«Deutschlandwahl: Wir radeln nach Berlin» (1)
Konstanzer schwärmen für den charmanten Habeck - setzten die Grünen auf die falsche Kandidatin?

Der Co-Vorsitzende der deutschen Grünen macht Stimmung wie im Schlagerzelt. Fürs Kanzleramt steht er aber gar nicht zur Verfügung.

Pascal Ritter, Konstanz
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Robert Habeck, Co-Vorsitzender der Grünen in Deutschland, bei seinem Wahlkampfauftritt in Konstanz.

Robert Habeck, Co-Vorsitzender der Grünen in Deutschland, bei seinem Wahlkampfauftritt in Konstanz.

Benjamin Manser

Es dauert keine zwei Minuten, bis das Publikum zum ersten Mal lauthals loslacht. Robert Habeck, der Co-Parteichef der deutschen Grünen, steht auf einer kleinen Bühne im Stadtgarten in Konstanz, aber das drahtlose Mikrofon streikt. Er schnappt sich ein anderes Mikrofon, das leiser eingestellt ist und sagt: Ihr kennt den Spruch mit der Mutter von Niki Lauda? «Mama lauda!».

Wir radeln nach Berlin

Dieser Bericht ist der erste Artikel einer Serie zu den deutschen Bundestagswahlen vom 26. September. Reporter Pascal Ritter fährt von Kreuzlingen nach Berlin und berichtet von unterwegs darüber, wie die Deutschen in die Zukunft blicken. Das Velo bot sich als Verkehrsmittel an, weil es schnell genug ist, um die Strecke rechtzeitig zu schaffen, aber langsam genug, um keine Geschichte zu verpassen. (rit)

Es klingt nach Schlagerfest und geht auch so weiter. Habeck verlässt die Bühne und steigt auf einen Klappstuhl in der Hoffnung, dass dort der Empfang für das Mikrofon besser ist. Applaus von den 500 Personen, die sich am Freitagmittag im Stadtpark versammelt haben. Für einen Werktag eine beachtliche Zahl.

Habeck fühlt sich sichtlich wohl

Während Habeck die bisherige Regierung für die zögerliche Klimapolitik und einen überhasteten Abzug aus Afghanistan tadelt, verfolgen seine Helfer mit sorgenvoller Miene, wie der Stuhl unter den hellbraunen Lederschuhen hin und her wackelt. Als sie ihm später ein Podest bringen, protestiert Habeck, stellt den Stuhl aufs Podest und sich wieder auf den Stuhl. Es war eben mehr als nur eine Notlösung, Habeck liebt den Auftritt und die Zuschauer lieben ihn.

Als hätte er das Publikum – viele Grüne der Gründergeneration mit grauen Haaren, aber auch junge Frauen mit grün lackierten Fingernägeln – nicht ohnehin schon in der Tasche, sagt der Mann aus dem Norden: «Wenn man die Deutschlandkarte in der Mitte faltet, sind wir quasi Nachbarn.» Applaus und einzelne Jubelschreie.

Begeisterung im Stadtpark, Bedenken bei seinen Helfern. Habeck stellt in Konstanz auf einen Stuhl, statt auf die Bühne.

Begeisterung im Stadtpark, Bedenken bei seinen Helfern. Habeck stellt in Konstanz auf einen Stuhl, statt auf die Bühne.

Benjamin Manser

Dabei ist der Inhalt der Rede ernst. In «einer schwierigen Stunde» komme er nach Konstanz sagt Habeck ganz am Anfang. Was er damit genau meint, bleibt aber offen. Vielleicht die Umfragewerte der Grünen. 26 Prozent der Befragten gaben noch im Mai an, das «Bündnis 90 – die Grünen» wählen zu wollen. Keine Partei war beliebter. Mittlerweile sind die Umfragewerte um 10 Prozentpunkte abgestürzt. Sowohl die Sozial- als auch die Christdemokraten haben die Umweltpartei überholt.

Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Die deutsche Politik ist im Moment so schwer berechenbar, wie die Anzahl Knitterfalten auf Habecks weissem Hemd. Wer hätte gedacht, dass Olaf Scholz noch einmal als Favorit im Rennen um die Kanzlerschaft gehandelt würde?

Aber an Habeck dürfte der Umfrageabsturz der Grünen nicht liegen. Der ehemalige Minister in Schleswig-Holstein, Buchautor und regelmässige Talk-Show-Gast ist über den Wählerkreis der Grünen hinaus beliebt. Und seit er sein Twitterkonto abgeschaltet hat, sind Empörungsstürme seltener geworden. Dafür bläst seiner Kollegin im Amt der Parteileitung, Annalena Baerbock, ein steifer Wind entgegen.

Kritik sogar von der linken «TAZ»

Seit die Grünen sie zur offiziellen Kanzlerkandidatin gekürt haben, reist die Kritik nicht mehr ab. Es geht um einen geschönten Lebenslauf und über abgeschriebene Passagen in ihrem Buch. Und einmal war ihr Mikrofon noch an, als sie nach einer Rede «Scheisse!» sagte.

Dass die politische Konkurrenz und eher bürgerliche Medien jeden Fehltritt auskosten, war zu erwarten. Bitter war darum, dass eine Kolumnistin der in grünen Kreisen beliebten Tageszeitung «taz» Baerbock im Namen des Klimaschutzes empfahl, Habeck doch noch den Vortritt zu lassen. Sie sei «zu jung, zu unerfahren und politisch zu unreif.»

500 Personen kamen am Freitagmittag nach Konstanz, um Habeck zu hören.

500 Personen kamen am Freitagmittag nach Konstanz, um Habeck zu hören.

Benjamin Manser

«Er hätte wahrscheinlich die grösseren Chancen»

Wie denken die Habeck-Zuschauer in Konstanz über die Sache? Die meisten Befragten halten Baerbock tapfer die Stange. Es gibt aber auch nachdenkliche Stimmen. Maria Hummel, eine pensionierte Lehrerin aus Überlingen hält viel von der Kandidatin, sagt aber:

«Er hätte wahrscheinlich die grösseren Chancen, weil es ihm die Leute eher zutrauen.»

Karin Rischard, 57, aus Konstanz sagt, es solle um Inhalte und nicht um Personen gehen, und: «Die Grünen hätten es sich ohnehin nicht leisten können, einen Mann aufzustellen.»

Christina Bösel, 41, befürwortet die Frauenkandidatur, wünscht sich für die Zukunft aber Habeck als Kanzlerkandidaten. Ihr Partner Marius Busenmeyer, 43, glaubt nicht, dass die Umfragen bei einer Habeck-Kandidatur besser wären. Er geht davon aus, dass auch gegen Habeck stark «Stimmung gemacht» worden wäre.

Die Konstanzer Grünen, man merkt es im Gespräch, wollen ihre internen Debatten nicht unbedingt mit Journalisten erörtern. Für die Frage, wer mehr Stimmen holt, sind die bereits überzeugten, aber ohnehin kaum relevant. Es geht um Menschen wie die pensionierte KV-Angestellte, die kurz vor dem Auftritt noch überlegte, ob sie ein Bodenseeschiff später nehmen sollte, um Habeck zu hören. So richtig überzeugt ist sie von keiner Kandidatur. An früheren Wahlen legte sie schon stimmen für Rot und für Grün ein. Sie überlegt und sagt dann: «Mir wäre der Habeck lieber gewesen».

Vielleicht spielt das alles aber auch gar keine Rolle. Die Deutschen wählen den Kanzler nicht direkt, sondern Parteien und Bundestagskandidaten. Niemand schreibt also Baerbock oder Habeck auf den Zettel. Es zählt nur die Partei.

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