlich teurer ist.