Fichenaffäre

Der neue Chef des Nachrichtendienstes: Ein ungeliebter Maulwurf?

«Ambitiös, Zackig, Forsch»: Markus Seiler hat eine steile und schnelle Karriere gemacht.

Markus Seiler

«Ambitiös, Zackig, Forsch»: Markus Seiler hat eine steile und schnelle Karriere gemacht.

Er gilt als ausserordentlich intelligent und präzis. Er kann sich rasch auf neue Aufgaben einstellen und offenbar ist er in der Lage, sich selbst in diesem schwierigen neuen Umfeld durchzusetzen. Markus Seiler soll den Nachrichtendienst aus der Krise führen. Ist er der richtige Mann dafür?

Beat Rechsteiner

Das ist der Hoffnungsträger. Jetzt, da die übereifrigen Datensammler vom Nachrichtendienst in der Bevölkerung eher als Bedrohung denn als Beschützer wahrgenommen werden, soll dieser Mann die Wende bringen und das verlorene Vertrauen zurückgewinnen. Unscheinbar wirkt Markus Seiler, grau trotz der bunten Krawatte. Im Medienzentrum des Bundeshauses nimmt er Platz neben seinem Chef, Bundesrat Ueli Maurer. Nervös suchen seine Augen den Raum ab, maulwurfartig wirken sie hinter den dicken Brillengläsern.

Das Wichtigste und gleichzeitig das Schwierigste sei es, bei seinen Mitarbeitern einen Kulturwandel herbeizuführen, sagt er. Es gehe um Menschen, und die könne man nicht einfach umprogrammieren. Und man fragt sich: Ist dieser Mann der Richtige für diesen Job? Kann er jene Zäsur bewirken, die nach dem Fichen-Skandal vor 20 Jahren ausblieb?
Es sei noch zu früh, den Neuen zu beurteilen, heisst es in Geheimdienstkreisen.

Aufarbeitung der Kritik

Gelobt wird Seiler dennoch - von allen Seiten. Selbst jene, die dem Quereinsteiger ohne nachrichtendienstliche Erfahrung zu Beginn null Kredit gaben, sagen nun, er mache seine Aufgabe bisher ordentlich. Dabei geht es nicht nur um die Aufarbeitung der Kritik, die seit letzter Woche auf den Geheimdienst niederprasselt. Mitten im Sturm muss Seiler eine Zwangsehe durchsetzen.

Zwischen zweien, die seit Jahren verfeindet sind. Die seit Januar vollzogene Fusion des Inland- und des Auslandnachrichtendienstes zum neuen Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ist der Zusammenschluss zweier Unternehmen, die gegensätzliche Prinzipien pflegen und sich bisher gegenseitig konkurriert statt unterstützt haben.

Er wird gelobt, aber nicht gemocht

Dass Markus Seiler Qualitäten hat, wagen selbst seine Feinde nicht zu bestreiten. Er gilt als ausserordentlich intelligent und präzis. Er kann sich rasch auf neue Aufgaben einstellen und offenbar ist er in der Lage, sich selbst in diesem schwierigen neuen Umfeld durchzusetzen. Gegen den Widerstand alteingesessener Geheimdienstler, die sich gegen die Folgen der Fusion sträuben.

Er könne dies, weil ihm viel am eigenen Erfolg und wenig an den Befindlichkeiten seiner Untergebenen liege, sagen mehrere Weggefährten unabhängig voneinander. So sehr Seiler gelobt wird, gemocht wird er nicht. «Karrieregeil» sei er, sagt ein Mitarbeiter des Verteidigungsdepartements über ihn. Als «ambitiös, zackig, forsch» beschreiben ihn andere. Hinter der unauffälligen Fassade stecke ein Machtmensch, der seine Ziele berechnend verfolge.

Seit 16 Jahren treibt der 41-jährige vierfache Familienvater seine Karriere voran, vom Sekretariat der FDP bis zum Direktor eines Bundesamtes. Ein schneller, steiler Aufstieg, den in Bundesbern keiner bewältigt, ohne den nötigen Machtinstinkt, ohne Egoist und Opportunist zu sein.

Die Rolle Seilers im Fall Nef

Dass man ihn nicht mag, war dabei nie ein Hinderungsgrund - im Gegenteil. Er steht jetzt auch deshalb im Rampenlicht, weil ihn Maurer vom Generalsekretär seines Departements zum Geheimdienstchef wegbefördert hat. «Seiler passt nicht zu mir», soll der SVP-Bundesrat einst zu Vertrauten in der eigenen Partei gesagt haben. Das hat mit dem Ruf des FDP-Mannes Seiler zu tun, ein «SVP-Hasser» zu sein.

Und mit seinen engen Banden zu Maurers Vorgänger Samuel Schmid, der ihn 2005 zum Generalsekretär machte. Seiler galt als Schmids Intimus und stand dem angeschlagenen Magistraten in jener Zeit zur Seite, als ihn die SVP als halben Bundesrat verhöhnte. Zudem geriet Seiler in die Kritik, weil er als Mitglied der Findungskommission die Beförderung von Roland Nef zum Armeechef mitverantwortete.

Ein Mitarbeiter des Verteidigungsdepartements erinnert sich, dass sich der damalige Generalsekretär nach dem Wechsel von Schmid zu Maurer sofort an den neuen Chef angepasst und «gut Wetter zu machen» versucht habe. Doch es sei klar gewesen, dass ihn Maurer nicht ewig in seinem engsten Umfeld haben wollte. Da sei der neue Posten an der Geheimdienstspitze wie gerufen gekommen, um Seiler elegant auf Distanz zu halten.

Seiler gibt Rückendeckung

An der gestrigen Medienkonferenz blitzte diese Distanz nur kurz auf, als der Bundesrat Fragen beantwortete, die eigentlich an den Amtsdirektor gerichtet waren. Seiler mag sich ohnehin nicht gross zu den aktuellen Vorwürfen äussern. Auch nicht zur Kritik, er setze auf Mitarbeiter, welche die nun festgestellten Versäumnisse bei der Staatsschutzdatenbank mitverschuldet hätten.

Und wenn er doch Auskunft gibt, dann stellt er sich vor sie, sagt, sie hätten nach ihren Massstäben richtig gehandelt. Dass es jetzt einen «Chlapf» gegeben habe, sei für ihn auch eine Chance, meint Seiler. Nun muss er beweisen, dass er diese auch packen kann. Alles andere würde die Karriereplanung über den Haufen werfen

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