Abstimmung
Der Palmölsturm im Wasserglas: Wie eine Schweizer NGO in Indonesien Ölpalmen anpflanzte – mit ernüchterndem Fazit

Am 7. März entscheidet das Stimmvolk über das Freihandelsabkommen mit Indonesien – und damit darüber, ob nachhaltiges Palmöl aus Indonesien günstiger importiert werden kann. Doch gibt es solches überhaupt?

Maja Briner
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Arbeiter ernten in Indonesien Früchte der Ölpalme.

Arbeiter ernten in Indonesien Früchte der Ölpalme.

Bild: Getty Images

Es wird als Erfolg gefeiert, als Premiere mit Signalwirkung: Die Zölle für indonesisches Palmöl sollen sinken, allerdings nur dann, wenn es nachhaltig produziert wurde. Diese Klausel hat viele frühere Gegner des Freihandelsabkommens mit Indonesien besänftigt. Doch ob der Mechanismus auch hält, was er verspricht, ist umstritten.

Eine, welche die Palmölplantagen in Indonesien kennt, ist Irena Wettstein. Etwa dreimal pro Jahr besuche sie Projekte in Indonesien und begegne dabei überall Palmölplantagen, erzählt die Co-Geschäftsleiterin der Stiftung PanEco. Neben Projekten in der Schweiz engagiert sich die NGO in Indonesien für den Erhalt der Sumatra-Orang-Utans und deren Lebensraum, den Regenwald. Das Freihandelsabkommen, das am 7. März an die Urne kommt, lehnt die Stiftung ab – wegen des Palmöls.

Dieses sei seit 20 Jahren das grösste Problem für den Regenwald in Südostasien, sagt Wettstein. Und betont: PanEco wolle nicht nur anprangern, sondern versuchen auch, Lösungen zu finden.

Pilotprojekt endet ernüchternd

Deshalb hat die NGO zusammen mit Partnern und Kleinbauern einen Versuch gestartet: Auf rund 90 Hektaren pflanzten sie zwischen 2008 und 2014 in der indonesischen Provinz Aceh Ölpalmen an. Sie nutzten Brachland, das wegen des Bürgerkriegs und des Tsunamis während längerer Zeit nicht bewirtschaftet worden war. Und sie produzierten nach nachhaltigen Standards: gemäss den Richtlinien der Labels RSPO und der Bio-Knospe. Sie wollten wissen, wie sich diese Art der Produktion auf die Biodiversität auswirkte, und zählten regelmässig die Tier- und Pflanzenarten. Wettstein sagt:

«Wir waren negativ überrascht über die Auswirkungen.»

Die Biodiversität sei zurückgegangen, nicht nur innerhalb der Plantage, sondern auch in den umliegenden Regenwäldern. Das zeige, so Wettstein, dass der – in Indonesien weitverbreitete – Anbau in Monokulturen nicht nachhaltig sei.

Nachhaltig: Was heisst das genau?

Das Freihandelsabkommen mit Indonesien sieht vor, dass maximal 12500 Tonnen Palmöl pro Jahr zu einem tieferen Zollsatz importiert werden können – sofern das es nachhaltig produziert wurde. Belegt wird dies unter anderem mit dem RSPO-Zertifikat. Gemäss RSPO produziert Indonesien fast 10 Millionen Tonnen mit diesem Label.

Dennoch sagt Wettstein: «In Indonesien gibt es kaum nachhaltig angebautes Palmöl.» Anders als in Westafrika, wo lokale Bauern die Ölpalme seit langem anpflanzen, sei diese in Indonesien von Anfang an von grossen Konzernen angebaut worden. «Entstanden sind riesige Monokulturen, und das ist alles andere als nachhaltig», sagt Wettstein.

Ähnlich äussert sich auch etwa Miges Baumann, Entwicklungsexperte beim Hilfswerk Brot für alle. Dieses sieht den Nachhaltigkeitsmechanismus jedoch grundsätzlich als Erfolg an – und bekämpft das Abkommen mit Indonesien nicht.

Die Gegner anerkennen den Mechanismus zwar, halten aber die Umsetzung für ungenügend. In der Kritik steht dabei auch das RSPO-Label. Die Stiftung Pan­Eco stieg 2016 aus dem RSPO aus, da eine Statutenänderung den Mitgliedern verbot, sich kritisch zum Zertifikat zu äussern, wie Wettstein sagt. Sie anerkennt zwar, dass die RSPO-Standards inzwischen verbessert wurden. Es fehle aber an Sanktions- und Kontrollmechanismen, sagt sie.

Auch manche Befürworter des Abkommens sehen dies als Schwäche, kommen aber zu einem anderen Schluss. SP-Nationalrat Fabian Molina etwa twitterte kürzlich: «Labels sind nie perfekt, aber in der Regel besser als nichts.»

Keine Palmölschwemme erwartet

So gross der Streit ums Palmöl, so klein ist derzeit die importierte Menge aus Indonesien. In den letzten Jahren führte die Schweiz im Schnitt 32000 Tonnen Palmöl pro Jahr ein, Tendenz sinkend. Nur 2,5 Prozent davon stammten aus Indonesien. Auch bei einem Ja zum Abkommen erwartet der Bund nicht, dass die Gesamtimporte steigen würden. Möglich sei, dass mehr aus Indonesien importiert werde – auf Kosten anderer Länder wie etwa Malaysia.

Das Palmöl Netzwerk Schweiz, bei dem Firmen wie Nestlé und Hug Mitglied sind, geht indes davon aus, dass die Palmölimporte aus Indonesien in Zukunft kaum zunehmen – unabhängig davon, wie die Abstimmung ausgeht. Die Akteure hätten in den letzten Jahren viel Zeit und Geld investiert, «um die Lieferketten auf das heutige Qualitäts- und Nachhaltigkeitsniveau zu heben», heisst es. Das wollen Firmen nicht so rasch über Bord werfen. Auch Migros und Coop geben an, es sei aktuell nicht geplant, bei einem Ja zum Abkommen mehr Palmöl aus Indonesien zu beziehen. Der laute Streit ums Palmöl: Er scheint in diesem Fall eher ein Sturm im Wasserglas.