Fernbeziehungen

Der Bund ermöglicht, dass Partner aus Drittstaaten trotz Corona wieder einreisen dürfen – eine Betroffene sagt, was das für sie bedeutet

Für viele Paare ist bald ein Wiedersehen möglich.

Für viele Paare ist bald ein Wiedersehen möglich.

Ab Montag dürfen auch Menschen aus Drittstaaten wieder in die Schweiz reisen, um ihren Partner zu besuchen. Die Bedingung: ein Nachweis, dass es sich um eine ernsthafte Beziehung handelt.

Eine Pressekonferenz des Bundes, nein, das ist sonst nicht etwas, auf das Alexandra Hoffmann hinfiebert. Doch heute war das anders, pünktlich um 14 Uhr hat sich die 30-Jährige vor ihren Computer gesetzt und den Live-Stream gestartet, mit klopfendem Herzen.

Es ging schliesslich um die Zukunft ihrer Beziehung, nicht mehr und nicht weniger. Fünf Monate schon hat sie ihren Liebsten nicht mehr gesehen. Er lebt auf einem anderen Kontinent. Das ist sonst schon weit weg, aber nun, in Zeiten von Corona, wurde die Distanz unüberbrückbar. Zumindest bis heute.

Kurz nach dem Ende der Pressekonferenz meldet sich Hoffmann am Telefon, «endlich», sagt sie, und dann: «ich bin überglücklich». Zuvor hat das Staatssekretariat für Migration bekanntgegeben, was Hoffmann und ihr Partner und viele andere Paare schon seit langem herbeisehnen: es will auch unverheirateten und kinderlosen Liebespaaren, bei denen ein Partner aus einem Drittstaat stammt, ein Zusammenkommen in der Schweiz wieder ermöglichen.

Und das selbst dann, wenn der Partner aus einem Drittstaat kommt, der wegen seiner Corona-Situation auf der Risiko-Liste des Bundes steht. Zum Beispiel aus den USA, wie der Partner von Alexandra Hoffmann, der im Bundesstaat Florida lebt.

Viele Paare sahen sich monatelang nicht

Für Amerikaner und andere Drittstaaten-Bürger haben die Schengen-Staaten ihre Grenzen im März geschlossen. Wer dennoch einreisen wollte, durfte das nur noch unter bestimmten Bedingungen tun. In der Schweiz etwa, wenn eine Situation «äusserster Notwendigkeit» vorlag.

Besuche beim Partner gehörten für Paare, die nicht verheiratet sind und keine gemeinsamen Kinder haben, nicht dazu. Weil das die meisten Schengen-Staaten bis heute so handhaben, gibt es auf dem ganzen Kontinent viele Männer und Frauen, die ihren Partner seit Monaten nicht mehr gesehen haben.

Alexandra Hoffmann war zuerst traurig, doch dann schöpfte sie Hoffnung, weil sie sah, wie die Politik die Grenzzäune innerhalb Europas schon im Mai für binationale Paare wieder niederriss. Man wird jetzt auch für uns bald etwas tun, dachte die gebürtige Ostschweizerin, die heute in Basel lebt. Aber es passierte lange nichts, und irgendwann, sagt Hoffmann, fühlte sie sich im Stich gelassen, nicht ernst genommen, diskriminiert gar.

Selbsthilfe im Internet

Im Internet fanden in dieser Zeit immer mehr Betroffene zusammen, sie dachten sich den Hashtag #LoveIsNotTourism aus. Liebe ist kein Tourismus, das war ihre Botschaft: man kann uns Liebespaare nicht so behandeln, wie man das mit Leuten macht, die ein anderes Land für eine Reise besuchen wollen.

Auch in der Schweiz gibt es eine entsprechende Facebook-Gruppe, Mitgliederzahl: 270. Alexandra Hoffmann gehört zu den Mitgründerinnen. Wenn es ihr schlecht ging, fand sie Halt in der Gruppe. «Zu wissen, dass auch andere das gleiche Schicksal plagt, hat sehr gut getan», sagt Hoffmann.

Wer sich durch die Gruppe klickt, stösst auf Beiträge von Schweizerinnen und Schweizern, die Partner in Kuba haben, in den USA, in Brasilien, in Indonesien. Es sind bunte Geschichten, Zeugnisse der Welt, wie sie vor Corona war, eine Welt, auf der die Menschen reisen, sich kennenlernen, verlieben. Wie Alexandra Hoffmann an jenem Abend im März 2019 in London, ein spontanes Date, organisiert über eine Dating-App, das war der Plan. Doch dann sassen die beiden am Tisch und wussten schon bald: da ist mehr.

Weil es nicht vorwärts ging, lange kein Silberstreifen am Horizont auftauchte, haben Hoffmann und ihre Mitstreiter in den letzten Wochen einen Brief an die zuständige Bundesrätin, Karin Keller-Sutter, geschrieben – und verschiedene Politiker auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht. Mitte Monat versprach das Staatssekretariat für Migration dann, bis Ende Juli eine Lösung vorlegen zu wollen.

Bund verlangt Beweise für «gefestigte» Beziehung

Nun liegt diese auf dem Tisch. Barbara Büschi vom Staatssekretariat für Migration legte am Donnerstag dar, unter welchen Voraussetzungen ab dem kommenden Montag auch Menschen aus Drittstaaten wieder einreisen dürfen, um ihren Partner zu besuchen.

Sie müssen etwa eine Einladung ihres Partners vorlegen, schriftlich bestätigen, dass sie eine Beziehung pflegen und beweisen, dass es sich um mehr als eine Ferienbekanntschaft handelt – zum Beispiel mit Belegen für frühere Treffen, Flugtickets etwa oder Fotos. Büschi machte klar, dass die Regelung nur für «gefestigte Beziehungen» gelte.

Alexandra Hoffmann freut sich sehr, doch sie hat in den letzten Monaten auch gelernt, vorsichtig zu sein. Eine Hürde ist zwar jetzt beseitigt, die Einreise in die Schweiz für ihren Partner wieder möglich. Doch richtig freuen kann sie sich erst, wenn ihr Freund ihr gegenübersteht, in Fleisch und Blut.

Meistgesehen

Artboard 1