Sie gehören zur Post wie das Tü-Ta-To zum Postauto: spektakuläre Abgänge. Der Chefposten beim gelben Riesen gilt als Schleudersitz. Jean-Noël Rey musste seinen Posten Räumen, weil ihm Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde. Sein Nachfolger Roger Braun verliess das Unternehmen nach 16 Monaten – weil er als schlechter Kommunikator galt.

Michel Kunz blieb nur acht Monate, weil er mit Verwaltungsratspräsident Claude Béglé nicht klarkam, wobei Letzterer bald darauf vom Bundesrat abgesetzt wurde. Und nun eben Susanne Ruoff, die über den Postautoskandel stolperte. Interimistisch übernimmt Ulrich Hurni, Leiter Post Mail, die Aufgabe. Hurni ist bereits 59 Jahre alt und als Nachfolger zu alt. Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller sagte am Montag denn auch, Hurni soll den Job nicht länger als fünf Monate machen.

Die Herausforderungen

Der Job ist anspruchsvoll. Die Post mit ihren 60 000 Mitarbeitern steht vor grossen Herausforderungen; wichtige Ertragspfeiler stehen unter Druck. Das Briefvolumen nimmt schnell ab, die Paketpost leidet unter starkem Preisdruck sowie internationaler Konkurrenz und die Postfinance verdient wegen der tiefen Zinsen zu wenig Geld. Der Goldesel der Post kündigte erst letzte Woche an, 500 Stellen zu streichen.

Dazu kommt: Die Post ist ein grosser Mischkonzern mit ganz unterschiedlichen Sparten und Kulturen. So bewegt sich Post Logistic in einem internationalen und extrem kompetitiven Markt. Die Poststellen gehören zum Service public. Der drittgrösste Konzern der Schweiz bewegt sich im freien Markt, gehört aber zu hundert Prozent dem Bund.

Das Profil

Susanne Ruoffs Ernennung zur Konzernchefin 2012 war eine Überraschung. Die IT-Managerin kam von aussen. Ihr Auftrag war es, die Post in die digitale Zukunft zu führen. Daran dürfte auch ihr Nachfolger gemessen werden. Ein Headhunter formuliert das Profil so: Entscheidend sei eine grosse Erfahrung in der Führung eines breit aufgestellten Konzerns: «Der neue Chef muss die ganze Klaviatur des Postkonzerns bespielen können.» Dazu müsse er eine starke Empathie zum Regulator haben – also zum Bund und der Politik. «Der neue Konzernleiter darf den Service public nicht als Klumpfuss betrachten.»

Offen ist, ob die Stelle intern oder extern besetzt wird. Nationalrat Thierry Burkart (FDP/AG) sagt, das sei unwichtig: «Wichtig ist, dass die geeignetste Person gewählt wird.» Aus der aktuellen Konzernleitung kommt jedoch nur Thomas Baur infrage. Der 53-Jährige ist verantwortlich für das Poststellennetz und stieg 2016 in die Konzernleitung auf. Er ist also unbelastet von der Postautoaffäre – und leitet diese Sparte deshalb auch interimistisch.

Baur ist verantwortlich für zwei heisse Dossiers und gilt als Mann für alle Fälle. Bei der Debatte um den Umbau des Poststellennetzes hat Baur politisches Gespür bewiesen. Er gilt als hervorragender Kommunikator, den selbst seine Gegner loben: «Mit Baur kann man gut Streiten», sagen Gewerkschafter. Baur ist ein Macher, offen ist, ob er auch ein guter Stratege ist.

Konzernerfahrung und politisches Sensorium: Die möglichen Kandidaten in der Privatwirtschaft sind nicht dicht gesät. Emmi-Chef Urs Riedener gilt seit längerem als zu Höherem Berufen. Als Chef eines Milchverarbeiters geht ihm das Politische nicht ganz ab. Riedener wäre ein kompletter Quereinsteiger im Postgeschäft.

Und die Wünsche der Politik

Schwaller will sich auch im Ausland umschauen. Das hört Nationalrätin Edith Graf-Litscher (SP/TG) nicht gern: «Wichtig ist, dass der neue Chef, die neue Chefin Stallgeruch hat.» Womit wir bei den Wünschen der Politik wären. Graf-Litscher erhofft sich, dass innerhalb der Post dem Service public wieder mehr Gewicht verliehen wird. Ähnlich äussert sich Martin Candinas (CVP/GR). Der neue Postchef müsse eine hohe politische Affinität haben. Ewas, das er in der Ära-Ruoff teilweise vermisste.

«Das habe ich bereits im Februar gefordert»

«Das habe ich bereits im Februar gefordert»

Das sagen FDP-Nationalrat Thierry Burhart und Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin und Präsidentin der nationalrätlichen Verkehrskommission, am Montag zu den Vorgängen im Postautoskandal.

Burkart indes erinnert daran, dass Ruoff nicht an ihren Managementfähigkeiten gescheitert ist. Er fordert, dass der neue Postchef eine neue Firmenkultur etabliert: «Die Post braucht eine Kultur des Hinschauens, nicht des Wegschauens.» Ein Headhunter sieht das ähnlich: «Der neue Chef muss eine Vertrauenskultur schaffen.» Der Postautoskandal sei ein Systemversagen: «Für ein Unternehmen ist das eine Bankrotterklärung.»