Prozess

Das Wunder vom Wallis bleibt aus: Flüchtlingshelferin erhält viel Lob, aber auch eine Busse

Kein Freispruch für Flüchtlingshelferin Anni Lanz: «In einer solchen Situation kann man gar nicht richtig reagieren – deprimierend»

«In einer solchen Situation kann man gar nicht richtig reagieren – deprimierend»: Das sagte Anni Lanz nach dem Urteil.

Anni Lanz, die älteste Flüchtlingshelferin der Schweiz, verliert erneut vor Gericht – obwohl sie die Sympathie des Richters gewinnt.

Anni Lanz hat nicht viel Hoffnung, als sie morgens um 7 Uhr in Basel in den Zug steigt. Das Ziel der Reise ist das Walliser Kantonsgericht, wo sie sich gegen eine Verurteilung als Schlepperin wehren wird. Lanz sitzt in einem mit Berufspendlern überfüllten Zweitklasswagen und ist überzeugt, einem weiteren Schuldspruch entgegenzufahren.

Es sei alles nur noch Show, meint sie, das Urteil stehe längst fest. Es gäbe zwar Richter, die sie freisprechen würden, meint sie, «aber sicher nicht im Wallis», es wäre «ein Wunder». Wie bei jedem Satz durchziehen Lachfältchen das Gesicht der 73-Jährigen. Sie ist die älteste Fluchthelferin der Schweiz. Oder aus der Sicht der Strafjustiz eben eine Schlepperin.

Der gewagte Vergleich mit Paul Grüninger

Für die Show sorgen Lanz und ihre Unterstützer allerdings selber. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verschafft dem Strafprozess internationale Aufmerksamkeit, obwohl es eigentlich lediglich um eine Gesetzesübertretung im Oberwallis geht.

So wird Anni Lanz nicht nur mit der Flüchtlingsschiffkapitänin Carola Rackete verglichen, sondern sogar in eine Reihe gestellt mit Paul Grüninger, dem Polizeihauptmann von St. Gallen, der im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge gerettet hat. Der historisch unpassende Vergleich macht Lanz verlegen, darauf angesprochen antwortet sie nur mit ihrem berühmten Lächeln und sagt: «Paul Grüninger ist mein grosses Vorbild.»

Flüchtlingshelferin Anni Lanz vor dem Gerichtstermin: «Man muss sich wehren, das erwarte ich auch von anderen»

«Man muss sich wehren, das erwarte ich auch von anderen»: Flüchtlingshelferin Anni Lanz vor dem Gerichtstermin im Interview.

  

Vor Gericht geht es um die Frage: Muss eine Straftat geahndet werden, auch wenn die Täterin aus guten Gründen gehandelt hat? Sogar ihr juristischer Gegner drückt seine Bewunderung für die Seniorin aus. «Ich habe durchaus Respekt für Leute wie Anni Lanz, die sich selbstlos für andere Menschen einsetzen», sagt der Staatsanwalt.

Sie sei keine klassische Schlepperin, da sie nicht aus Profitgier gehandelt habe, sondern aus altruistischen Motiven. Und dennoch hätte sie dem afghanischen Asylbewerber, den sie 2018 an einem kalten Februartag in einem VW Polo über die Grenze begleitet hat, auch anderweitig helfen können. Warum organisierte sie ihm nicht ein Zimmer in Domodossola, wohin er von der Schweiz als Dublin-Fall zurückgeschickt worden war? Der legale Weg wäre der schwierigere gewesen.

Nicht nur der Staatsanwalt verleiht dem Strafprozess einen feierlichen Rahmen, indem er die Verdienste der Angeklagten würdigt. Auch die Besonderheiten der Walliser Justiz tragen dazu bei. Der Richter und seine Gerichtsschreiberin sind in klassische Roben gekleidet. Und die Fenster des Gerichtssaals bestehen aus farbigem Glas mit Heiligenbildern – wie in einer Kirche. Mittendrin sitzt Anni Lanz und fragt in die Runde: «Het mir öbber no es
Hueschtedääfeli?»

Hundert Zuschauer verfolgen den Prozess; mehr als doppelt so viele wie vor der ersten Instanz, dem Bezirksgericht von Brig. Die Show jedenfalls gewinnt Anni Lanz. Das Plädoyer ihres Verteidigers erhält Szenenapplaus. Und selbst der Richter zeigt Gefühle und spricht von einer «herzzerreissenden Geschichte» des afghanischen Flüchtlings. Der Einzelrichter steht der Christlichsozialen Volkspartei Oberwallis nahe. Und so kommt vor der Urteilsverkündigung unter den Asylrechtsaktivisten doch noch die Hoffnung auf, im Wallis könnte ein Wunder geschehen.

«Frau Lanz, Sie sind einfach zu weit gegangen»

Die Hoffnung wird enttäuscht: Anni Lanz, Beruf: Rentnerin, wird erneut verurteilt. Die Busse bleibt bei 800 Franken. Der Richter sagt zur zierlichen Straftäterin: «Der Entscheid ist mir sehr schwer gefallen, aber Frau Lanz, Sie sind einfach zu weit gegangen.» Sie könne sich nur auf einen Notstand berufen, wenn sie die legalen Möglichkeiten ausgeschöpft hätte. Darum habe sie sich zu wenig bemüht.

Ob eine alternative Handlungsoption wirklich funktioniert hätte, müsse der Staat nicht beweisen. Es genüge der Hinweis, dass eine existiert hätte.
Der Richter betont auch, dass Lanz’ Übertretung nicht schlimm sei. Schliesslich habe sie den Flüchtling nicht im Kofferraum versteckt. Ihr einziges Ablenkungsmanöver habe darin bestanden, dass sie die Grenzpolizistin angelächelt habe. Der Richter attestiert Lanz deshalb Bäuerinnenschläue.

Lanz überlegt sich nun, eine weitere Reise anzutreten: nach Lausanne ans Bundesgericht. Doch auch in diesem Fall gibt es eine alternative Handlungsmöglichkeit. Anstatt gegen das Gesetz zu verstossen, könnte man das Gesetz ändern. Linke Politikerinnen versuchen derzeit, Flüchtlingshelfer, die aus humanitären Gründen handeln, zu entkriminalisieren. Amnesty International fordert: «Wir brauchen mehr Leute wie Anni Lanz.»

Die Forderung enthält allerdings ein staatspolitisches Problem: Sollen in Zukunft engagierte Seniorinnen entscheiden, wer in die Schweiz einreisen darf?

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