#MeToo, wie aus dem Nichts, jetzt ist es da, man entkommt ihm kaum, schon gar nicht als Mann. Unter dem Hashtag berichten Millionen von Frauen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung, unter ihnen auch Frauen, die ich kenne, von deren Erfahrungen ich zuvor aber nie gehört hatte. Die Frauen reden, sie stehen hin, sie klagen an, sie lassen uns alle in den düsteren Abgrund schauen, der sich da unter dem zarten Mäntelchen des gesellschaftlichen Anstands auftut. Und die Männer? Die schweigen, die sind in der Öffentlichkeit für einmal seltsam ruhig.

Schauspielerin Alyssa Milano startete die Kampagne #MeToo

Einfach den Kopf in den Sand stecken, wenn es brenzlig wird, das kann auf Dauer aber keine Lösung sein. Die Debatte braucht konstruktive Beiträge – gerade von uns Männern. Also setzte ich mich hin und dachte nach. In den Sinn kam mir: Mani Matter. Der Berner Barde sang einst, dass es gut sei, dass wir Männer «Hemmige hei». #MeToo aber stellt die Mattersche Analyse infrage und lässt die Männer als enthemmte Horde erscheinen, die allzu oft viel weiter geht als «höchschtens chli uf d’Bei» zu schauen. Dieser kollektive Fingerzeig tut weh, und das ist gut so. Denn er zwingt uns Männer zur Selbstreflexion.

Wir alle sind Monster – womöglich

Eines vorweg: Dass wir Männer das alles als «Frauenthema» abtun und «nichts sagen», wie uns das jetzt von manchen #MeToo-Wortführerinnen vorgeworfen wird, das stimmt nicht. Wir reden – und wie.

Ich habe in den vergangenen drei Tagen länger mit Männern über das Thema sexuelle Belästigung diskutiert als in den dreissig Jahren zuvor. Dass man uns Männern trotzdem vorwirft, einfach abzuwarten, bis die digitalen #MeToo-Schwaden sich wieder verzogen haben, kann ich aber nachvollziehen. Die Anzahl Männer, die sich mit produktiven Beiträgen zu Wort gemeldet haben, ist erschreckend klein. Wir, die den öffentlichen Auftritt sonst kaum je scheuen, wir sind kleinlaut geworden angesichts der Anklagewelle, die da kollektiv über uns hinwegrollt. Sie hat uns verunsichert.

Der Blogger Jonny Scaramanga bringt den Grund für diese Verunsicherung auf den Punkt. Er habe sich immer gefragt, wer all diese Monster seien, die da so rücksichtslos und ungehalten durchs Leben gingen. Erst jetzt, dank #MeToo, erkenne er, dass auch er zu diesen «Monstern» gehöre, dass seine Wahrnehmung davon, was okay ist und was nicht, womöglich falsch gewesen sei. Viele Männerwürden nicht im Traum daran denken, dass ihre Äusserungen von Frauen als belästigend empfunden werden.

Kaum einer glaube, dass er der Grund sein könnte, weshalb eine Frau einen #MeToo- Post absetze. Genau das aber sei der Punkt: Die Selbstwahrnehmung decke sich oft nicht mit der Aussenperspektive. Wir Männer wirken schneller bedrohlich, als wir glauben.

Die Wahrnehmung davon, wo die Grenze zwischen einem Kompliment und einer Belästigung verläuft, wird getrübt von medialen Formaten wie «Der Bachelor», die uns Frauen als unterwürfige Gestalten präsentieren, die nichts tun ausser begehren und warten, bis wir Helden der Schöpfung sie mit einer Rose in die nächste Wartekammer des Liebesnirvanas hieven.

Sie wird getrübt von digitalen Spielereien wie Tinder, wo wir Männer unattraktive Artgenossinnen nach Belieben wegswipen können (sie uns übrigens auch, aber daran denken wir kaum je) und uns ohne Geplänkel auf anzügliche Schreibeskapaden mit jenen einlassen, die uns gefallen. Diese Entwicklungen tragen nicht gerade zu einem reflektierten Umgang mit dem Thema sexuelle Belästigung bei.

#MeToo hallt daher wie ein ungebetener und gleichzeitig nötiger Weckruf durch unsere Köpfe – auch durch meinen, obwohl ich mir (so meine Wahrnehmung) nichts habe zuschulden kommen lassen. Der Gedanke daran, dass andere Menschen womöglich ein anderes Urteil über mich fällen, macht mir Angst.

Ich merke das im Zug, wenn ich nur noch auf den Boden statt in die Gesichter der weiblichen Mitreisenden schaue. Oder beim Nachhauseweg in der Unterführung, wenn ich mich frage, ob die Frau, die vor mir geht, wohl ein «gschmuuches» Gefühl hat, weil ich zu nahe hinter ihr herlaufe. Die Selbstzensur wirkt, ich achte genauestens darauf, wo ich hinschaue. Ich versuche zu erfassen, wie andere mich wahrnehmen. Ich fühle mich wie in einem Spiegelkabinett, indem ich mich selber tausendfach sehe, wie ich da stehe, wie ich da schaue, wie ich da bin.

Ein Pfiff in Vevey

Was soll ich, was sollen wir Männer also tun? Nichts mehr sagen, auf den Boden starren, uns präventiv für allfällig als übergriffig empfundene Äusserungen entschuldigen? Und wo führte das hin? Jedes Kennenlernen braucht doch das Wagnis, kaum eine Liebe kommt ohne eine anfängliche Unbeholfenheit aus. Mein Grossvater pfiff einst meiner Grossmutter am Bahnhof in Vevey hinterher. Meine Grossmutter hätte ihm daraus – wenn das im Vevey der 50er-Jahre überhaupt möglich gewesen wäre – wohl einen #MeToo-Strick drehen können.

Ich aber bin gottenfroh, dass mein Grossvater gepfiffen hat. Ohne den Pfiff gäbe es mich nicht.
Nichts mehr sagen, nichts mehr tun, das wäre falsch. Mehr reflektieren, unsere Kapriolen auf dem glatten Feld der Komplimente genauer hinterfragen, das wäre ein Anfang. Es ist ein edler Trieb, anderen Menschen Komplimente zu machen. Doch schon Nietzsche wusste, dass ebenjene «edelsten der Triebe» unbedingt mit Bedacht zu versehen seien.

Mehr Bedacht also, oder mit Mani Matter: ab und dann eine gesunde Portion «Hemmige». Das müssen wir Männer – zu grosser Mehrheit nun mal die Täter in diesem Spiel der Triebe – leisten. Und wir können das. Wer uns helfen will, der halte uns immer mal wieder den Spiegel vor und zwinge uns, hineinzuschauen.

#TellUs, #SägedsÜs!