Die Kinder auf dem Sprungturm im Rheinfelder Strandbad stehen an, um sich im Sekundentakt in den 21 Grad kühlen Rhein zu stürzen. Sie wissen nichts von der Gefahr. Gemäss dem neuen Report der Europäischen Umweltagentur ist die Wasserqualität an dieser Stelle zu schlecht zum Baden. Rheinfelden ist deshalb ein roter Punkt auf der Europakarte, ebenso wie der Rhein bei Kaiseraugst und eine Badestelle am Genfersee.

Dabei kann man das Rheinwasser in kleiner Dosis sogar trinken. Markus Müller (58) lässt sich am Ufer von der Sonne trocknen und erzählt, seine Kinder und Enkelkinder hätten hier beim Schwimmen schon viel Wasser geschluckt. Nie hätten sie Beschwerden gehabt. Müller sagt: «Ich würde eher davon abraten, einen Schluck aus dem Kinderplanschbecken zu nehmen.» Badmeister Willy Vogt bestätigt: «Es hat sich noch nie jemand wegen Durchfallproblemen oder Ähnlichem gemeldet.»

Auch die Schweizer Behörden haben keine Bedenken und geben dem Rheinwasser gute Noten. Die EU sieht rot, obwohl ihr dieselben Daten vorliegen. Das Kantonslabor misst die Anzahl Fäkalbakterien in Gewässerproben, schickt die Zahlen dem Bundesamt für Umwelt in Bern, das sie wiederum der Umweltagentur in Kopenhagen weiterleitet.

Hochwasser trübt die Statistik

Der Grund für die unterschiedliche Einstufung ist die EU-Badegewässerrichtlinie. Diese stellt unrealistische Bedingungen auf. Die Daten müssen in genau definierten Abständen erfasst werden, teilweise auch bei Hochwasser. Das muss man sich so vorstellen: Ein Chemiker entnimmt dem Rhein eine Probe, während dieser als braune Brühe vorbeirauscht, der Sprungturm gesperrt ist und die Strömung lebensgefährlich ist. Dass dann die Fäkalwerte vorübergehend hoch sind, ist nicht erstaunlich, da über Nebenflüsse Dreck angespült wird und einige Kläranlagen überlastet sind. Die Schweiz wertet für die Badequalität deshalb nur die Schönwetterdaten aus. Gemäss der EUBadegewässerrichtlinie spielt es aber keine Rolle, ob Badewetter herrscht oder nicht. Die Schlussfolgerung ist kurios: Man soll bei schönem Wetter nicht baden, weil die Qualität bei schlechtem Wetter mangelhaft ist.

Wäre die Schweiz Mitglied der EU, müsste sie am Rheinufer Warnschilder aufstellen. Ein Stück weit gehört sie allerdings schon dazu. Sie ist Mitglied der Europäischen Umweltagentur und beachtet deshalb bei der Datenerhebung die EU-Badegewässerrichtlinie. Nur die daraus folgenden Warnungen ignoriert sie.

Aargau droht mit Boykott

Der Kanton Aargau will nun ganz aus dem Badesystem der EU aussteigen. Irina Nüesch vom Gesundheitsdepartement sagt: «Wir überlegen uns, ab nächster Saison keine Daten mehr zu liefern.» Bisher machte der Aargau mit, weil ein Eintrag auf der EU-Gewässerkarte positiv für den Tourismus ist. Anstatt dort aber negativ zu erscheinen, zieht es der Kanton vor, unsichtbar zu werden.

Die EU-Warnungen vermitteln ein falsches Bild. Die Hygiene der Schweizer Flüsse und Seen hat seit den 1980er-Jahren enorme Fortschritte gemacht. Damals badete niemand im Rhein, heute ist es ein Volkssport. Nicht nur die für Menschen gefährlichen Keime wurden seltener. Seit den 1990er-Jahren hat auch die für Fische problematische Stickstoffbelastung kontinuierlich abgenommen. Die Gründe: Die Kläranlagen wurden besser und die Umweltvorschriften schärfer.

Seen schneiden bei der Wasserqualität generell besser als Flüsse ab, weil der Schmutz in der Masse eines Sees untergeht. Die oberste Schicht wird zudem durch UV-Strahlung stärker gereinigt. Auf dem Sprungturm in Rheinfelden bleibt keine Zeit für solche Gedanken. Die grösste Gefahr ist, dass die Füsse beim Anstehen auf dem schwarzen Boden zu heiss werden. Ab ins Wasser!

Bei dieser Hitze nicht baden? Unvorstellbar!