Coronavirus
Den Putzfrauen geht es in der Krise dreckig – weil viele ihrer Kunden nun selber zum Putzlappen greifen

Zehntausende Reinigungskräfte haben wegen der Coronakrise weniger zu tun oder gar keine Arbeit mehr. Manche geraten deswegen in existenzielle Nöte.

Maja Briner
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Wegen der Corona-Krise greifen mehr Leute selber zum Wischmopp - und verzichten auf die Dienste der Putzfrau.

Wegen der Corona-Krise greifen mehr Leute selber zum Wischmopp - und verzichten auf die Dienste der Putzfrau.

KEYSTONE/PICTURE ALLIANCE/Christin Klose

Es sind meist Frauen, häufig Ausländerinnen, die für einen knappen Lohn Woche für Woche zigtausend Wohnungen und Häuser reinigen. Sie trifft der Lockdown indirekt: Es gibt keine Restaurants mehr zu putzen, keine Kleiderläden, weniger Büros. Und auch viele Privatpersonen verzichten aktuell auf die Dienste ihrer Putzfrau, weil sie sich vor einer Ansteckung fürchten oder weil sie wegen der Krise mehr Zeit haben - oder weniger Geld.

Das bringt einige Putzfrauen in finanzielle Nöte. Besonders schwierig ist die Situation für jene, die bei mehreren Privatpersonen reinigen, ohne bei einer Firma angestellt zu sein. Ihnen fehlt nun auf einen Schlag ein Teil des Einkommens – oder sogar das ganze. «Viele sind völlig verzweifelt», sagt Daniel Ordas, Basler Anwalt mit spanischen Wurzeln. Via Facebook hätten sich viele spanischsprachige Betroffene bei ihm gemeldet, sagt er.

Kein Lohn - und auch kein Arbeitslosengeld

Die Lage sei teils dramatisch: Manche Putzfrauen erhalten gar keinen Lohn mehr, können aber nicht zum RAV, weil ihnen nicht gekündigt wurde. Und um eine Kurzarbeitsentschädigung zu erhalten, müssten die privaten Arbeitgeber die Putzfrauen anmelden – was die meisten angesichts der Kleinstpensen von wenigen Stunden pro Monat nicht machen, wie Ordas sagt.

Er schätzt, dass «sehr viele Tausende» betroffen sind. Eine Lobby haben sie nicht, Gehör verschaffen können sie sich kaum. Er hat deshalb einen Musterbrief geschrieben, mit dem Putzfrauen ihre Arbeitgeber auffordern können, Kurzarbeit anzumelden. Und er hat bei den Behörden interveniert. «Es braucht eine Sonderregelung», fordert er. Sein Vorschlag: Die Putzfrau soll selber Kurzarbeit beantragen können – und nicht wie sonst üblich die Arbeitgeber. «Es soll nicht jenen am dreckigsten gehen, die am meisten putzen.»

Auch SP-Nationalrat Mustafa Atici ist von Betroffenen kontaktiert worden. Manche Arbeitgeber seien fair und bezahlten den kleinen Lohn weiterhin, erklärt der Basler. In den meisten Fällen werde den Putzfrauen aber einfach abgesagt und sie erhielten kein Geld:

Die Situation ist zum Verzweifeln, da auch die Kurzarbeit nicht auf diesen konkreten Fall ausgerichtet ist.

Tatsächlich erklärt das Staatssekretariat für Wirtschaft auf Nachfrage, dass die Kurzarbeitsentschädigung hier nicht zum Zug kommt. Private Arbeitgeber, die Haushaltsangestellte beschäftigen, könnten weder als Selbstständigerwerbende noch als Unternehmen eingestuft werden, so die Behörde. Daher könnten sie für ihre Arbeitnehmer auch keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung geltend machen.

Atici will in der Sondersession einen Vorstoss dazu einreichen – hofft aber, dass der Bundesrat schon vorher handelt.Die Zeichen dafür stehen gut. Der Bundesrat prüft derzeit, wie Angestellte in Privathaushalten Kurzarbeit beantragen können, wie Wirtschaftsminister Guy Parmelin diese Woche sagte. Bis Mittwoch muss sein Departement Vorschläge vorlegen. Sie dürften von den Betroffenen dringlichst erwartet werden.

Happige Umsatzeinbusse

Wie stark die Krise die Reinigungsbranche trifft, zeigt sich beispielhaft bei den grösseren Unternehmen. «Nach dem Lockdown liefen unsere Telefone heiss», sagt Adrian Gesell, Gründer von «putzfrau.ch». Seine Firma mit 1800 Mitarbeitenden reinigt normalerweise in über 9000 Haushalten. «Wegen der Krise haben viele Kunden ihre Aufträge vorübergehend sistiert», sagt Gsell. Für den Monat April rechnet er deswegen mit einer Umsatzeinbusse von 20 bis 30 Prozent. Neue Kunden könnten kaum mehr gewonnen werden.

Immerhin seien die Aufträge bisher nur sistiert worden – und nicht gekündigt. Gsell hofft daher, dass die Arbeit nach der Krise wieder auf normalem Niveau weitergehen wird. Für den Moment haben all seine Agenturen Kurzarbeit beantragt. Die Erfassung der notwendigen Daten der Mitarbeitenden im Stundenlohn sei allerdings eine Mammutaufgabe, sagt Gsell. Mehr Hilfe vom Staat fordert er nicht – aber möglichst bald eine Lockerung der Massnahmen.

Zehntausende in Kurzarbeit

Gsells Firma ist kein Einzelfall. Der Branchenverband Allpura schätzt, dass insgesamt für 40 bis 50 Prozent der Reinigungsmitarbeitenden Kurzarbeit beantragt wurde, wie Geschäftsführerin Karin Funk sagt. Bei rund 85'000 Angestellten heisst dies: Um die 40'000 Personen sind betroffen.

Derzeit ist selbst bei den Reinigungsfirmen aber noch unklar, ob die Kurzarbeitsregelung tatsächlich greift, wie Funk sagt. Denn auf dem Papier haben die Firmen immer noch viel Arbeit – weil die Verträge zum Beispiel mit Läden und Restaurants weiterlaufen. Doch weil diese geschlossen sind, gibt es de facto nichts mehr zu reinigen. «Wir sind zuversichtlich, dass Kurzarbeitsentschädigung gewährt wird, aber die rechtliche Situation ist nicht ganz klar», sagt Funk.

Manche Kunden würden Reinigungsunternehmen nicht mehr zahlen, sobald sie deren Arbeit nicht beanspruchten. «Dabei bestehen oft Verträge mit Kündigungsfristen. Aber das kümmert nicht alle.» Dadurch treffe die Krise die Branche schnell und direkt. Funk warnt: «Die Unternehmen brauchen Rechtssicherheit, sonst droht Mitte April eine Entlassungswelle.»

Sans Papiers stehen vor dem Nichts

Besonders hart trifft die Krise jene, die nicht auf staatliche Unterstützung zurückgreifen können. Viele von ihnen arbeiten in privaten Haushalten, zum Beispiel als Putzfrau. «Die meisten dieser Arbeitsverhältnisse wurden wegen des Coronavirus auf Eis gelegt», sagt Fabrice Mangold, Co-Leiter der Anlaufstelle für Sans-Papiers in Basel. «Viele Sans-Papiers geraten deswegen in existenzielle Nöte.»

Auch wenn jemand Woche für Woche in einem Haushalt putze, betrachte der Arbeitgeber dies oft als Arbeit auf Abruf – die er nur zahlt, wenn er die Leistung in Anspruch nimmt. «Das Problem gab es schon vor der Krise, doch jetzt hat es sich massiv verschärft», sagt Mangold. In den vergangenen Wochen habe allein die Anlaufstelle Basel mit rund 150 Betroffenen Kontakt gehabt.

Sie fallen durch alle staatlichen Auffangnetze. Die Anlaufstelle hilft mit ihrem Nothilfefonds. Ihre Mittel seien aber beschränkt, sagt Mangold. Er fordert deshalb Unterstützung für die Sans-Papiers von Kantonen oder vom Bund. Kurzfristig sei die praktikabelste Lösung, die Nothilfefonds der Anlaufstellen zu unterstützen. Längerfristig geht Mangolds Forderung weiter: «In Krisensituationen müssen sie Zugang zur Sozialhilfe haben, ohne dass das Risiko einer Meldung an die Migrationsbehörden besteht.»