Bistum Chur
Die Domherren lassen die Wahl platzen: Jetzt kann Papst Franziskus einen neuen Bischof ernennen

Wer wird neuer Bischof von Chur? Diese Frage bleibt weiterhin offen. Die Churer Domherren haben am Montag niemanden gewählt. Sie verwarfen die Kandidatenliste, die ihnen Papst Franziskus vorsetzte.

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Papst Franziskus bei einem Treffen mit dem früheren Churer Bischof Vitus Huonder.

Papst Franziskus bei einem Treffen mit dem früheren Churer Bischof Vitus Huonder.

zvg

Die Kameras waren auf die 22 Domherren gerichtet, als sie am Montag gegen Mittag den Bischofssitz in Chur verliessen. Wen sie wohl zum neuen Bischof gekürt haben? Einen moderaten Oberhirten, der mit dem konservativen Kurs des emeritierten Bischofs Vitus Huonder bricht und die Gräben zwischen der Basis und der Bischofsleitung zuschüttet? Oder einen, welcher der bisherigen Linie treu bleibt?

Eine Liste mit möglichen Kandidaten geisterte kurz vor dem entscheidenden Moment durch verschiedene Medien. Recherchen unserer Zeitung zeigen nun: Die Domherren haben gar niemanden gewählt. Mit elf zu zehn Stimmen bei einer Enthaltung traten sie gar nicht auf den Wahlvorschlag ein, der ihnen Papst Franziskus unterbreitet hatte. Dass die Domherren auf ihr Wahlprivileg verzichten, gab es in der Geschichte des Bistums Chur noch nie. Wir liefern Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1. Wie wird der Bischof des Bistums Chur überhaupt gewählt?

Der Nuntius, der päpstliche Botschafter in der Schweiz, klärt ab, wer für dieses Amt in Frage kommen könnte und schlägt dem Vatikan mögliche Bischöfe vor. Daraus erstellt der Papst eine Dreierliste, aus der wiederum das Domkapitel den neuen Bischof kürt. Zum Bistum Chur gehören die Kantone Schwyz, Uri, Ob- und Nidwalden, Zürich, Glarus und Graubünden.

2. Wie geht es jetzt weiter?

Vorläufig bleibt der Apostolische Administrator Peter Bürcher im Amt. Er wurde nach Huonders Rücktritt von Papst Franziskus als eine Art Übergangsbischof eingesetzt. Das Wahlrecht der Domherren ist ein kirchenrechtliches Privileg. Wenn sie freiwillig darauf verzichten, hätte der Papst die Möglichkeit, es ihnen zu entziehen. Kurzum: Wenn Franziskus will, kann er ab sofort einen neuen Bischof von Chur unter Umgehung der Domherren installieren. Möglich ist auch, dass der Nuntius jetzt eine weitere Liste mit neuen Kandidaten erstellt, aus welcher der Papst den Domherren erneut eine Dreierliste präsentiert. Sein Amt wird der neue Bischof erst nach der Weihe in der Kathedrale in Chur antreten. Wann dieser feierliche Akt erfolgt, steht momentan in den Sternen.

3. Weshalb haben die Domherren keinen Bischof gewählt?

Bei den Domherren halten sich Konservative und Moderate ungefähr die Waage. Unabhängig von der innerkirchlichen Ausrichtung empfand eine Mehrheit die päpstliche Liste als Affront. Denn darauf figurierten zwei Mönche, die ausserhalb des Bistums Chur stehen. Zum einen handelt es sich um den 61-jährigen Mauro-Giuseppe Lepori. Er amtet derzeit als Generalabt des Orderns der Zisterzienser in Rom. Zum andern stand Vigeli Monn zur Wahl. Der 55-jährige Benediktiner ist Vorsteher des Klosters Disentis. Der dritte Kandidat war Joseph Bonnemain. Der 72-Jährige ist im Bistum Chur zuständig für die Beziehungen zu den Landeskirchen. Aufgrund seines Alters – mit 75 Jahren müssen alle Bischöfe ihren Rücktritt einreichen – kam er für die Mehrheit der Domherren wohl nicht infrage. Seine progressive Ausrichtung kommt nicht überall gut an.

4. Welche Hoffnungen werden in einen neuen Bischof gesetzt?

Grosse. Viele wünschen sich einen Brückenbauer, der die Gräben zwischen dem Huonder- und dem reformorientierten Lager zuschüttet. Das «Forum Priester der Diözese Chur» lancierte schon vor längerer Zeit in Pfarrblättern den Appell an die 700'000 Gläubigen im Bistum Chur, für einen «guten neuen Bischof» zu beten. Er solle versöhnend wirken und die Vielfalt und Lebendigkeit des kirchlichen Lebens im Bistum fördern Ungewissheit hält an.

5. Weshalb gilt das Bistum Chur als Problembistum?

Vitus Huonder sorgte in seiner Amtszeit immer wieder für Schlagzeilen – sei es mit schwulenfeindlichen Zitaten aus der Bibel, sei es mit einer strikten Haltung gegenüber geschiedenen Wiederverheirateten. Huonder mit seiner strikt an der Kirchenlehre orientierten Haltung viele Gläubige vor den Kopf. Auch Übergangsbischof Peter Bürcher zog mit Personalentscheiden wie der Entlassung von Martin Kopp, Generalvikar der Urschweiz, viel Unmut auf sich. Spannungen gibt es auch in der Beziehung zur Landeskirche. Generalvikar Martin Grichting, der als Vertrauter Huonders gilt, steht dem dualen System mit der römisch-katholischen und der Landeskirche ablehnend gegenüber. In den 1990er Jahren wurde das Bistum Chur durch innerkirchliche Streitigkeiten um den erzkonservativen Bischof Wolfgang Haas erschüttert. Papst Johannes Paul II. löste das Problem, indem er Haas 1997 zum Erzbischof von Vaduz wegbeförderte.