Zehn Tage. Viel kann passieren in zehn Tagen. Die entscheidenden Ereignisse der russischen Oktoberrevolution fanden in den ersten zehn Tagen statt. Bertrand Piccard hatte nach zehn Tagen, eingepfercht in seinem Ballon, schon die halbe Welt umrundet. Und der Krieg zwischen Israel und seinen israelischen Nachbarn war 1967 nach zehn Tagen schon längst vorbei. Es möge die Verantwortlichen der Weltausstellung in Mailand beruhigen – denn, dass ihre Expo 2015 in zehn Tagen die Pforten öffnet, darauf deutet derzeit herzlich wenig hin, wie ein Augenschein vor Ort zeigt. 

Expo Milano: So sieht es im Schweizer Pavillon aus.

Expo Milano: So sieht es im Schweizer Pavillon aus

Die Umgebung des riesigen Ausstellungsgeländes im Vorort Rho, einem typischen Industriegebiet, ist wenig erbaulich: Öltanks ragen in den Himmel, die Fabrikhallen sind grau, man fährt an einem Gefängnis vorbei. Der Blick aus der Zelle wird für die Insassen in den nächsten sechs Monaten spannender sein als auch schon, sie haben gute Sicht auf den Wanderzirkus namens Expo. Ein Wanderzirkus, der diesmal direkt vor der Schweizer Haustür Halt macht – nur hat es hierzulande noch kaum jemand gemerkt. Auch aus diesem Grund lud Präsenz Schweiz gestern zur Vorpremiere in den Schweizer Pavillon.

Wie lange reicht der Kaffee?

Doch bevor man auf dem Expo-Gelände das weisse Kreuz auf rotem Grund erblickt, muss man durch die Baustelle. Betonsäcke liegen auf Paletten, überall wuseln Arbeiter herum und der Bus kommt nur im Schneckentempo vorwärts, weil Lastwagen ihre Ware anliefern. Von den «Pavillons» mancher Länder steht gerade mal die Grundstruktur. Andere kommen äusserlich schon überaus hübsch und komplett fertig daher, dahinter blicken darf man freilich nicht. Man hofft für sie, dass sie nicht Teil eines Potemkinschen Dorfes sind.

Der Schweizer Pavillon ist es nicht, dafür steht ein Schreiner. Er bringt am Geländer der Holzpasserelle, die zum Hauptgebäude führt, den buchstäblich letzten Schliff an. Die Hobelspäne fliegen. Hinter ihm ragt das Herzstück des Schweizer Auftritts in die Höhe, vier Türme aus Platten und Glas. Sie wirken wie Silos – und sie sind es auch. Denn in ihrem Innern bergen sie typisch schweizerische Lebensmittel: Salz, Kaffee, Wasser und Apfelringe, abgefüllt in einzelne Päckchen. Die Schweiz lehnt sich damit am Thema der Weltausstellung an: «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben.»

Die Schweizer Idee ist ausgeklügelt: Die Besucher dürfen sich an den Produkten bedienen, bis es keine mehr gibt. Das soll sie zum Nachdenken über den persönlichen Konsum, die eigene Verantwortung und die weltweite Verteilungsgerechtigkeit anregen. Während sich die Türme allmählich leeren, senken die Verantwortlichen die Plattformen, auf denen die Besucher stehen. Zudem wird an der Aussenmauer der jeweilige «Zwischenstand» angeschrieben. Die Gäste können also direkt mitverfolgen, wie viel Nahrung noch übrig bleibt.

Wie viele Produkte die einzelnen Besucher mitnehmen, ist ihnen selbst überlassen. «Wir kontrollieren das ganz bewusst nicht und wollen damit auch eine Botschaft aussenden», sagt Manuel Salchli von Präsenz Schweiz. Ob die Rechnung aufgeht, ist schwierig zu sagen: Weil man nur mit Anmeldung und mittels Lift in die Türme kommt, kann der maximale Besucherzustrom während der sechs Monate ziemlich präzise vorausgesagt werden: 2 Millionen Personen. Von den Nescafé-Sticks gibt es 2,5 Millionen – man rechne. Doch nimmt jede Person auch höchstens ein Päckchen oder füllen sich manche gleich die ganze Einkaufstüte? «Es ist auch ein bisschen ein soziales Experiment», so Salchli.

Neben den Türmen buhlen weitere Bereiche des Schweizer Expo-Auftritts um die Gunst des Publikums, etwa ein Restaurant, eine Ausstellung der Städte Basel, Zürich und Genf oder das Auditorium, wo Veranstaltungen und Konferenzen stattfinden. Am überzeugendsten ist dabei der Auftritt der Gotthardkantone Tessin, Uri, Graubünden und Wallis, die als gemeinsames Überthema «Wasser» auserkoren haben. In der interaktiven Ausstellung können die Besucher Wasser über einen bearbeiteten Granitstein plätschern lassen – und zusehen, in welches Meer der fiktive Fluss fliesst.

Maskottchen als Lockvogel

Die grosse Frage des Schweizer Pavillons wird sein, ob es überhaupt gelingt, genügend Gäste anzulocken. Denn so interessant das Konzept, so unauffällig die Aufmachung: Im Vergleich zu den teilweise pompösen Bauwerken mancher Länder wirkt der Schweizer Pavillon geradezu bieder. Kaum Farben, wenig experimentelle Formen und von der Fussgängerzone ist auf den ersten Blick nur eine Birkenallee zu sehen. Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau ist überzeugt, dass der kühle Eindruck verfliegen wird, kaum ist die Expo lanciert – etwa, indem Maskottchen den Gästen den Weg zeigen oder weil die Türme in den nächsten Tagen einen Farbanstrich kriegen. «Zudem wirkt der Pavillon automatisch wärmer, wenn sich Menschen darin befinden», so Bideau.

Die Prognose, dass im Schweizer Pavillon bis zum Tag X auch die letzten Details angepasst sind, ist wenig gewagt. So wie auch voraussehbar ist, dass bei anderen Ländern auch dann noch kräftig Hand angelegt werden muss. Dabei würde man den Bauarbeitern nach den stressigen letzten Wochen zur offiziellen Eröffnung der Weltausstellung 2015 etwas Freizeit gönnen. Sie ist am 1. Mai. Besser bekannt als: Tag der Arbeit.