Solothurn
Die Uniform als rotes Tuch

Der touristischer Haussegen hängt schief: Solothurns Tourismusdirektor hat sich mit den Stadthostessen angelegt. Zwar wurde mittlerweile eine Einigung erzielt, wie haltbar diese ist, muss sich allerdings zeigen.

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Hostessen

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Solothurner Zeitung

Regula Bättig

Solothurn mag als touristisches Entwicklungsland gelten, in Sachen Stadtführungen macht der Stadt jedoch niemand etwas vor: Mit 1400 Führungen im letzten Jahr zählt Solothurn national zur ersten Garde. Ausgerechnet in diesem Bereich herrscht nun aber dicke Luft - und das schon seit einem Dreivierteljahr. Denn kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember setzte Jürgen Hofer dazu an, den Bereich Stadtführungen neu zu organisieren. Seither tut sich ein tiefer Graben auf zwischen Solothurns Stadthostessen und dem Tourismusdirektor.

«Es gibt gewisse Differenzen», bestätigt Chefhostess Theres Wyss. Es sei ihr bewusst, dass neue Leute meist gleichbedeutend seien mit neuen Ideen, «und wir waren durchaus offen dafür». Dass aber die Existenz der Stadthostessen - die immerhin seit 35 Jahren bestünden - in Frage gestellt werde, sei etwas zu viel des Guten.

Vertraglich ist alles unklar

Wem die Stadthostessen denn nun «gehören», ist unklar: Region Solothurn Tourismus pocht darauf, die Hostessen hätten einen Vertrag mit der Stadt. Dort wiederum heisst es, es gebe eine Vereinbarung zwischen Stadt und Region Solothurn Tourismus. Laut dieser stelle der Verein ein Korps von elf Hostessen, die für offizielle Stadtführungen und zu Repräsentationszwecken eingesetzt werden können. Die Stadt sei lediglich verpflichtet «den Damen für diese Einsätze eine Entschädigung zu zahlen und die Sozialleistungen zu übernehmen», sagt Stadtschreiber Hansjörg Boll. Warum der Sponsoring-Vertrag für die Uniformen 2004 dann aber von Ex-Stadtschreiber Peter Gisiger und nicht vom damaligen Tourismus-Direktor Erich Egli unterzeichnet wurde, kann sich niemand erklären. Unklar ist derzeit auch, ob nach Ablauf des Vertrags wieder spezielle Hostess-Uniformen angeschafft werden sollen. (rb)

Die Co-Existenz von Stadtführerinnen und Stadthostessen sei nie zuvor ein Thema gewesen, «das Nebeneinander hat immer bestens funktioniert». Wyss ist überzeugt, dass vor allem die Uniformen der Stadthostessen dem neuen Tourismusdirektor nicht ins Konzept passen. Bei seinem Bemühen, Hostessen und Stadtführerinnen auf einen Nenner zu bringen, habe sich Hofer auch nicht sehr geschickt verhalten. So sei er - «wohl in Unkenntnis der Sachlage» - davon ausgegangen, dass ihm die elf Hostessen genauso unterstellt seien wie die 34 Stadtführerinnen und Stadtführer. «Aber dem ist nicht so», stellt Wyss klar: «Wir Stadthostessen sind eine eigenständige Organisation mit eigenem Sponsoring und verursachen weder der Stadt noch dem Tourismusverein Kosten».

«Gleiche Arbeit, gleiche Rechte»

Von exakt dieser Eigenständigkeit ist Tourismusdirektor Jürgen Hofer wenig angetan. Für ihn komme es nicht in Frage, dass weiterhin «ein Club im Club» bestehe. «Die Stadtführerinnen leisten schliesslich die gleiche Arbeit wie die Hostessen und haben die gleiche Ausbildung.» Die bestehenden Sonderrechte (mehr Verdienst und mehr Mitsprache) möchte er daher aus der Welt schaffen. Dass Chefhostess Wyss die Aufträge «ihren» Damen bisher selber weiter verteilt hat, findet Hofer ebenfalls wenig sinnvoll: «Da werden unnötig zwei Administrationen nebeneinander betrieben, zudem wird immer kurzfristiger gebucht, wodurch das bisherige System an seine Grenzen kommt.» Dass sämtliche Aufträge vom Tourist Office aus vergeben werden sollen, kommt beim Elfer-Korps allerdings auch nicht sehr gut an.

«Team auflösen wäre sehr dumm»

Selbst wenn es teilweise so verbreitet worden sei: Es sei kompletter Unsinn, dass Jürgen Hofer die Stadthostessen abschaffen wolle, sagt René Hohl, Präsident von Region Solothurn Tourismus. «Das könnte er gar nicht, schliesslich hätten diese einen Vertrag mit der Stadt» (siehe Kasten). «Die Damen sind zudem hervorragende Repräsentantinnen unserer Stadt. Es wäre daher sehr dumm, dieses Team aufzulösen».

Kaum noch offizielle Auftritte

Ihren ersten Auftritt hatten die Stadthostessen 1971 bei der Fernsehshow Spiel ohne Grenzen. Eine gute Sache, fand man und so unterzeichneten Stadt mit dem damaligen Vekehrsverein 1975 eine Vereinbarung, dass künftig ein Korps von elf Damen für Repräsentationszwecke zur Verfügung steht. Waren es in den 80er-Jahren jährlich rund 70 Einsätze für die Stadt, seien es heute noch rund 10 bis 15, sagt Stadtschreiber Hansjörg Boll, «inklusive der HESO». Von den jährlich rund 1400 Stadtführungen werden etwa 250 von Hostessen gehalten- sehr oft zu Spezialthemen. Ausser im Auftreten - Hostessen tragen Uniform - gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Hostessen und Stadtführerinnen: die Ausbildung ist gleich. Eine gewisse Rolle bei der ganzen Diskussion kommt dann auch der Uniform zu. 2004 wurde eine neue angeschafft, gesponsert von der Wyss Zäune AG - die Andreas Wyss gehört, dem Ehemann von Chef-Hostess Theres Wyss. Der mit der Stadt abgeschlossene Sponsoringvertrag läuft noch bis 2014. Ob danach wieder spezielle Hostessen-Uniformen angeschafft werden, ist noch offen. (rb)

Doch sei es an der Zeit gewesen, beim derzeitigen Zweiklassensystem Stadtführerinnen/Stadthostessen Anpassungen vorzunehmen - selbst wenn zu erwarten gewesen sei, dass dies nicht ganz ohne Nebengeräusche vonstatten gehen werde, sei. Doch sei das Ganze «vielleicht etwas zu wenig subtil aufgegleist» worden. De Facto wurde dabei sogar massig Geschirr zerschlagen. Gerüchteweise ist von wüsten Beleidigungen die Rede, von Drohungen und der Forderung, Köpfe rollen zu lassen.

Gangbarer Weg gefunden

Nach etlichen Sitzungen und Gesprächen scheint das zerschlagene Geschirr einigermassen gekittet zu sein: Man habe einen gangbaren Weg gefunden, sagen Hofer, Hohl und Wyss unisono. Nebst dem, dass sämtliche Aufträge vom Tourist Office verteilt werden, soll ein neues Entschädigungssystem für finanzielle Gleichstellung sorgen: «Der Ansatz für Hostessen wie Führerinnen ist gleich: für Führungen am Sonntag, in Fremdsprachen oder in Uniform wird ein Zuschlag bezahlt», erklärt Hofer. Auch soll der Aufwand für die Neuentwicklung von Sonderführungen entschädigt werden.

Einheitlicher Auftritt ist Ziel

Wie haltbar der Kitt ist, muss sich noch zeigen. Schliesslich sagen sowohl Hofer wie auch Hohl, es sei Ziel, dass Solothurns Stadtführer-Crew dereinst einen einheitlichen Auftritt aufs Kopfsteinpflaster legt. «Das muss keine Uniform sein: Ein Blazer, ein Schal für die Damen und eine Krawatte für die Herren, das wäre in etwa das, was mir vorschwebt», sagt Hofer. Und während Hohl von «mittelfristig» spricht, möchte Hofer bereits 2011 so weit sein. Mindestens bis zum Auslaufen des Sponsoring-Vertrags müssen man in Kauf nehmen, dass es zwei offizielle Einkleidungen gebe. Und dann? Könne er «allenfalls Wünsche äussern», da die Stadt Vertragspartner sei (siehe Kasten).

Allen Diskussionen zum Trotz: Für Solothurn Tourismus gebe es wichtigere Themen als Hostessen-Uniformen, stellt Hofer klar: «Die nach wie vor ungelöste Weissenstein-Frage beispielsweise.»

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