Das vereinbarte Gespräch muss warten. «Er spielt gerade ein Blitzschach», sagt Vater Thomas Drisch, «dauert nicht lang.» Wenige Minuten später ist Maximilian Janisch am Apparat. «Leider habe ich die Partie verloren», sagt er und lacht. Das kommt nicht oft vor, denn der 15-Jährige ist hochbegabt. Seine Welt ist die der Mathematik: Zahlen, Wahrscheinlichkeiten, Logik. Das hilft auch beim Schach.

Nächste Woche startet Maximilian in ein neues Leben. Dann darf er offiziell die Vorlesungen der Universität Zürich besuchen. Mit nur 15 Jahren. Er wird damit der jüngste Student der Schweiz. Dafür musste er lange kämpfen, denn das Bildungssystem ist auf einen wie ihn nicht vorbereitet. Mit einem IQ von 149+ sprengt er die gängige Skala.

In der 1. Klasse sollte er als Hausaufgabe bis 20 zählen, dabei wusste er, was eine Billion ist. Innert weniger Wochen übersprang er mehrere Klassen. Mit acht landete er am Gymnasium Immensee. Nur ein Jahr später legte er die Mathematik-Matura mit Bestnoten ab. Eine Leistung, wie es in der Schweiz keine vergleichbare gibt. Die heimische und internationale Presse berichteten über den Jungen aus Meierskappel LU, über das «Genie», das «Wunderkind», den «Mozart der Mathematik».

Doch das will er nicht sein. «Arg übertrieben», seien die Superlativen. Grosse Erwartungen an sich hat er nicht. «Ich gehe nicht davon aus, dass ich einen Nobelpreis gewinne», sagt er. Seine Bescheidenheit wirkt nicht gespielt: Im Gespräch bleibt er höflich, interessiert und geduldig, selbst wenn er die immer gleichen Fragen hört. Wie jene nach dem Altersunterschied.

Künftig wird der 15-Jährige in einem Hörsaal voller Mitzwanziger sitzen. «Ach, das bin ich mir längst gewohnt», sagt er. Schon immer war er der Jüngste in der Klasse – aber oft der Klügste: Als Neunjähriger gab er anderen Maturanden Nachhilfe. Altklug kam das rüber. Ungewollt, aber wie soll es wirken, wenn ein Kind Dinge erklärt, die andere ein Leben lang nicht verstehen?

Trotzdem blieb sein Weg steinig. Nach der Mathe-Matura 2013 wollte Maximilian eigentlich an die ETH Zürich, die Schweizer Elite-Uni schlechthin. Doch kein Neunjähriger darf hierzulande Student sein. Erst musste er in allen Fächer eine Matura ausweisen. Die Sache schien gegessen, bis die Universität Zürich einsprang.

Sie bot dem Jungen – von seinem Talent fasziniert – ein spezielles Programm an. Nicht als Student im Hörsaal, aber als Schüler im Privatunterricht. «Ich habe nie eine solche Begabung gesehen wie bei ihm», sagt sein Mentor Camillo De Lellis, der selbst ein hochbegabtes Kind war. Nun endet das langjährige Arrangement mit Maximilians Studienbeginn.

Dok-Film über Maximilian Janisch

Aus dem Archiv: Dok-Film über Maximilian Janisch

«Was für ein Unsinn»

Maximilians Vater, Thomas Drisch, ärgert, dass sein Sohn lange für die richtige Förderung kämpfen musste: «Die grosse Mehrheit der Bevölkerung glaubt, die Kleinen könnten nichts», sagt der pensionierte Mathematik-Professor, «was für ein Unsinn.» Er beklagt, dass die Schweiz ihre MINT-Talente (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) nicht genügend unterstützt. Lediglich im Sport und der Musik würden Kinder ausreichend gefördert. «Das ist ein grosser Fehler.»

Oft musste sich Drisch anhören, dass er seinem Sohn die Kindheit raubt. Maximilian gehöre auf den Spielplatz, nicht hinter ein verstaubtes Mathematik-Buch. Drisch sieht das anders und kritisiert, dass Maximilian mit dem Mathematikstudium warten musste: «Den Kindern wird ein Teil ihrer Jugend genommen, weil man sie mit unnützem Zeug unendlich lange aufhält», sagt er.

Nun, da Maximilian in allen Fächern die Matura gemacht hat, darf er sein Studium offiziell beginnen. Mathematik und Informatik wird er belegen. 20 bis 25 Stunden pro Woche plant er im Hörsaal und in Seminaren zu verbringen. Wieder wird er schneller sein als alle anderen.

Durch die Privatlektionen hat er bereits viele Prüfungen absolviert und mit Bestnoten bestanden. Sie werden ihm nach einer zusätzlichen mündlichen Prüfung angerechnet. Damit dürfte Maximilian im kommenden Sommer fast auf einen Schlag seinen Bachelor machen – mit gerade mal 16 Jahren.

Auf dem Sprung zur Elite-Uni

Was danach kommt, weiss Maximilian bereits. Er will seinem Mentor De Lellis folgen, der kürzlich an die amerikanische Elite-Universität Princeton berufen wurde. Das Institute for Advanced Study ist die weltweit wichtigste Forschungsstätte für Mathematik. Dort will Maximilian den Master überspringen und direkt promovieren. «Ich freue mich darauf, mich ganz der Mathematik zu widmen.»

Doch Spuren möchte er auch hierzulande hinterlassen. Hochbegabte Kinder sollen – anders als er – nicht abhängig vom Einsatz einer einzelnen Universität sein. Talent müsse auf allen Stufen gefördert werden, sagt er.

Seine Geschichte zeigt bereits Wirkung: Die Universität Zürich startet dieses Semester mit einem neuen Programm. Begabte Zürcher Mittelschülerinnen und Mittelschüler dürfen nun schon während ihrer Gymizeit Vorlesungen an der Universität besuchen, Punkte sammeln und Arbeiten schreiben. Ist das Pilotprojekt erfolgreich, sollen Jugendliche aus den Nachbarkantonen folgen, etwa aus dem Aargau, St. Gallen oder Schwyz (siehe Box oben).

Den entscheidenden Ausschlag für das Engagement der Uni gab der Wunderjunge aus Meierskappel. «Die Erfahrungen mit Maximilian haben uns dazu bewogen, mehr für begabte Mittelschüler zu tun», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich.

Dass das grösste Mathematiktalent des Landes die Universität nach nur einem Jahr wieder verlassen will, stört Hengartner nicht. «Wir sind froh, Maximilian auf seinem Weg zu unterstützen», sagt er und ergänzt: «Vielleicht kehrt er ja eines Tages als Professor zu uns zurück.»