Altersfreitod

David Goodall darf in der Schweiz sterben: Arzt unterstützt den Wunsch des 104-Jährigen

David Goodall am Dienstag im Gespräch mit dem Arzt Christian Weber in einem Basler Hotel.

David Goodall am Dienstag im Gespräch mit dem Arzt Christian Weber in einem Basler Hotel.

Der lebensmüde Australier will, dass die Öffentlichkeit über sein letztes Arztgespräch informiert wird. Deshalb liess er sich von dieser Zeitung begleiten und die Abklärungen auf Video dokumentieren. Gutachter Christian Weber erklärt zudem, weshalb er sich nicht an die Standesregeln der Schweizer Ärztegesellschaft hält.

David Goodall (104) reist mit leichtem Gepäck um die Welt. Alles, was der Australier für den Rest seines Lebens braucht, hat in einem roten Köfferchen Platz. Es steht in einem kleinen Hotelzimmer in Basel. Goodall sitzt auf einem Stuhl neben dem Bett, stützt sich auf seine Gehhilfe. Er trägt den gleichen Pullover wie bei seinem Abflug vor einer Woche in Perth, auf dem in weissen Buchstaben sein Lebensmotto gedruckt ist: «Ageing disgracefully», schmachvoll alternd.

Neben ihm sitzt Christian Weber, Arzt mit Praxis in Oberwil BL. Er ist einer von zwei Ärzten, die unabhängig voneinander abklären, ob Goodall urteilsfähig ist und ob er seinen Sterbewunsch in freiem Willen, in Bewusstsein der Alternativen und schon seit längerer Zeit gefällt hat.

Mittagessen und Sterben

Goodall kommt sofort zur Sache und zeigt, dass er sein restliches Leben in zwei Perspektiven plant. In zwei Stunden will er Mittagessen. In zwei Tagen will er sterben. Er hat aber auch Pläne, die ihre Wirkung über diesen Zeitpunkt hinaus entfalten sollen. Er will einen Beitrag zur weltweiten Legalisierung der Sterbehilfe leisten. Deshalb begrüsst er es, dass die Öffentlichkeit über diese Zeitung an seinem Arztgespräch teilnehmen kann.

Weber fragt Goodall nach seinem Gesundheitszustand. «Ich leide an vielen Sachen», beginnt dieser. Es sei ihm nicht mehr erlaubt, ohne Begleitung nach draussen zu gehen. Er sehe sehr schlecht, doch er höre noch ziemlich gut. Allerdings versteht er den Arzt nur, wenn dieser langsam und überdeutlich spricht.

Wieso nicht ins Altersheim?

Weber zitiert nicht nur aus Goodalls Krankengeschichte, sondern auch aus dessen Mediengeschichte. Goodalls letzte Mission wurde zum globalen Medienereignis: Der australische Sender «ABC», die «New York Times», der «Guardian», der «Spiegel» oder die «Sun» berichteten. Goodall schildert stets, dass er nicht einmal mehr den öV benützen dürfe. «Wieso eigentlich?», will der Arzt wissen. Goodall lacht und sagt: «Das weiss ich auch nicht. Meine Tochter sagt, es sei ein Problem.»

«Haben Sie Alternativen geprüft? Einen Umzug ins Altersheim?»

«Das wäre noch schlimmer.»

Endgültig entschieden habe er sich, als er vor seinem 104. Geburtstag nach einem Sturz ins Spital musste. «Das Leben dort ist unerträglich», sagt Goodall zu seinem Arzt. «Aber ausserhalb ist es auch unerträglich.» Seine Kinder habe er informiert. Sie würden ihn unterstützen.

Bevor der Arzt das Rezept für das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital ausstellt, erklärt er den Sterbevorgang. Goodall wird eine Infusion erhalten, die er selber aufdrehen muss. Der 104-Jährige äussert einen Einwand: «Ich würde es bevorzugen, das Gift zu trinken.» Der Arzt erklärt, dass dann Komplikationen auftreten könnten. Per Infusion sei es sicherer und schneller. Goodall unterschreibt das Gutachten.

Legal, aber ethisch umstritten

Was der Arzt getan hat, ist in der Schweiz grundsätzlich legal. Das Strafgesetzbuch verbietet Beihilfe zum Suizid nur, wenn der Arzt aus selbstsüchtigen Motiven handelt. Wenn er zum Beispiel ein Honorar verlangen würde, das eine übliche Aufwandsentschädigung übersteigt. Weber sagt, er habe sich aus Überzeugung bei der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit gemeldet und seine Dienste angeboten.

Präsidentin Erika Preisig hatte sich zuvor öffentlich beklagt, sie habe Mühe, Ärzte für die Begutachtung zu finden. Weber ist seit Anfang Jahr für sie tätig. Bisher habe er nichts verdient. Für die Freitodbegleitung setze er sich hauptsächlich in seiner Freizeit ein.

Goodall ist nicht todkrank

Was der Arzt getan hat, widerspricht allerdings den Standesregeln der Schweizer Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Die Ärztegesellschaft lockert derzeit ihre Richtlinien, doch den Altersfreitod lehnt sie weiterhin ab. Als Voraussetzung für einen assistierten Suizid schreibt sie eine tödliche Krankheit vor. Nach gängiger Definition ist das zum Beispiel Krebs im Endstadium.

Goodall ist nicht todkrank. Doch die Frage ist zu kompliziert, um sie mit einer einfachen Definition zu beantworten. Das Leben endet immer tödlich. Darf ein 104-Jähriger selber bestimmen, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist? Arzt Weber sagt: «Ich halte es für eine der grössten Freiheiten der Menschen, selber über den Tod zu entscheiden.»

Draussen im Hotelgarten wartet eine handverlesene Mediendelegation auf Goodall: zwei Australier von ABC, ein Amerikaner der Agentur AP und zwei Chinesen eines Dokumentarfilmteams.

Goodall lässt sich in seinem Rollstuhl durch die Mittagssonne schieben. Es ist einer der ersten Sommertage. Die Stadt wirkt lebendiger als an anderen Tagen. Goodall nimmt das zweitletzte Mittagessen seines Lebens ein.

Am Basler Euro-Airport: 104-Jähriger redet offen über seine letzte Reise

Am Basler Euro-Airport: 104-Jähriger redet offen über seine letzte Reise

Der 104-jährige australische Wissenschaftler David Goodall kam am Montagmittag  am Basler Flughafen an. Im Rollstuhl sitzend gab er noch in der Ankunftshalle dieser Zeitung und zwei ausländischen Fernsehteams ein Interview. Am Donnerstag wird Goodall in Liestal in den Freitod begleitet.

Meistgesehen

Artboard 1