Am Montagabend moderierte ich in Aarau ein Podium, das Handelskammer und SP gemeinsam zur 1:12-Initiative organisiert hatten. Normalerweise besuchen gesetztere Frauen und Männer solche Veranstaltungen - diesmal aber kamen junge Erwachsene in Scharen, und zwar längst nicht nur Jungsozialisten, deren Partei die 1:12-Initiative lanciert hatte. Eine Umfrage bei anderen Podiumsleitern ergab dasselbe Bild: Die wichtigste wirtschaftspolitische Abstimmung des Jahres elektrisiert erstaunlich viele Junge, denen ja eigentlich der Ruf anhaftet, sei seien mit Politik nicht hinter dem Ofen hervorzulocken.

Die Frage nach Lohngerechtigkeit politisiert sie ganz offensichtlich - so wie jede Generation zuvor ihr erstes Thema hatte, das sie bewegte. In den 1970er-Jahren waren es die Zuwanderung (Schwarzenbach-Initiative), die Grenzen des Wachstums (Club of Rome) und die AKWs, in den 80er-Jahren das Waldsterben und die Jugendkrawalle, in den 90er-Jahren der EWR und die F/A-18.

Wer 25-jährig oder jünger ist, der hat keine Politik erlebt ohne Abzocker-Debatte. Das Thema kocht seit nunmehr zehn Jahren, immer neue absurde Beispiele - wie die 72 Millionen an Daniel Vasella fürs Nichtstun - sorgten für immer neue Aufwallungen. 1:12 wird von den Gegnern gern als Neiddebatte abgetan. Doch das greift zu kurz. Treffender ist das Bonmot von Winston Churchill: «Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!» Der Gerechtigkeitssinn gehört zum Jungsein, und der regt sich bei 1:12 ganz deutlich.
Für die Abstimmung vom 24. November zeichnet sich gemäss gfs.bern-Studie eine überdurchschnittlich hohe Stimmbeteiligung ab. Bei den Jungen ganz besonders: 26 Prozent Beteiligung bei den 18- bis 29-Jährigen - und das bei einem ansonsten in dieser Alterskategorie sinkenden Wert von derzeit gerade noch um die 10 Prozent. So gesehen sind 26 Prozent absolut noch immer nicht viel, jedoch beträchtlich im Vergleich zu anderen Vorlagen.

Das Interesse rührt wohl auch daher, dass 1:12 eine emotionale Frage ist, ähnlich wie ein Kampfjet oder ein Atomkraftwerk. Rein sachpolitisch gibt es Themen, die für die junge Generation viel entscheidender sind. Etwa die Frage, ob der Umwandlungssatz in der 2. Säule gesenkt wird oder nicht. Das interessiert keinen Jugendlichen, obwohl es darum geht, ob die junge Generation dereinst noch genug Geld in der Altersvorsorge haben wird oder nicht.
Die Wirtschaft sollte in ihrem Kampf gegen 1:12 auch an die jungen Wähler denken: Wie kann sie das erfolgreiche Schweizer Modell von Unternehmertum und Sozialpartnerschaften als einen Wert für Junge rüberbringen? Wie kann sie aufzeigen, welche Folgen ein Systemwechsel auch für die berufliche Zukunft der Jugendlichen hätte?

Junge Wähler sind nicht einfach für 1:12. Auch sie machen sich Gedanken, was mit Lehrstellen wäre und was mit der Aussicht auf sichere Jobs, wenn die Wirtschaft geschwächt würde. Aus Diskussionen geht hervor, dass sie besonders stark hin- und hergerissen sind zwischen Gerechtigkeitsempfinden und Vernunft. Ein 25-Jähriger sagte mir: «Als Bürger werde ich Ja stimmen, um ein Zeichen zu setzen. Wenn ich aber König wäre, würde ich 1:12 ablehnen, weil ich die Folgen fürchte.»