Walter Buser (✝93)

Der Bundeskanzler, der am 6. Dezember 1983 seine Ambitionen als Bundesrat begraben musste

Alt-Bundeskanzler Walter Buser ist am Samstag im Alter von 93 Jahren gestorben. Noch 1983 war Buser Teil des Krimis um die Nachfolge von Bundesrat Willi Ritschard. Die Bürgerlichen wollten ihn zum Sprengkandidaten gegen Lilian Uchtenhagen machen. Gewählt wurde dann am 7. Dezember aber Otto Stich.

Helmut Hubacher, heute 93 Jahre alt, erinnert sich noch bestens an die Ereignisse vor 36 Jahren. «Plötzlich rief mich Bundeskanzler Walter Buser an und sagte, er sei auf dem Weg zu mir ins Büro und werde in dreissig Minuten dort sein», erzählt der damalige SP-Präsident. SP-Mitglied Buser wollte am Telefon nicht sagen, um was es bei dem Besuch geht. Hubacher sagt: «Ich wartete gespannt.»

Als Buser eintraf, wurde der Grund des Besuchs schnell klar. «Die Bürgerlichen wollen mich als Bundesrats-Kandidaten nominieren», erklärte Buser dem SP-Präsidenten – und fragte: «Was sagst du dazu?»

Helmut Hubacher wurde schlagartig klar, was die Bürgerlichen bei der Wahl des Nachfolgers von Bundesrat Willi Ritschard am 7. Dezember 1983 planten. Sie wollten die offizielle SP-Bundesrats-Kandidatin Lilian Uchtenhagen unter allen Umständen verhindern. Und sie bauten Bundeskanzler Buser als Gegenkandidaten gegen die Zürcherin auf.

Hubachers Rat: «Du lehnst die Kandidatur ab»

Hubachers Rat an Walter Buser war schnell klar: «Du lehnst die Kandidatur ab», sagte er. «Du bist Bundeskanzler und kein Bundesrats-Kandidat.» Buser hat dann diesen Ratschlag mit einem gewissen Befehlscharakter beherzigt.

Walter Buser (SP) ist der erste von zwei Bundeskanzlern, die in der Geschichte des Bundesstaates ernsthaft als Bundesräte gehandelt worden sind. Buser war 1983 ein Thema, der aktuelle Bundeskanzler Walter Thurnherr (CVP) 2018, als möglicher Nachfolger von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard.

Walter Buser 1971 an einer Medienkonferenz, damals noch als Vizekanzler.

Walter Buser 1971 an einer Medienkonferenz, damals noch als Vizekanzler.

Buser, der in Basel und Bern Rechtswissenschaften studiert hatte, wurde 1981 zum ersten und bisher einzigen Bundeskanzler der SP gewählt. Während seiner Amtszeit bis 1991 reformierte er das Abstimmungsverfahren für Volksinitiativen und modernisierte die Bundeskanzlei.

Im Oktober 1983 nannte die NZZ Buser

Schon im Oktober 1983, knapp zwei Monate vor der Bundesrats-Wahl, brachte die NZZ Busers Namen als möglichen Nachfolger von SP-Bundesrat Willi Ritschard ins Spiel. Sollte sich keine breit getragene Kandidatur in der SP-Fraktion abzeichnen, «so würden die Chancen von Bundeskanzler Walter Buser steigen, der sich in seiner Funktion als ‹achter Bundesrat› und auch als Leiter der Bundeskanzlei bewährt und hohes Ansehen in der ganzen Bundesversammlung erworben hat», schrieb die NZZ.

Im Dezember machten die Bürgerlichen zunächst Fritz Reimann Avancen, dem SP-Nationalrat und Präsidenten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Er lehnte aber eine Kandidatur am 5. Dezember genauso ab wie SP-Nationalrat Hans Schmid.

Damit fokussierten sich die Anstrengungen der Gegner von SP-Nationalrätin Lilian Uchtenhagen auf Buser. Mit genau diesem Szenario hatte Willi Ritschard selbst gerechnet, wie Helmut Hubacher in der «Roten Revue» schrieb: Er habe «in den letzten Monaten seines Lebens» zunehmend befürchtet, «dass die Bürgerlichen uns Walter Buser in den Bundesrat setzen möchten».

«Ein eindrücklicher journalistischer Moment»

Erst am Vorabend des 7. Dezember 1983 folgte die Wende: Buser erklärte seinen Verzicht öffentlich. Die NZZ berichtete damals, der Bundeskanzler sei von Mitgliedern der SP-Fraktion «massiv unter Druck gesetzt worden». Im Bundeshaus zirkuliere der Begriff «Nötigung». Nach Busers Absage montierten die Bürgerlichen in einer Nacht- und Nebelaktion Otto Stich zu ihrem Bundesrats-Kandidaten.

Es war NZZ-Journalistin Heidi Gmür, heute Beraterin von Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die im November 2018 mit Walter Buser über die Ereignisse von 1983 sprach. «Das Telefongespräch mit ihm war ein eindrücklicher journalistischer Moment für mich», sagt sie. «Buser, damals 92 Jahre alt, freute sich über den Anruf, war sehr wach und hatte die Ereignisse von 1983 noch sehr präsent. Er erzählte gerne davon.»

Dass Buser von der SP «genötigt» worden sein soll, die Bundesrats-Kandidatur abzulehnen, «wies er bestimmt von sich», sagt Gmür. «Ebenso, dass er aktiv auf eine Kandidatur hingearbeitet habe.»

Bundesrats-Kandidatin Lilian Uchtenhagen (Mitte) und SP-Präsident Helmut Hubacher (rechts) geben bei der Bundesratswahl vom 7. Dezember 1983 ihre Stimmen ab.

Bundesrats-Kandidatin Lilian Uchtenhagen (Mitte) und SP-Präsident Helmut Hubacher (rechts) geben bei der Bundesratswahl vom 7. Dezember 1983 ihre Stimmen ab.

Am 7. Dezember wählte die Bundesversammlung dann Otto Stich im ersten Wahlgang mit 124 Stimmen zum Nachfolger von Ritschard. Lilian Uchtenhagen, die offizielle SP-Kandidatin, erhielt 96 Stimmen. Hubacher schrieb sich danach in der «Roten Revue» den Ärger von der Seele: «Zorn und Wut über das Geschehene sind gross, wir alle spüren es», hielt er fest.

Bundesrat Otto Stich (links) und SP-Präsident Helmut Hubacher 1988.

Bundesrat Otto Stich (links) und SP-Präsident Helmut Hubacher 1988.

«Zorn und Wut wären aber schlechte Berater. Der immer stärkere Ruf nach Opposition ist selbstverständlich nicht mehr zu überhören», betonte er. «Wir müssen mit uns selber aber rücksichtslos ehrlich und realistisch bleiben. Die Oppositionsbänke sind hart, und das Oppositionsleben ist kein Honigschlecken.»

Walter Buser selbst bleibe ihm «in guter Erinnerung als Bundeskanzler», sagt Helmut Hubacher. Als Bundesrat hingegen, glaubt er, wäre es dem Baselbieter «nicht wirklich so richtig wohl gewesen».

Autor

Othmar von Matt

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