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Die NZZ bricht mit ihrer Tradition: Drei mögliche Gründe, wie es dazu kam

Chefredaktor Markus Spillmann, Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod und CEO Veit Dengler (v.l.)

Erstmals geht bei der NZZ ein Chefredaktor vor der Pension – was hat Markus Spillmann falsch gemacht?

Chefredaktor Markus Spillmann, Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod und CEO Veit Dengler (v.l.)

Erstmals geht bei der Neuen Zürcher Zeitung ein Chefredaktor vor der Pension. Branchenkenner glauben nicht an einen freiwilligen Abgang von Markus Spillmann. Doch was hat er falsch gemacht?

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) gibt es seit fast 235 Jahren. Gestern geschah beim Traditionsblatt Historisches: Chefredaktor Markus Spillmann gibt seinen Posten nach nur acht Jahren ab.

Das ist höchst unüblich: Denn seit den 1930er-Jahren war der 47-jährige Spillmann erst der vierte NZZ-Chefredaktor. Seine Vorgänger waren deutlich länger im Amt und bei ihrem Rücktritt bereits im Pensionsalter.

Für viele kommt der Abgang Spillmanns überraschend. Auch grosse Teile der NZZ-Redaktion haben nicht mit der Trennung gerechnet.

Als CEO Veit Dengler und Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod gestern Nachmittag um 15 Uhr die Redaktion informierten, waren viele erstaunte Blicke zu sehen, berichten Anwesende.

Zudem hätten Dengler und Jornod keinen besonders souveränen Eindruck hinterlassen. Ihre Erklärungen, wieso genau es zum Rücktritt von Spillmann gekommen sei, stimmten zum Teil nicht ganz überein.

Unglaubwürdige Lobeshymne

Auch die offizielle Kommunikation der NZZ lässt vermuten, dass der Rücktritt Spillmanns in Wirklichkeit ein Rausschmiss ist. Die NZZ titelte in ihrer Medienmitteilung zwar «Chefredaktor Spillmann tritt zurück».

Gleich zu Beginn des Communiqués heisst es aber, dass der Verwaltungsrat mit Markus Spillmann «übereingekommen» sei, dass dieser auf Ende Jahr von seinen Funktionen zurücktritt.

Zwar versuchte Verwaltungsratspräsident Jornod wenig später auf dem NZZ-Onlineportal, seine Betroffenheit über Spillmanns Abgang zu vermitteln. Seine ausführliche Lobeshymne liest sich angesichts der ersten Mitteilung aber eher wie ein verzweifelter Versuch, die Trennung in ein gutes Licht zu rücken.

Branchenkenner, die nicht genannt werden wollen, glauben nicht an einen freiwilligen Abgang Spillmanns. Sie sind überzeugt von einem Rausschmiss. Es werden drei Thesen herumgereicht, warum es tatsächlich zur Trennung gekommen ist:

1. Kein Flair für Digitales?

CEO Dengler hat den Auftrag, die NZZ in der digitalen Welt endlich erfolgreich aufzustellen. Mit dem Printgeschäft geht der ehemalige McKinsey-Mann aus Österreich dabei nicht zimperlich um. Das zeigte zuletzt die Schliessung der Druckerei in Schlieren Ende November. Spillmann jedoch ist ein Traditionalist, der in der digitalen Welt nicht wirklich zu Hause ist. Zwar hat er die Bezahlschranke für Online-Artikel eingeführt sowie die Online- und Print-Redaktionen zusammengelegt. Kritiker bemängeln jedoch, dass das alleine nicht genüge. Um online wirklich durchzustarten, brauche es auch neue Köpfe, die in diesem Bereich gross geworden sind.

Dazu muss man wissen: Der Chefredaktor hat innerhalb der NZZ-Mediengruppe eine Sonderstellung. Ohne seine volle Unterstützung kann der CEO den digitalen Wandel nicht vorantreiben. Denn der NZZ-Chefredaktor ist sowohl dem CEO als auch dem Verwaltungsrat unterstellt. Er kann vom CEO nicht ausgewechselt werden. Dengler war deshalb auf die Unterstützung des Verwaltungsrats angewiesen. Offenbar hat er diese nun bekommen.

2. Keine Lust auf Entmachtung?

In der Medienmitteilung schreibt die NZZ, dass sie ihre publizistische Leitung neu organisieren will. Im Moment ist der NZZ-Chefredaktor gleichzeitig auch Leiter Publizistik. Das heisst, er verantwortet nicht nur die Online- und Printausgabe der klassischen NZZ, sondern unter anderem auch die NZZ am Sonntag sowie NZZ Format.

Neu sollen diese Aufgaben «auf mehrere Schultern verteilt werden, um den laufenden Transformationsprozess weiterhin erfolgreich voranzutreiben», schreibt die NZZ. Darüber seien sich Spillmann und der NZZ-Verwaltungsrat einig gewesen. In Bezug auf die konkrete Umsetzung gab es jedoch unterschiedliche Vorstellungen. Das legt den Schluss nahe, dass Spillmann nicht bereit war, sich entmachten zu lassen – und eine Trennung vorzog.

Die Trennung von Chefredaktion und publizistischer Leitung wäre für Spillmann bereits die zweite Entmachtung während seiner Amtszeit gewesen. 2006 startete er als Vorsitzender der NZZ-Geschäftsleitung. 2011 wurden jedoch die publizistischen und kommerziellen Belange getrennt.

3. Die falsche politische Haltung?

Noch bevor Spillmanns Abgang offiziell verkündet worden war, wurden in den sozialen Medien die Namen möglicher Nachfolger herumgereicht. Einer davon: Markus Somm, jetziger Chefredaktor der Basler Zeitung und Vertrauter von Christoph Blocher. Offenbar wurde der Name Somm innerhalb des NZZ-Verwaltungsrats diskutiert.

Es gibt seit längerem Gerüchte, wonach bei der NZZ rechtskonservative Kreise mehr Einfluss nehmen möchten. So wurde an der diesjährigen Generalversammlung heftig über den sogenannten Parteizwang diskutiert. Laut einem alten Passus kann nur Aktionär werden, wer FDP-Mitglied ist oder zumindest keiner anderen Partei angehört und sich zur freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennt. 30 Prozent der Aktionäre wollten diesen Passus abschaffen. Ein beachtliches Resultat für das traditionsbewusste Medienhaus.

Haben rechtskonservative Kräfte im Verwaltungsrat mittlerweile die Oberhand gewonnen? Das würde erklären, wieso Somm als möglicher künftiger Chefredaktor gehandelt wird – und auch die Absetzung des stramm liberalen Spillmann. Somm war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, die NZZ wollte auf das Gerücht nicht eingehen.

Zahlreiche Herausforderungen

Unabhängig davon, welche These zutrifft – auf den neuen Chefredaktor warten grosse Aufgaben: Die NZZ muss online endlich Geld verdienen. Dazu müssen neue Leser gewonnen werden, ohne alte zu vergraulen. Zum Beispiel wird der Wirtschaftsteil gemäss einer Untersuchung sehr schlecht gelesen. Auch die ehrgeizige Expansion nach Österreich gestaltet sich nicht einfach. Und der Print-Relaunch unter dem Titel «Neo» muss umgesetzt werden.

Vorübergehend stellen sich die stellvertretenden Chefredaktoren René Zeller, Luzi Bernet und Colette Gradwohl den Herausforderungen. Offiziell will der Verwaltungsrat den dreifachen Familienvater Spillmann im Unternehmen halten. Ob dieser Lust hat, ist aber ungewiss. Nach dem Jahresende wird er erst einmal eine Auszeit nehmen.

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