Herr Leuthold, dieses Jahr gingen Aktien, Obligationen und Rohstoffe gleichermassen abwärts – erstmals seit Jahrzehnten. Wie hat sich das ausgewirkt auf den Ausgleichsfonds der Altersvorsorge (AHV)?

Manuel Leuthold: Dem haben wir uns nicht entziehen können. Das Jahr ist zwar noch nicht ganz vorbei. Derzeit sieht es aber danach aus, dass wir auf das Anlagevermögen eine klar negative Rendite haben werden, leider.

In welcher Grössenordnung?

Genaues wissen wir erst, wenn das Jahr wirklich abgeschlossen ist. Es wird kein Crash, also nicht etwa minus 10 Prozent. Aber es wird auch nicht nur minus 1 Prozent sein. Etwa in der Grössenordnung von drei bis vier Prozent. Ähnlich wie bei den institutionellen Anlegern, die keine Immobilien im direkten Besitz haben.

Also wird es einen Einbruch geben nach zwei erfolgreichen Jahren?

Ja, letztes Jahr haben wir eine Rendite von knapp 7 Prozent geschafft. Im Jahr davor waren es rund 4 Prozent. Dieses Jahr wird es nun negativ.

Demzufolge wird es dieses Jahr auch nicht gelingen, wie in den Vorjahren das Defizit auszugleichen, das aus der Umlage von Erwerbstätigen auf Rentner entsteht?

Nein, das wird nicht möglich sein. Das Defizit aus der Umlage wird im Übrigen auch dieses Jahr wieder etwas grösser ausfallen als im Vorjahr. Die Alterung der Gesellschaft hat ja zur Folge: Weniger Lohnbeiträge von Erwerbstätigen müssen umgelegt werden in mehr Renteneinkommen von Pensionierten. Dieses Defizit dürfte dieses Jahr bei etwa 1,2 Milliarden zu liegen kommen.

Wie wird sich dieses Defizit bei der Umlage entwickeln?

Es wächst, und zwar immer stärker. 2015 waren es rund 550 Millionen Franken, 2016 etwa 780 Millionen, 2017 dann 1,1 Milliarden. 2018 dürfte es nun zwischen 1 und 1,5 Milliarden zu liegen kommen. Und gemäss den Prognosen des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) werden es 2030 rund 7 Milliarden sein.

Was bedeutet das Anlageergebnis aus dem Jahr 2018 denn für die langfristigen Aussichten für die Finanzierung der AHV?

Wir bleiben bei der Prognose, die das BSV gemacht hat. Im Jahr 2030 wird der AHV-Ausgleichsfonds leer sein.

Ein einzelnes negatives Jahr ändert an dieser Prognose also noch nichts?

Nein. Wenn sich in den nächsten zehn Jahren die Märkte sehr erfreulich entwickeln, würde sich das Datum etwas herausschieben. Dann wäre der Fonds vielleicht erst im Jahre 2031 oder 2032 leer. Helfen uns die Märkte hingegen nicht, wird es vielleicht ein halbes Jahr früher so weit sein.

Was müsste getan werden?

Das wird die Politik entscheiden müssen. Wir können lediglich erklären, welche Massnahmen zur Verfügung stehen und wie sich diese auswirken würden.

Bitte.

Man kann theoretisch die Leistungen senken, also die Renten. Aber die sind schon recht gering, gemessen am Einkommen, das man eigentlich sichern will. Oder man könnte jährlich zusätzliches Geld in die AHV einschiessen.

Woher würde das kommen?

Beispielsweise durch die Unternehmenssteuerreform, die mit der Finanzierung der AHV verknüpft werden soll. Das würde jährlich zwei Milliarden Franken zusätzliche Einnahmen bringen. In den ersten Jahren würde unser Defizit in der Umlage damit gar überkompensiert. Aber um 2030 herum wäre das jährliche Defizit nicht mehr 7 Milliarden gross, aber immer noch 5 Milliarden.

Das Problem wäre also nicht gelöst. Und dann könnte man das Rentenalter anpassen?

Das wäre die dritte mögliche Massnahme. Das Rentenalter würde automatisch angepasst, wenn der Ausgleichsfonds ein gewisses Vermögensniveau erreicht hat. Eine solche Massnahme hätte auch zur Folge, dass wir unsere Gelder langfristiger anlegen könnten und dadurch höhere Renditen erreichen würden. Diese Massnahme hätte daher die grösste Wirkung. In nordischen Ländern gibt es solche Mechanismen bereits.

Politisch ist dies jedoch sehr umstritten. Unter anderem, weil viele Erwerbstätige ohnehin lange vor dem Rentenalter keine Stelle mehr finden.

Das ist so. Wie gesagt muss die Politik entscheiden und dabei alle Aspekte berücksichtigen. Ich kann nur die rein technische Seite erklären, gewissermassen die Mechanik der AHV.

Um nochmals auf das Anlageergebnis von 2018 zurück zu kommen. Immerhin dürfte es nicht schlechter ausgefallen als bei den Pensionskassen? Das war zu befürchten, weil der AHV-Ausgleichsfonds mehr Restriktionen unterliegt als die Pensionskassen.

Wir unterliegen gewissen Einschränkungen, vor allem wegen des schrumpfenden AHV-Vermögens. Das wirkt sich im Vergleich mit den Pensionskassen tendenziell zu unseren Ungunsten aus, wenn sich die Märkte positiv entwickeln. Fallen die Märkte hingegen, kommen wir eher weniger schlecht weg.

Warum das?

Das liegt vor allem daran, dass wir einer höhere Liquidität und kurzfristigere Anlagen haben. Unter anderem, weil wir ja vor allem dafür da sind, jeden Monat die AHV-Renten auszuzahlen. Daher können wir weniger in die Aktien investieren. Dieser Effekt wiegt zumeist auch auf, dass wir keine direkten Immobilien haben, die in den letzten Jahren und auch 2018 durchwegs stabil positive Renditen in Schweizer Franken gebracht haben.